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Friedenspreis des Buchhandels für Salman Rushdie

»Ein Mensch, von dem wir lernen können, was Mut ist«: Der von Radikalen verfolgte Autor Salman Rushdie erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er nutzt die Gelegenheit für einen Appell.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Salman Rushdie bei seiner Dankesrede nach der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Foto: Arne Dedert/DPA
Salman Rushdie bei seiner Dankesrede nach der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Foto: Arne Dedert/DPA

Der Schriftsteller Salman Rushdie hat bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels dazu aufgerufen, die Meinungsfreiheit bedingungslos zu verteidigen. »Wir leben in einer Zeit, von der ich nicht geglaubt habe, sie erleben zu müssen«, sagte der 76-Jährige am Sonntag in seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche: »eine Zeit, in der die Freiheit - insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gäbe - auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird«.

Was könne man tun, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, fragte der britisch-indische Autor in seiner ebenso kämpferischen wie poetischen Rede rhetorisch: »schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann«. Die Meinungsfreiheit müsse übrigens auch verteidigt werden, »wenn sie uns beleidigt, da wir die Meinungsfreiheit sonst überhaupt nicht verteidigen würden«.

Unbeugsamkeit und Lebensbejahung

Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und gilt als eine der bedeutendsten Literaturauszeichnungen des Landes. Gewürdigt werden Personen, die zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Rushdie erhält die Auszeichnung »für seine Unbeugsamkeit und seine Lebensbejahung«, wie es in der Urkunde heißt. Er sei »einer der leidenschaftlichsten Verfechter der Freiheit des Denkens und der Sprache« - und er tue das unter hohen persönlichen Risiken. Die Vorsteherin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, nannte Rushdie in der Paulskirche »einen Menschen, von dem wir lernen können, was Mut ist«.

Berühmt wurde Rushdie mit seinem 1981 erschienenen Meisterwerk »Mitternachtskinder«. 1989 rief der damalige iranische Revolutionsführer Ayatollah Chomeini wegen des Romans »Die satanischen Verse« zur Ermordung des Autors auf. Mehr als zehn Jahre lang lebte er unter ständiger Bewachung versteckt an wechselnden Orten. Eine Messerattacke in den USA 2022 überlebte Rushdie nur knapp, er ist seither auf einem Auge blind.

Der Frieden scheint momentan wie ein Hirngespinst

»Hier sind wir nun versammelt, um über Frieden zu sprechen, wo doch gar nicht weit fort ein Krieg tobt«, sagte Rushdie. Der Krieg in Russland sei »der Tyrannei eines einzelnen Mannes und seiner Gier nach Macht und Eroberung geschuldet«. In Israel und dem Gazastreifen sei »noch ein bitterer Konflikt explodiert«. Frieden erscheine ihm im Moment »wie ein dem Rauch der Opiumpfeife entsprungenes Hirngespinst«.

In beiden Konflikten könnten sich die Gegner nicht einmal auf die Bedeutung des Wortes Frieden einigen: Für die Ukraine heiße Friede mehr als nur ein Ende der Feindseligkeiten. »Friede, das ist für sie - und das muss es auch sein - die Rückgabe aller besetzten Gebiete und eine Garantie ihrer Souveränität.« Für Russland bedeute Friede die Kapitulation der Ukraine. »Dasselbe Wort, zwei unvereinbare Bedeutungen.« Ein Friede für Israel und die Palästinenser scheine sogar in noch weiterer Ferne zu liegen, so Rushdie.

Salman bedeute »friedlich«, sagte der Friedenspreisträger. Tatsächlich sei er von Geburt an »friedlich dem Namen nach, friedlich von Natur aus. Der Ärger begann später.« Mit den »Satanischen Versen« habe er erfahren müssen, »dass die Freiheit eine gleich starke und widersetzliche Reaktion der Kräfte der Unfreiheit provozieren kann«. Er habe gelernt, »wie gefährlich es sein kann, den Wein der Freiheit zu trinken«, sagte Rushdie. Das aber mache es umso unverzichtbarer, sie zu verteidigen.

Derzeit gerate die Freiheit von links wie rechts unter Druck. »Das hat es so bislang noch nicht gegeben.« Eine Mitschuld gibt Rushdie dem Internet, wo »böswillige Lügen gleich neben der Wahrheit stehen, weshalb es vielen Menschen schwerfällt, das eine vom anderen zu unterscheiden«, auch in den sozialen Medien werde »Tag für Tag die Idee der Freiheit missbraucht«. Dennoch gebe es Hoffnung: »Kunst ist die Antwort auf Philisterei, Zivilisation die Antwort auf Barbarei«, sagte Rushdie. Künstler und Künstlerinnen »können die Barbaren noch von den Toren fernhalten«.

Rushdie hat sich nicht einschüchtern lassen

Für den Schriftsteller Daniel Kehlmann ist Salman Rushdie »der vielleicht wichtigste Verteidiger der Freiheit von Kunst und Rede in unserer Zeit«, wie er in seiner Laudatio sagte. Rushdie sei nicht nur ein großer Erzähler, sondern auch »ein weiser, neugieriger, heiterer und gütiger Mensch und somit der würdigste Träger, den es für diese Auszeichnung (...) überhaupt hätte geben können«.

Die Fatwa habe ihn nicht zerstören können. »Wie souverän Salman Rushdie mit einer Lage umging, die andere Menschen seelisch erdrückt hätte, das verschlägt einem schon den Atem.« Im Gegenzug für seinen Personenschutz sei von ihm erwartet worden, dass er »nicht weiter von sich hören lassen würde«, sagte Kehlmann. »Aber Salman spielte dabei nicht mit. Er blieb sichtbar, blieb präsent, blieb vor allem ein Schriftsteller«. Statt sich zurückzuziehen, damit alle wieder ihre Ruhe haben, wurde er »der berühmteste Unsichtbare der Welt«.

Rushdie sei »das Gegenteil eines weltabgewandten Menschen«, sagte Kehlmann. »Wenn dort draußen etwas von Wichtigkeit passiert, wird Salman es vor uns anderen mitbekommen«. Der Geehrte stellte das wenige Minuten später unter Beweis: Als ein Gast medizinisch versorgt werden musste und von Sanitätern aus dem Saal gebracht wurde, unterbrach Rushdie seine Rede, fragte, ob es dem Mann gut gehe, und schickte ihm nach, er hoffe, dass die Ärzte gute Arbeit machen.

© dpa-infocom, dpa:231022-99-657717/7