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Wie Juden und Christen in Wankheim zusammen lebten

Kusterdingens Ortsarchivar Manuel Mozer hat mit sieben weiteren Autoren einen Sammelband über das jüdische Wankheim erstellt.

Das Gebäude links war ein Vierfamilienhaus für jüdische Wankheimer.
Das Gebäude links war ein Vierfamilienhaus für jüdische Wankheimer. Foto: Archiv der Freiherren von St. André K 10
Das Gebäude links war ein Vierfamilienhaus für jüdische Wankheimer.
Foto: Archiv der Freiherren von St. André K 10

KUSTERDINGEN-WANKHEIM. »Das ist das erste Buch, in dem die Geschichte der jüdischen Gemeinde Wankheims ausführlich beleuchtet wird«, sagt Kusterdingens Ortsarchivar Manuel Mozer stolz. Er hat mit sieben weiteren Autoren einen Sammelband über das jüdische Wankheim erstellt. Das Buch mit dem Titel »Jüdisches Leben in Wankheim. Gegeneinander – Nebeneinander – Miteinander« ist im Patmos-Verlag erschienen. Manuel Mozer ist der Herausgeber. Finanziert hat das Projekt der Wankheimer Ortschaftsrat, die Gemeinde Kusterdingen sowie die Tübinger Kulturstiftung. Vor 250 Jahren siedelten sich im Kusterdinger Teilort Juden an, die Wankheim etwa 100 Jahre lang geprägt haben. »Die Aufsätze sind nicht im Fachlatein geschrieben, aber alles ist wissenschaftlich mit zahlreichen Fußnoten belegt«, sagt Mozer. »Das Buch bereichert die Sicht auf das jüdische Leben im Ort.« Man erfahre jedoch nicht nur viel über Wankheim, sondern auch Grundsätzliches über das Landjudentum zu der Zeit in Südwestdeutschland.

Dem Freiherrn Friedrich Daniel von Saint André ist es zu verdanken, dass sich Juden in Wankheim ansiedeln konnten. Dafür mussten sie jedes Jahr eine geringe Gebühr bezahlen. In der Umgebung, die dem Herzogtum Württemberg gehörte, wurde ihnen das in der Zeit nicht erlaubt. Das Familienarchiv der Saint André, das sich im Kilchberger Schloss befindet, habe Mozer zu vielen neuen Erkenntnissen gebracht, sagt er. In diesem befinden sich Rechnungen und Baupläne.

Kein Juden-Ghetto in Wankheim

Die ersten Juden kamen 1774 nach Wankheim. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Anzahl der jüdischen Bewohner auf mehr als 100 Menschen an. Zum Vergleich: Im Dorf lebten damals etwa 800 Einwohner. »Sie lebten nicht ghettoisiert«, betont Mozer. In einer Karte im Buch kann man sehen, an welchen Stellen sie im Ort wohnhaft waren.

Gemeindearchivar Manuel Mozer.
Gemeindearchivar Manuel Mozer. Foto: Nadine Nowara
Gemeindearchivar Manuel Mozer.
Foto: Nadine Nowara

Das »Judenhaus« in der Heerstraße sei einst das jüdische Zentrum gewesen. Der Bauforscher Tilmann Marstaller konnte dies für seinen Aufsatz genauestens begutachtet. Die heutigen Besitzer des Hauses hätten ihn eingeladen. Was ist die Geschichte hinter dem Judenhaus? Mozer erläutert: Der Freiherr von Saint André hatte dieses Ende des 18. Jahrhunderts für die jüdische Bevölkerung bauen lassen. Dabei ist er auf deren Belange eingegangen. Im Untergeschoss befanden sich die Judenschule, zwei Gebetsräume (Männer und Frauen beten im Judentum getrennt), die Mikwe (das Frauenbad) sowie die Schlachtstelle. Darüber waren Wohnungen.

Eigener Lehrer

Das jüdische Schulwesen behandeln Sabrina Julia Jost und Jan Peter Kosok in ihrem Aufsatz. »Die jüdische Gemeinde war so angewachsen, dass sie einen eigenen Lehrer angestellt hatte«, sagt Mozer. Für welche Aufgaben er darüber hinaus zuständig sein sollte, führte zu manchen Streitereien. So sollte er zusätzlich noch Vorbeter in der Gemeinde sein und das Schächten übernehmen.

Dem Alltagsleben und dem Lebensstandard der jüdischen Wankheimer geht Mozer auf den Grund. Anhand von Hochzeitsinventuren hat er die Besitztümer durchforstet. »Hier zeigen sich viele urbanen Einflüsse«, so Mozer. Kommoden, Vorhänge und Gläser zeugen von einem kleinbürgerlichen Lebensstil. Auch individuelle Lebensgeschichten spiegeln sich im Sammelband wieder: Hans Baumann hat eine Liste der jüdischen Auswanderer und ihrer Beweggründe zusammengestellt. Am Beispiel der Familie Degginger illustriert Jonathan Mall das Leben einer bäuerlichen jüdischen Familie.

Das älteste erhaltene Wankheimer Haus, in dem Juden lebten.
Das älteste erhaltene Wankheimer Haus, in dem Juden lebten. Foto: Nadine Nowara
Das älteste erhaltene Wankheimer Haus, in dem Juden lebten.
Foto: Nadine Nowara

Der jüdische Friedhof spielt im Buch natürlich auch eine wichtige Rolle. Tübingens Kreisarchivar Wolfgang Sannwald hat dessen Geschichte und Bedeutung in seinem Aufsatz zusammengefasst. Dem Leben von Viktor Marx, der einen Gedenkstein für im Holocaust verstorbene Juden hat anbringen lassen, widmet er ein eigenes Kapitel.

Christliche Passagen gestrichen

Der ehemalige Tübinger Kulturamtsleiter Wilfried Setzler hat sich mit dem Wankheimer Pfarrer Wilhelm Pressel auseinandergesetzt. Dieser nimmt um die 1840er Jahre eine integrative Rolle im Zusammenleben von Juden und Christen ein. So haben Menschen beiden Glaubens gemeinsam Erntedank gefeiert. Aus einem Kirchenlied habe Pressel aus Rücksicht auf die jüdischen Mitmenschen christliche Passagen rausgestrichen, weiß Mozer. »Vom Nebeneinander ging es immer weiter Richtung Miteinander«, sagt der Gemeindearchivar. »Der Jude Leopold Hirsch wurde in den Bürgerausschuss gewählt. Das ist für die Zeit ungewöhnlich. Er wird somit als gleichwertig anerkannt.«

Die Geschichte der Wankheimer Synagoge ist Thema eines gemeinschaftlichen Aufsatzes von Mozer, Sannwald und Setzler. Ulrich Hengstler ist zwar kein Historiker, aber hat trotzdem mit einem Kapitel Platz im Buch gefunden. Seinen Vorfahren haben die ehemalige Synagoge erworben und umgebaut. Er hat die Stelle zu einem Synagogendenkmalplatz mit einer Gedenktafel umgewidmet.

Den Buchband kann man in den Ortsverwaltungen kaufen. Am Samstag, 14. September, um 18.30 Uhr findet die Buchpräsentation im Gemeindehaus in Wankheim (Obere Straße 17) statt. Jürgen Soltau, Bürgermeister von Kusterdingen, und Michael Gassler, Ortsvorsteher von Wankheim, und Mozer sprechen Grußworte. (GEA)