STUTTGART. Just in dieser Woche wurde bekannt, dass sich der VfB Stuttgart erneut über einen Geldregen freuen darf. Enzo Millot wechselt Medienberichten zufolge für 30 Millionen Euro in die Wüste nach Saudi-Arabien zu Al-Ahli und dem deutschen Trainer Matthias Jaissle aus Nürtingen. Das unterstreicht: Die Stuttgarter Profis sind gefragt. Dies gilt noch mehr für Angreifer Nick Woltemade. Der GEA beantwortet die wichtigsten Fragen über den DFB-Pokalsieger vor der anstehenden Bundesliga-Saison.
- Was macht »Big Nick«?
Es ist die Frage aller Fragen und die bestimmende Geschichte dieses Transfer-Sommers. Die Bayern wollen den Stuttgarter XXL-Durchstarter Woltemade unbedingt verpflichten, die VfB-Verantwortlichen blocken alle Abwerbeversuche und Angebote stoisch ab und beharren darauf, dass der 23-Jährige noch einen Vertrag bis 2028 hat – und zwar ohne Ausstiegsklausel. Die Schmerzensgrenze liegt Stand Anfang August wohl bei 65 Millionen Euro plus Boni. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass die Münchner diese Summe bezahlen werden. Erst recht nach dem 70-Millionen-Transfer von Luis Diaz. Fakt ist: Je länger sich die Verhandlungen hinziehen, desto weniger wahrscheinlich wird ein Woltemade-Wechsel. Das passt zu den Aussagen, die Bayern-Sportvorstand Max Eberl am Donnerstag tätigte: »Wir haben genug dazu gesagt. Wir haben unseren Standpunkt vertreten. Wir haben uns um den Spieler bemüht. Stuttgart hat nicht signalisiert, reden zu wollen.«
- Gehen die VfB-Verantwortlichen damit nicht ein hohes Risiko ein?
Doch durchaus. Denn: Wie wird Woltemade in der Bundesliga aufspielen, wenn er sich auch künftig so schlecht gelaunt und grimmig wie im Trainingslager am Tegernsee präsentiert? Was macht das mit dem Teamgefüge? Und wie reagieren die Stuttgarter Anhänger darauf, wenn der junge Angreifer seine schlechte Laune auch künftig so offen zur Schau stellt? Andererseits: Ein Woltemade in der Verfassung der letzten Saison ist nicht zu ersetzen und wird bei ähnlichen Leistungen im kommenden Sommer den Stuttgartern auf alle Fälle mindestens 70 Millionen Euro in die Kassen spülen können. Genau deshalb pokern Sportchef Wohlgemuth und Co. auch so hoch.

- Was ist neu im Schwabenländle?
Sportvorstand Fabian Wohlgemuth hat als »Chefkoch« wieder etwas Feines zubereitet. Herausgekommen ist ein interessantes Rezept, das viele hochveranlagte Jungprofis mit großem Entwicklungspotenzial beinhaltet. Sei es Noah Darvich (18), der die deutsche U 17-Nationalmannschaft 2023 als Kapitän zum EM- und WM-Titel führte, und in den vergangenen beiden Jahren in La Masia, der berühmt-berüchtigten Jugendakademie des FC Barcelona, das Rüstzeug für den Profi-Fußball erhielt. Der ebenfalls erst 18 Jahre alte Wirbelwind und Top-Dribbler Lazar Jovanovic, der in seiner serbischen Heimat bei Rekordmeister Roter Stern Belgrad bereits einige Duftmarken hinterließ. Oder der 20 Jahre alte Spanier Chema Andres, frischgebackener U 19-Europameister, der im zentralen Mittelfeld dem Stamm-Duo Karazor/Stiller Druck machen soll und nach der erneuten Verletzung des Letztgenannten vermutlich früher als gedacht eine wichtige Rolle auf dem Feld einnehmen wird. Der langjährige Jugendspieler von Real Madrid könnte nach den Eindrücken der bisherigen Vorbereitung zur großen Überraschung beim VfB werden. Neun Millionen Euro hat dieses hoch spannende Trio zusammen gekostet. Diese Youngster könnten in ein, zwei Jahren ihren Marktwert um ein Vielfaches gesteigert haben. Damit sind wir beim so wichtigen Thema »Kader-Werte schaffen«. Dies ist genau der Weg, den der Traditionsclub aus Bad Cannstatt gehen muss, wenn er auch künftig oben mitmischen möchte. Siehe Eintracht Frankfurt, bei denen Sportchef Markus Krösche dieses Konzept quasi perfektioniert hat.
- Was bringt die Europa League?
Zwar nicht so viel Kohle wie das Gastspiel in der Königsklasse im letzten Jahr (»nur« 4,31 Millionen Euro Antrittsprämie anstatt 18,62 Mio.), aber dennoch viele unvergessliche Abende in der MHP-Arena unter Flutlicht. Namhaft sind die möglichen Gegner auch in der Europa League. AS Rom, Aston Villa, Nottingham Forest, FC Porto oder Olympique Lyon: Von solchen Duellen träumen viele VfB-Fans. Vor allem aber dürfte die Teilnahme am internationalen Geschäft auch in den Transfer-Gesprächen geholfen haben oder noch helfen. Was die Europa League außerdem als Nebeneffekt mit sich bringt: Fast ausschließlich Sonntagspiele, wenn die englischen Wochen für den VfB losgehen.
- Was kann man vom VfB in dieser Saison erwarten?
Der vierte DFB-Pokalgewinn in der Vereinsgeschichte hat dafür gesorgt, dass über die enttäuschend verlaufene Bundesliga-Saison als Neunter nicht mehr viel geredet wird. Intern werden Cheftrainer Sebastian Hoeneß, Wohlgemuth und Co. die vergangene Spielzeit aber ganz genau aufgearbeitet haben. Zwar war in sehr vielen Partien das Spielglück nicht aufseiten der Schwaben, doch immer Pech ist bekanntermaßen auch Unvermögen. Vor allem hinten drückte erkennbar der Schuh. Bekommt der VfB eine bessere Balance - insbesondere bei der Konter-Absicherung - in sein Spiel, dann wird es automatisch wieder nach oben gehen. Weil im Spiel nach vorne die Qualität einfach viel zu hoch ist als nur für einen Platz im Tabellenmittelfeld.
Was zudem Hoffnung macht: Unverzichtbare Leistungsträger wie Undav oder Führich hatten nach der Vizemeister-Saison im vergangenen Jahr über eine längere Phase die prophezeite Leistungsdelle. Doch zum Saisonende präsentierte sich insbesondere Nationalspieler Undav wieder in Top-Form. Das ist unabdingbar, spielt der 29-Jährige mit seinen Qualitäten doch eine ganz wesentliche Rolle im Hoeneß'schen Offensiv-System. Zunächst einmal muss aber in der bevorstehenden Saison hinten wieder öfters die Null stehen. Ist dies der Fall, geht das Stuttgarter Europa-Abenteuer 2026 in die dritte Runde. (GEA)


