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Aktuell Armut

Aus dem Slum von Dhaka ins reiche Riad

Wer in Bangladesch der Armut entfliehen und Geld verdienen will, dem bleibt mitunter nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen. Über 400 000 Bangladeschis reisen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge deshalb jedes Jahr aus und verdingen sich zumBeispiel in den reichen Golfstaaten der arabischen Halbinsel. Manche haben Erfolg, viele aber werden diskriminiert, ausgebeutet, sexuell belästigt oder gar vergewaltigt

Straße im Slum von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Viele Frauen hier gehen für ein paar Jahre ins Ausland, um Geld für ihre
Straße im Slum von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Viele Frauen hier gehen für ein paar Jahre ins Ausland, um Geld für ihre Familien zu verdienen.FOTOS: SCHÜRER Foto: Emanuel K. Schürer
Straße im Slum von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Viele Frauen hier gehen für ein paar Jahre ins Ausland, um Geld für ihre Familien zu verdienen.FOTOS: SCHÜRER
Foto: Emanuel K. Schürer

DHAKA. Aisha Begum ist vor circa einem halben Jahr wieder aus Saudi-Arabien zurückgekommen. Dort hatte sie für zwei Jahre als Haushaltshilfe gearbeitet. Jetzt wohnt die alleinstehende 38-Jährige mit ihren beiden 18- und 21-jährigen Söhnen wieder in einer Wellblechhütte im Chambara Slum in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Der einzige von einem großen Bett beherrschte Raum mit Regal und Schrank ist penibel aufgeräumt und geputzt. In einem etwa zwei Quadratmeter großen Vorraum kann Aisha Begum kochen. Die Latrine nebenan nützen ihre Familie und die fünfköpfige Familie ihrer Schwester Mina gemeinsam. Mina wohnt mit Mann und drei Kindern in der Hütte nebenan.

»Das Leben als Alleinstehende ist hier sehr schwer. Ich und meine Kinder haben keine Arbeit«, sagt Aisha Begum. Sie hat sich bereit erklärt, deutschen Journalisten Rede und Antwort zu stehen, die mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen in Dhaka über die Lebensverhältnisse in Bangladesch recherchieren. Sie habe damals gehört, dass man in Saudi-Arabien gut Geld verdienen kann, erzählt Aisha vor ihrer Hütte. 200 000 Taka, umgerechnet etwa 2 000 Euro, habe sie in den zwei Jahren dann auch verdient, so wie es auch vereinbart war. Vieles von dem Geld hat sie ihrer Familie nach Hause geschickt. Aktuell lebt sie mit ihren Söhnen von den Ersparnissen. 70 Prozent der Jugendlichen in dem Slum sind arbeitslos, auch die meisten Männer, ist zu hören.

Mina mit ihrem jüngsten Sohn im Chambara Slum von Dhaka. Sie will ein paar Jahre im Ausland als Näherin arbeiten, um dann ein ri
Mina mit ihrem jüngsten Sohn im Chambara Slum von Dhaka. Sie will ein paar Jahre im Ausland als Näherin arbeiten, um dann ein richtiges Ziegelsteinhaus für ihre Familie kaufen zu können. Ihre Kinder möchten aber nicht, dass ihre Mutter so lange weg ist. Foto: Emanuel K. Schürer
Mina mit ihrem jüngsten Sohn im Chambara Slum von Dhaka. Sie will ein paar Jahre im Ausland als Näherin arbeiten, um dann ein richtiges Ziegelsteinhaus für ihre Familie kaufen zu können. Ihre Kinder möchten aber nicht, dass ihre Mutter so lange weg ist.
Foto: Emanuel K. Schürer

Eine Agentur hatte die Reise Aishas nach Saudi-Arabien finanziert, genauso wie den dreiwöchigen Sprachkurs in Arabisch zur Vorbereitung. »Da kann man nicht viel lernen, aber er ist Pflicht, sonst darf man gar nicht ausreisen.« Vor dem Fliegen habe sie keine Angst gehabt, sagt Aisha Begum. Bei einer zehnköpfigen Familie in Riad hütete sie dann die Ziegen, machte sauber, half der Frau des Hauses in der Küche und spülte das Geschirr.

»Ich durfte auch gar nicht mit Fremden reden. Das wollte die Familie nicht«

Feste Arbeitszeiten habe es nicht gegeben, auch keinen freien Tag pro Woche, berichtet Aisha. Ihren Reisepass habe sie in Saudi-Arabien abgeben müssen. Eine andere Frau aus Bangladesch habe sie in Riad nicht getroffen. »Ich durfte auch gar nicht mit Fremden reden. Das wollte die Familie nicht.« Ihre Arbeitgeber waren sehr religiös, sagt Aisha. Sie selbst habe in Saudi-Arabien eine Moschee aber nur von außen gesehen. »Ich habe aber eine Pilgerfahrt nach Mekka machen dürfen, das hat die Familie bezahlt.«

Ob sie auch ein schönes Erlebnis hatte? Aisha überlegt kurz, bevor sie antwortet. »Die Familie ist manchmal zum Picknick raus in den Park gegangen und hat mich mitgenommen. Das war sehr schön.« Aisha wäre gern auch noch etwas länger in Saudi-Arabien geblieben, sagt sie. Doch ihre Mutter habe sich nicht mehr um die beiden Söhne kümmern können, deshalb musste sie zurück.

Aisha Begum hat zwei Jahre als Haushaltshilfe in Saudi-Arabien gearbeitet, bevor sie nach Bangladesch zurückkehrte.
Aisha Begum hat zwei Jahre als Haushaltshilfe in Saudi-Arabien gearbeitet, bevor sie nach Bangladesch zurückkehrte. Foto: Emanuel K. Schürer
Aisha Begum hat zwei Jahre als Haushaltshilfe in Saudi-Arabien gearbeitet, bevor sie nach Bangladesch zurückkehrte.
Foto: Emanuel K. Schürer

Aishas jüngere Schwester Mina möchte auch ins Ausland. Sie ist inzwischen »ungefähr 30 Jahre alt«, wie sie sagt. Mina ist verheiratet und hat drei Söhne im Alter von 18, 9 und zweieinhalb Jahren. Sie hat früher in einer bangladeschischen Kleiderfabrik gearbeitet. Da hat sie 8 000 bis 9 000 Taka (circa 80 bis 90 Euro) im Monat verdient. Die Arbeit war schwer, das Essen nicht regelmäßig und mit manchen Vorgesetzten gab es auch Schwierigkeiten, erzählt sie. Auf Mauritius, wo Mina bald zum Arbeiten hin will, würde sie in einer Textilfabrik 30 000 Taka (300 Euro) monatlich verdienen, hat Mina gehört. Eine Freundin von ihr arbeite schon seit sieben Jahren dort.

»Die Frauen wollen aber trotzdem weg. Da hilft auch alles Zureden nichts«

Die Verträge hat Mina schon unterschrieben. Wann es losgeht, weiß sie aber nicht. Vorher muss sie noch Französisch lernen. Für die Kosten hat sie einen Kredit von 90 000 Taka (ungefähr 900 Euro) aufgenommen. Den muss sie dann in Raten von 3 000 Taka (30 Euro) abzahlen. Um die Kinder würden sich ihr Mann und die Großmutter kümmern, wenn sie weg sei, sagt Mina. »Die Kinder wollen manchmal nicht, dass ich gehe«, räumt sie ein. Die Mutter träumt davon, später für ihre Familie dann ein Haus aus Ziegelsteinen bauen zu können, so eines wie das schräg gegenüber in der Nachbarschaft.

Ob Minas Traum von einer besseren Zukunft für ihre Familie aufgehen wird, steht freilich in den Sternen. Viele der Frauen aus Bangladesch werden im Ausland unterdrückt oder nicht richtig bezahlt. Manche werden auch geschlagen, sexuell belästigt oder vergewaltigt, berichtet Fatima. Fatima arbeitet als Sozialarbeiterin in Dhaka und ist zuständig für einen Bereich mit 60 000 Familien.

Bezahlt wird Fatima von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Unterorganisation der UNO. Fatima kümmert sich um die Vorbereitung der Arbeitsmigrantinnen, um ihre Rückholung und auch ihre Wieder-Eingliederung in die heimische Gesellschaft. Das Projekt, an dem auch die Hilfsorganisation US-Aid beteiligt ist, läuft drei Jahre und soll verlängert werden, sagt Fatima.

Fatima arbeitet als Sozialarbeiterin im Slum von Dhaka und kümmert sich da vor allem um Wanderarbeiterinnen.
Fatima arbeitet als Sozialarbeiterin im Slum von Dhaka und kümmert sich da vor allem um Wanderarbeiterinnen. Foto: Emanuel K. Schürer
Fatima arbeitet als Sozialarbeiterin im Slum von Dhaka und kümmert sich da vor allem um Wanderarbeiterinnen.
Foto: Emanuel K. Schürer

Jedes Jahr gehen ungefähr 600 Frauen aus dem Slum zum Arbeiten ins Ausland, sagt Fatima. Jedes Jahr melden sich 50 bis 60 von ihnen, weil sie schwere Probleme haben. Meistens kommen die Hilferufe aus Saudi-Arabien, weniger aus Dubai oder Jordanien, wo auch viele Bangladeschis arbeiten. »Die Saudis unternehmen nichts gegen die Übeltäter«, ist Fatimas Erfahrung. Sie schaltet dann die bangladeschischen Behörden ein, und die veranlassen, dass die Botschaft die Rückreise der Betroffenen organisiert. Fatima kümmert sich um die medizinische und psychologische Behandlung der Frauen und versucht, sie zu Hause wieder zu integrieren. Bei vielen zerbrechen die Familien aber auch. Manche Ehemänner wollten nichts mehr mit ihren zurückgekehrten Frauen zu tun haben. In Chambara haben sich derlei Probleme herumgesprochen, sagt Fatima. »Die Frauen wollen aber trotzdem weg. Da hilft auch alles Zureden nichts.« Sie fühlten sich verantwortlich dafür, Familie und Haushalt aufrechtzuerhalten. »Die Männer denken da nicht so«, heißt es. Männer aus dem Slum seien im Ausland auch nicht so gefragt, weil dort Fachkräfte gebraucht würden. Die Nachfrage nach Frauen als Haushaltshilfen oder Näherinnen steigt hingegen.

Fatima hat ein weiteres Problem ausgemacht: Die Kinder der Frauen im Ausland gehen oft nicht mehr regelmäßig zur Schule, wenn die Mutter nicht da ist. Die werden also schlecht ausgebildet. Trotz allem hält Fatima die Auslandseinsätze insgesamt für gut: »Es ist grundsätzlich positiv, denn es hat die Armut reduziert. Auch die Rolle der Frauen ändert sich, wenn sie Geld verdient haben und selbstbewusster geworden sind.« (GEA)