REUTLINGEN. Russland ist eine Bedrohung, auf Amerika ist kein Verlass: So nehmen deutsche Politiker die Sicherheitslage wahr. Seit der Zeitenwende-Rede von Ex-Kanzler Scholz wird darum verstärkt in die heimische Rüstungsindustrie investiert. Die Wirtschaft wittert ein lukratives Geschäft. Traditionsunternehmen erweitern ihr Portfolio, Startups gründen sich neu. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Selbstverteidigung bleibt doch ein Unbehagen.
Der Rüstungsboom schafft Wirtschaftswachstum und Arbeitplätze. Ingenieure, Maschinenbauer und Informatiker sind gefragt. Baden-Württemberg, dessen Auto- und Zulieferbranche unter Druck steht, kommt das zugute. Geschäftsfelder eröffnen sich nicht nur für klassische Rüstungskonzerne, sondern auch für junge Firmen aus der Tech-Branche, deren digitale Technologien sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Das Gewinndenken folgt der Marktlogik, argumentiert wird aber mit Moral. Die Firmen werben mit Verteidigung, Sicherheit, Prävention.
Verdeckt wird damit, dass Rüstung immer ein Geschäft mit dem Tod ist. Auch wenn das Opfer sich gegen den Angreifer verteidigt und Aufrüstung womöglich die beste Option in einer bedrohlichen Situation ist. Die politische Rhetorik wirbt in der Gesellschaft um Akzeptanz für bewaffneten Konflikt. Sicherheit durch Aufrüstung ist paradox und hat schon im Kalten Krieg mehr schlecht als recht funktioniert. Einen weiteren Widerspruch zeigen auch Umfragen in der Bevölkerung: Die Mehrheit der Bundesbürger will Aufrüstung, aber kaum einer will selbst kämpfen. (GEA)

