DRESDEN. In Radebeul ist alles beim Alten. Der Rest der Welt mag sich darüber streiten, ob es nun weiterhin gestattet sein solle, sich zur Faschingszeit als »Indianer« zu verkleiden – aber die Dame, die im Karl-May-Museum Radebeul hinter der Verkaufstheke steht, zuckt die Schultern: Solche Diskussionen gab es im Haus, in dem der vorgebliche Reiseschriftsteller lebte, arbeitete und am 30. März 1912 starb, niemals. Mit gutem Grund: Karl May wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, sich als nordamerikanischer Ureinwohner zu verkleiden. Er verkleidete sich zwar durchaus – aber als Old Shatterhand, den Helden, der aus Deutschland kam, nach Amerika ging und an der Seite seines roten Blutsbruders für das Gute kämpfte.
In Radebeul, in der Karl-May-Straße 5, kann man Karl Mays Kostüme bewundern – und auch die »berühmtesten Gewehre der Welt«: Old Shatterhands Henrystutzen, seinen Bärentöter und Winnetous Silberbüchse. Sie lehnen in einer Vitrine der Villa Bärenfett, einem Blockhaus auf dem Grundstück der Villa Shatterhand. Erbaut wurde die Villa Shatterhand 1893 von einer ansässigen Baufirma im italienischen Stil. Karl Mays zweite Frau und Nachlassverwalterin Klara May ließ die Villa Bärenfett 1926 errichten, als Wohnort für Patty Frank, eigentlich Ernst Tobis, einen Wiener Zirkusartisten. Als Artist hatte Frank, noch vor Karl May, tatsächlich Amerika bereist, gab sich später als intimer Kenner der indigenen Völker und ihrer Bräuche aus. Er erzählte nicht wenig von seinen Abenteuern, erdachte nicht ganz so viele Geschichten wie Karl May und leitete das Karl-May-Museum bis kurz vor seinem Tod 1959.
Zuerst die schiefe Bahn
Karl May selbst lebte seinen Traum mit großer Detailfülle aus. Geboren in ärmliche Verhältnisse fiel er früh durch kleinere Straftaten auf, musste dreieinhalb Jahre im Gefängnis verbringen, geriet auch später wieder auf die schiefen Bahn, bis es ihm schließlich gelang, seine Ambitionen, die offenbar so wenig mit der Wirklichkeit zu vereinbaren waren, in Büchern zu verwirklichen. Erst 1899 und 1900 bereiste er den Orient, in dem er viele seiner Erzählungen spielen lässt, 1908 schließlich auch die USA – Reisen, die ernüchternd auf ihn wirkten.
Karl May gehört zu den erfolgreichsten deutschen Schriftstellern überhaupt. Es gibt Karl-May-Filme, eine ganze Reihe von Karl-May-Festspielen, die bekanntesten in Bad Segeberg; aber auch in Burgrieden bei Laupheim jagen Winnetou und Old Shatterhand Bösewichte. Eine ganze Karl-May-Kultur. Radebeul ist der Ort, an dem Wirklichkeit und Erfindung sich bis heute vermengen.
Raum für indigene Künstler
Zum Museum gehört die Gartenanlage, die die Villa Shatterhand umschließt. Der Besucher wird empfangen von einem übermenschlich großen Buch, dem ersten Winnetou-Roman in der Ausgabe des Bamberger Karl-May-Verlags, mit dem Bild des Helden. Ein Pfad führt zur Villa Bärenfett, von dort vorbei an einem Teich mit Brunnenengel zum großen Event-Tipi und zur »Turtle Island Gallery« – in ihr zeigt das Museum moderne Kunst der indigenen Einwohner Nordamerikas. Auch der Marterpfahl, der sich vor der Villa Bärenfett befindet, wurde von einem solchen Künstler gestaltet, von Edward Earl Bryant, geboren 1961 und vom Stamm der kanadischen Tsimshian.
Da Radebeul in Dresden und Dresden in Sachsen ist, sitzt der Besucher des Museums an sommerlichen Tagen im Garten der Villa und trinkt beim Imbissstand »Sam’s BBQ« eine Fassbrause, vielleicht mit Waldmeistergeschmack. Und in der Villa Bärenfett, in jener Blockhütte, geht er vorbei an einer großen Sammlung nicht nur von Relikten des Wilden Westens, sondern auch authentischen Zeugnissen der Kulturen der Völker Nordamerikas. Man sieht Nachbildungen von Trappern und Kriegern, sieht Perlen und Federschmuck, Haushaltsgeräte, Waffen. Das Karl-May-Museum lädt ein zum virtuellen Rundgang auf seiner Website, informiert dort auch über den Stand seiner Provenienzforschung.
Das Gute siegt, nicht nur an Weihnachten
Wie Karl May sich eine idealisierte Traumwelt aufgrund von Kolportage und Halbwissen schuf, das fasziniert heute mehr denn je, in einer Welt, die der Fantasie längst keine solchen Freiräume mehr lässt. Auf Bildern, die den Autor zeigen, sieht man einen schmächtigen, feinen Herrn; im erträumten Wilden Westen war er Old Shatterhand, der, wenn Not am Mann war, einen Gegner auch einmal lässig bei der Schulter und dem Knie packte, hochhob und aus dem Fenster warf. Mehr und mehr neigte der reale Karl May dazu, sich mit dieser Figur oder dem allwissenden Orientreisenden Kara Ben Nemsi als identisch zu sehen; er soll gelegentlich von sich behauptet haben, mehr als 1.200 Sprachen zu sprechen. Und immer siegt in seinen Büchern das Gute, das Schöne, Gerechte.
»Weihnacht« heißt ein Buch Karl Mays, das 1897 erschien, wenige Jahre, ehe May sein esoterisches Spätwerk begann. Es handelt sich um eine typische Reiseerzählung in May'scher Manier, sie beginnt jedoch in Deutschland mit einem Jugenderlebnis. Karl May erzählt von einem Weihnachtsgedicht, das er selbst verfasst hat, jedoch nicht, wie er im Buch behauptet, als Schüler, sondern 1867, schon 25 Jahre alt. »Taghell ist es in den Räumen / alles atmet Lust und Glück / und an bunt geschmückten Bäumen / hängt der freudentrunkne Blick« – so lautet die dritte Strophe.
Versöhnung in Bergeshöhen
Karl May, der sich im Buch manchmal Maier nennt, Old Shatterhand ist und von Winnetou Charlie gerufen wird, findet sein Gedicht wieder in der neuen Welt, wo ein religiöser Scharlatan, ein »Prayer-Man«, Anspruch auf es erhebt. Und er wird verwickelt in eine Geschichte, in der es um Mord und Totschlag geht, um Indianer, die gegeneinander aufgehetzt werden, um gestohlene »Nuggets«, um Gold. Zuletzt, als fast alle sich versöhnt haben und nur die schlimmsten Bösewichte gestorben sind, feiern die Abenteurer in eisigen Bergeshöhen das Weihnachtsfest und Winnetou verteilt seine Nuggets großzügig an die armen Siedler und Pelzhändler. Und wieder hört man das Weihnachtsgedicht: »Ich verkünde große Freude / die euch widerfahren ist / denn geboren wurde heute / euer Heiland Jesus Christ!« (GEA)


