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»La Bohème« im Hippie-Gewand: Puccini-Oper am Ulmer Theater

Musikalisch überzeugend und stimmig inszeniert ist Giacomo Puccinis Oper »La Bohème« am Ulmer Theater.

In Liebe verbunden: Rodolfo (Kwonsoo Jeon) und Mimi (Maryna Zubko).
In Liebe verbunden: Rodolfo (Kwonsoo Jeon) und Mimi (Maryna Zubko). Foto: Jochen Quast
In Liebe verbunden: Rodolfo (Kwonsoo Jeon) und Mimi (Maryna Zubko).
Foto: Jochen Quast

ULM. Hach, das war einfach nur schön! Die Premiere von Giacomo Puccinis »La Bohème« am Ulmer Theater wurde völlig zu Recht mit viel Applaus und stehenden Ovationen gefeiert. Wolf Widder hat die Oper fürs Ulmer Ensemble als das inszeniert, was sie ist. Eine bunte und ergreifende Geschichte, die keine bemühten Regie-Einfälle und überkandidelten Kulissen nötig hat und Raum lässt für das Wesentliche: Puccinis in jeder einzelnen Sekunde inspirierte, vor Farbenreichtum und Emotionen überquellende und meisterhaft komponierte und orchestrierte Musik.

»Freedom's just another word for nothing left to lose«: Diese Zeile von Janis Joplin verbindet Wolf Widder mit dem Lebensgefühl in »La Bohème« und schickt die Figuren in 70er-Jahre-Hippie-Outfits auf die Bühne. Petra Mollérus hat dazu ein minimalistisches Bühnenbild geschaffen, das mit so wenigen Requisiten auskommt, dass die Umbauten zwischen den vier Bildern vor den Augen der Zuschauer ohne Vorhang erledigt werden. Aus der ärmlichen Pariser Männer-WG, in der vier Künstler mit kaum mehr als einem Ofen und einer zum Tisch umfunktionierten Badewanne hausen, wird ein Straßencafé und schließlich eine leere, winterliche Straße. Im Licht einer Laterne tanzen Schneeflocken.

Die Helden sind einfache Leute

Kitschig? Das greift zu kurz, damit wäre »La Bohème« unrecht getan. Die Oper, die Bilder vom freien Künstlerleben mit der ergreifend traurigen Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und Mimi verbindet, ist zeitlos. Henri Murger schrieb sie ursprünglich als Fortsetzungsroman für eine Zeitschrift, heute wäre sie Stoff für eine Seifenoper. Sie ist schlicht, aber nicht platt, zwischen den Zeilen schwingt Gesellschaftskritik, die Helden sind einfache Leute. Der Grat zwischen Komik und Tragik ist schmal, die Stimmung kippt oft schnell - und die Musik ist dann am schönsten, wenn die Figuren am traurigsten sind. Die Liebe ist da, aber sie will nicht so recht glücken. Nirgends wird das deutlicher als im grandiosen Quartett der beiden Paare im dritten Bild. Marcello und Musetta reiben sich aneinander und an den Banalitäten des Alltags, ihre Zankerei überlagert Puccini kunstvoll mit Mimis und Rodolfos Zwiesprache, in der es um nicht weniger als die Existenz geht, denn Mimi ist todkrank - Happy End ausgeschlossen.

Schlichtweg überragend, was die Ulmer unter der musikalischen Leitung von Panagiotis Papadopoulos aus Puccinis Partitur machen. Das gilt für das Orchester, das lustvoll in der süffigen Klangfülle badet, genauso wie für den Opernchor und die Ulmer Spatzen: Der Kinderchor ist Teil des zweiten Bilds, einer lebhaften Straßenszene, in der es vom durchziehenden Spielwaren-Händler bis hin zur Blaskapelle an nichts fehlt. Optisch wie musikalisch ein herrliches Durcheinander, ein virtuos komponiertes Chaos für eine Vielzahl von Akteuren, aus dem eine hervorsticht: Maria Rosendorfsky ist als Musetta so zickig wie witzig - und die einzige, die im psychologisch spannenden Figurenkabinett auch mal die Diva rauslassen darf.

Großartiges Rollendebüt

Sämtliche Solisten-Rollen sind fantastisch besetzt und überzeugen sängerisch wie schauspielerisch. Dae-Hee Shin als Marcello stammt, wie seine Musetta, aus den eigenen Reihen der Ulmer. Auch Maryna Zubko gehört zum Stamm-Ensemble, die Rolle der Mimi spielt sie zum ersten Mal - ein großartiges Debüt. Kwonsoo Jeon als Gastsänger für Rodolfos Partie zu engagieren, war eine wunderbare Entscheidung. Dem Koreaner ist die Partie wie auf den Leib geschneidert, der lyrische Tenor singt mit großem Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen und vereint Zartheit mit Kraft. (GEA)