STUTTGART. Sonntagabend, 19.30 Uhr. Sebastian Hoeneß sitzt auf seiner Trainerbank und hebt den Begriff »ins Leere blicken« auf ein neues Niveau. Der 42-Jährige ist völlig fertig mit der Welt, immer wieder atmet der Stuttgarter Coach tief durch. Ein Moment, der einen unweigerlich an den langjährigen deutschen Basketball-Bundestrainer und nach dem WM-Triumph 2023 völlig entkräftet auf dem Hallenboden sitzenden Gordon Herbert erinnert. Szenen, die um die Welt gingen. Wo bei Herbert die pure Erlösung war, machte sich bei Hoeneß jedoch die totale Enttäuschung breit. »So einen Moment habe ich noch nie erlebt. So brutal kann Fußball sein«, wird er kurze Zeit später nach der 2:3 (0:1)-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt sagen.
Und das alles, nachdem sich die mit 60.000 Zuschauern ausverkaufte MHP-Arena wenige Minuten zuvor in ein Tollhaus verwandelt hatte, die gesamte VfB-Bank kurz vor Ende der Nachspielzeit völlig losgelöst von allen Emotionen auf den Platz stürmte und das - nach einem 0:3-Rückstand - nicht mehr für möglich gehaltene 3:3 durch den stark aufspielenden Chris Führich bejubelte. Selbst Stadionsprecher Holger Laser ließ sich voller Endorphine bei seinem Torschrei dazu hinreißen, von einem verdienten Ausgleich zu sprechen. Womit der 54-Jährige auch mehr als recht hatte. Das Problem: Recht hatte in dieser Situation einzig und allein der Video-Schiedsrichter, der eine strafbare Abseitsstellung von Führich erkannte. Das Tor wurde unter einem gellenden Pfeifkonzert einkassiert, die Partie kurz darauf abgepfiffen. Es war das Ende einer mehr als turbulenten Achterbahnfahrt der Gefühle.
VfB Stuttgart macht aus viel wenig
»Wir wollten noch einmal richtig abreißen vor der Länderspielpause«, betonte Hoeneß und ergänzt: »Das haben wir geschafft.« Diese Meinung teilte der 42-Jährige nicht exklusiv. Was der Vizemeister an diesem Abend aber wie so oft in dieser Saison wieder einmal eben nicht schaffte? »Wir haben für ein Topspiel nicht die Effizienz gezeigt, die es braucht und haben aus viel wenig gemacht«, fasste der VfB-Coach treffend zusammen. Da wäre zum Einen ein deutliches Chancenplus (22 zu acht Abschlüsse) für die Hausherren zu nennen, darunter zwei Alu-Treffer von Angreifer Ermedin Demirovic, und ein laut der Wahrscheinlichkeit zu erwartender Sieg (3,52 Expected Goals auf Stuttgarter, 1,66 auf Frankfurter Seite) für den VfB gewesen.
Das noch deutlich Ärgerlichere: Selbst bei den Elfmeter versagen den Stuttgartern inzwischen regelmäßig die Nerven. Demirovics schwach getretener und von Eintracht-Keeper Kevin Trapp gehaltener Strafstoß nach 22 Minuten war bereits die vierte Fahrkarte der Schwaben in dieser Saison vom Punkt. Das darf nicht sein und ermöglichte den Frankfurtern überhaupt erst aus dem Nichts kurz vor der Pause nach einer Ecke eiskalt zuzuschlagen und die Partie auf den Kopf zu stellen. Wortwörtlich, weil Frankfurts französisches Sturmjuwel Hugo Ekitike mit eben diesem zur 1:0-Führung traf. Besser gesagt zeigte sich der 22-Jährige in dieser Situation experimentierfreudig und testete mit seinem Schädel, wie viel Wucht ein Bundesliga-Ball gerade noch so in der Lage ist auszuhalten. Ein fantastischer Kopfball des 1,89 Meter großen, aber technisch so beschlagenen und leichtfüßig aufspielenden Ekitike, der trotz überragenden Leistungen (13 Scorerpunkte in 15 Pflichtspielen) bislang häufig im Schatten von Sturmpartner Omar Marmoush steht.
Marmoush von einem anderen Stern
Doch welcher Spieler in der Welt würde das neben dem Ägypter mit VfB-Vergangenheit nicht? Marmoush verschiebt derzeit Woche für Woche die Superlative rund um seine Person. So - oder natürlich - auch gegen den VfB. Es war die 62. Minute. 25 Meter entfernt von VfB-Keeper Alexander Nübel ruhte der Ball. Freistoß für die Eintracht. Omar Marmoush machte sich bereit und eigentlich wussten alle, was nun kommen dürfte. So richtig vorstellen mochte es sich aber niemand, was wenige Sekunden später in Bad Cannstatt zur Realität wurde. Der Ägypter setzte die Kugel mit viel Wucht und noch mehr Gefühl zum zwischenzeitlichen 3:0-Führung ins linke Eck. Marmoush macht mit diesem Treffer das Unfassbare mit einem Schuss greifbar.
Der 25 Jahre alte Stürmer markierte nicht nur seine 24. Torbeteiligung im 16. Pflichtspiel dieser Saison - eine absurde Ausbeute, die ebenfalls schon nicht von diesem Planeten ist. Nein: Marmoush verwandelte damit seinen sage und schreibe dritten direkten Freistoß in Folge innerhalb von nur neun Tagen. Das dürfte historisch sein. Noch Fragen? Nicht, wenn es nach VfB-Coach Hoeneß geht: »Worüber sollen wir da sprechen? Das ist Omar Marmoush in seiner Prime.« Während die Frankfurter aus sehr wenig extrem viel machten, rutscht seine Mannschaft auf den elften Tabellenplatz ab. Der VfB Stuttgart ist im November 2024 im Mittelmaß angekommen. Eine Leistungskrise ist es mitnichten, eine Ergebniskrise nach nur drei Siegen aus zehn Spielen schon eher. (GEA)

