STUTTGART. Eigentlich sollte Deniz Undav noch gar nicht so viel auf dem Feld stehen, verriet VfB-Trainer Sebastian Hoeneß am Sonntagabend nach dem 3:2 (2:2)-Erfolg gegen den FC Augsburg. »Er hat viel mehr gespielt als geplant. Er kommt gut durch, aber auch da müssen wir aufpassen«, sagte der 43-Jährige über seinen Angreifer, der nach einem Innenbandanriss im Knie erst vor wenigen Wochen wieder zurückkehrte.
Seitdem rotierte Stuttgarts Trainer jede Woche fast nach Belieben. Eines blieb über die vergangenen Spiele inmitten Englischer Wochen allerdings gleich: Undav läuft von Beginn an in der Sturmspitze auf. In den letzten fünf Pflichtspielen war das der Fall. Das hat einen ganz einfachen Grund. »Für uns ist es wichtig, dass wir mit Deniz da vorne einen Spieler haben, der eine richtige Torgefahr erzeugt«, betonte Hoeneß.
Kein Deutscher besser als Undav
Seit seinem Wechsel im Sommer 2023 aus der Premier League von Brighton & Hove Albion benötigt Deniz Undav laut dem Datendienstleister Opta im Schnitt nur 104 Minuten pro Torbeteiligung für den VfB (53 Scorerpunkte in 5.498 Minuten). Kein anderer deutscher Spieler aus den fünf großen Ligen Europas kann in diesem Zeitraum einen besseren Schnitt vorweisen als der Stuttgarter Stürmer. (ott)
Diese strahlt der 29-Jährige derzeit aus wie kein anderer VfB-Spieler. Undav kommt auf fünf Torbeteiligungen in den vergangenen fünf Partien. Vier Mal - drei davon in den letzten beiden Duellen - traf der sechsfache deutsche Nationalspieler selbst, beim 2:0 in der zweiten Pokalrunde gegen den 1. FSV Mainz 05 legte er für Kapitän Atakan Karazor auf. Undav, der über einen Großteil der Vorsaison schwache Leistungen zeigte und sich erst gegen Ende steigerte, ist offenbar wieder voll zurück in Stuttgart.
»Bei meinen ersten zwei Einwechslungen nach der Verletzungspause habe ich unterdurchschnittlich gespielt. Dann bin ich aber wieder gut zurückgekommen. Ich fühle mich wieder wohl und bin froh, wieder so im Flow zu sein«, sagte er nach seinen zwei Treffern am Sonntag gegen die von Sandro Wagner gecoachten Fuggerstädter. Den letzten Doppelpack - es war sein insgesamt vierter, dazu kommt noch ein Hattrick - erzielte Undav übrigens im September 2024 beim 5:1-Kantersieg gegen Borussia Dortmund.
Doch wie fit ist der Stuttgarter Angreifer wirklich angesichts seines XXL-Programms nach längerer Verletzungspause? »Wenn ich jetzt nicht fit sein sollte, dann weiß ich auch nicht. Ich habe jedes der letzten fünf Spiele von Anfang an gemacht und bin froh, so viele Spiele gemacht zu haben. Jetzt haben wir die Länderspielpause, da kann ich regenerieren. Und irgendwann kommt Medo auch wieder zurück, dann wird es auch wieder anders sein, dass man vorne wieder mehr rotieren kann.«
Mit »Medo« meint der ehemalige Drittliga-Spieler des SV Meppen seinen Teamkollegen Ermedin Demirovic. Der bosnische Nationalspieler und Stuttgarter Top-Torschütze (fünf Pflichtspieltreffer) kuriert aktuell einen Mittelfußbruch aus, will laut eigener Aussage spätestens im Dezember jedoch wieder zurück sein.
Und genau an dieser Stelle gab Undav am Sonntag den Journalisten in der Mixed Zone einen kleinen Seitenhieb mit: »Als Medo ausgefallen ist, hieß es: Wir haben doch keine Stürmer. Ich bin ja anscheinend kein Stürmer für euch alle.« Er sei häufig als Alternative neben Jamie Leweling und Tiago Tomas genannt worden, die für die Position in der Sturmspitze in Frage kommen würden. »Ich bin aber ein klassischer Stürmer«, stellte der Doppeltorschütze klar. Nur eben ein spielstarker. »Das ist ja nicht meine Schuld, dass ich nicht als Stürmer gesehen werde, weil ich einfach spielstark und zudem ein bisschen kleiner bin«, meinte Undav.
Liefert Undav wirklich ab?
Richtig böse meinte der Norddeutsche seine verbale Spitze gegen die Medienvertreter nicht. Aber das musste sich der 29-Jährige einfach mal von der Seele reden. Vielleicht noch interessanter: Profi-Fußballer scheinen also sehr wohl die Berichterstattung zu verfolgen, obwohl sie es auf Nachfrage meistens vehement verneinen. Doch liefert Undav in den letzten Wochen wirklich ab? Oder hat der Angreifer einfach Glück - was es im Fußball anscheinend ja nicht geben soll -, dass er zum richtigen Moment am richtigen Ort steht und durch seine Treffer eigentlich schwache Leistungen seinerseits unter den Tisch gekehrt werden?
Auf die Frage eines Bild-Reporters, ob sich Undav in der Form seines Lebens befindet, antwortete Hoeneß nach dem fünften VfB-Heimsieg im fünften Bundesliga-Spiel: »Er bewegt sich langsam wieder zu alter Form aus seinen besten Tagen.« Dabei ist eines gewiss: Der Trainer lässt sich von reinen Zahlen nicht in die Tasche lügen, er hat das große Ganze im Blick und trifft eine solche Aussage nicht ohne Grund.
Ein Blick auf das »große Ganze«
Um das »große Ganze« zu beurteilen, lohnt sich ein Blick auf die Advanced Stats. Das sind Werte, die weit über handelsübliche Statistiken wie Tore, Vorlagen, Rote Karten hinausgehen und denen inzwischen jeder Profi-Club eine hohe Beachtung und Bedeutung schenkt. Weil sie zeigen, was ein Akteur wirklich zum Auftritt seiner Mannschaft beisteuert. Beim Blick auf die Online-Daten-Plattform fbref, sticht einem sofort die hellgrüne Farbe im Spielerprofil von Undav ins Auge. Zur Erklärung: Je grüner, desto besser.
Bei den für einen Stürmer relevanten Werten wie Schüssen, Ballberührungen im Strafraum, Progressive Passes (Bälle, die das eigene Spiel entscheidend Richtung des gegnerischen Tores vorantreiben) und den Shot-Creating Actions (die letzten zwei Offensivaktionen, die zu einem Torschuss führen) zählt der VfB-Profi im europaweiten Top-Fünf-Ligen-Vergleich zu den besten zehn Prozent der Spieler auf seiner Position. Mit anderen Worten: Undav trägt deutlich mehr zum Offensivspiel seines Teams bei als nur Tore.
Er selbst kommentierte seinen Auftritt am Sonntagabend: »Zwei Treffer gemacht, gewonnen, jetzt ne Woche Pause. Schöner kann es nicht sein.« Was Undav hätte auch sagen können: Wenn er so weitermacht, dann sollte er sich die kommende Länderspielpause lieber mal im Terminkalender freihalten. (GEA)


