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VfB Stuttgart: Vom FC Bayern auf den Boden der Tatsachen geholt

Der VfB Stuttgart kommt gegen den FC Bayern München mit 0:5 (0:1) unter die Räder. Deniz Undav wird nach der Klatsche im Bundesliga-Südgipfel deutlich. Doch war die Leistung des DFB-Pokalsiegers wirklich so schlecht?

Erwischt keinen guten Tag: VfB-Keeper Alexander Nübel.
Erwischt keinen guten Tag: VfB-Keeper Alexander Nübel. Foto: Jörg Halisch/Witters
Erwischt keinen guten Tag: VfB-Keeper Alexander Nübel.
Foto: Jörg Halisch/Witters

STUTTGART. Was wäre bloß gewesen, wenn der Treffer von Stuttgarts Nicolas Nartey in der 40. Minute gezählt hätte? Solche Gedankenspiele ergeben eigentlich keinen Sinn. Und trotzdem spielte der VfB-Fan dieses Szenario nach dem Südschlager gegen den FC Bayern München auf dem Heimweg nicht nur einmal durch. Der DFB-Pokalsieger wäre ziemlich sicher mit einem 1:1-Unentschieden in die Halbzeitpause gegangen und das Spiel wäre in der zweiten Hälfte vielleicht anders verlaufen. Hätte, Wenn und Aber. Am Ende brachten all diese ganzen Träumereien nichts. Denn in der Realität wurde der VfB mit einer 0:5 (0:1)-Packung vom deutschen Fußball-Rekordmeister schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen geholt.

Einer wurde besonders deutlich. Stuttgart-Angreifer Deniz Undav, der zum ersten Mal seit drei Bundesliga-Spielen wieder ohne eigenen Treffer vom Feld ging, war kurz nach dem Schlusspfiff richtig angefressen: »Das war ein Zwei-Klassen-Unterschied. Den Plan, den wir hatten, haben wir nicht durchgeführt. Wir wollten Mann gegen Mann spielen, haben denen aber zu viel Platz gelassen. Die haben uns fertiggemacht! Traurig, aber daraus müssen wir lernen.« Der 29-Jährige sprach von einer sehr, sehr schwachen Leistung. Damit bezog sich Undav wohl auf das zweite Spiel in der MHP-Arena an diesem Mittag. Denn der Südgipfel hatte gleich zwei Begegnungen zum Preis von einer zu bieten.

Der Südgipfel hatte gleich zwei Begegnungen in einer zu bieten

Das erste Duell lieferten sich beide Mannschaften von der 1. bis zur 60. Minute. Da gab's für Undav eigentlich nicht viel zu meckern. Denn spätestens ab der 15. Minute war der VfB mit dem ungeschlagenen Tabellenführer »auf Augenhöhe«, wie Stuttgarts Sportboss Fabian Wohlgemuth zurecht betonte. Tatsächlich hatte der DFB-Pokalsieger bis zur Pause überraschenderweise mehr Ballbesitz zu verzeichnen und gab auch mehr Torschüsse als das Team von Vincent Kompany ab. Nur das Ergebnis stimmte nicht. Weil ein Geistesblitz von Michael Olise (Pass durch die Beine von Maximilian Mittelstädt) zum traumhaften Hacken-Tor von Bayern-Rechtsverteidiger Konrad Laimer und dem 0:1 geführt hatte.

Dann kam der wegen Abseits zurückgenommene Kopfballtreffer von Nartey, dem besten VfBler. Der von vielen längst abgeschriebene Däne bereitete in der Nachspielzeit der ersten Hälfte außerdem noch eine Top-Chance für Chema Andres vor. Der Abschluss des jungen Spaniers zischte nur Zentimeter am Pfosten vorbei. Ansonsten war die Partie gar nicht so hochklassig, wie man hätte annehmen dürfen. Vielleicht lag's auch daran, dass Kompany inmitten eng getakteter englischer Wochen kräftig an der Rotationsmaschine drehte. Die beiden größten Überraschungen: Jonas Urbig hütete anstelle von Manuel Neuer das Tor und im Sturm durfte Nicolas Jackson statt Harry Kane ran.

Harry Kane braucht nur 28 Minuten, um seine Bundesliga-Treffer 15, 16 und 17 zu erzielen.
Harry Kane braucht nur 28 Minuten, um seine Bundesliga-Treffer 15, 16 und 17 zu erzielen. Foto: Jörg Halisch/Witters
Harry Kane braucht nur 28 Minuten, um seine Bundesliga-Treffer 15, 16 und 17 zu erzielen.
Foto: Jörg Halisch/Witters

Die Einwechslung des Superstars zur Stunden-Marke markierte schließlich den Anpfiff für das zweite Spiel zwischen dem VfB und dem FCB. Eines, in dem die Hausherren sang und klanglos untergingen. Es demonstrierte, warum die Münchner laut Stuttgart-Coach Sebastian Hoeneß »neben dem FC Arsenal derzeit die beste Mannschaft der Welt« sind. Weil sie nicht nur schönen Fußball zelebrieren können, sondern auch in beängstigender Weise gnadenlos sind und Räume hinter der Abwehrkette eiskalt bestrafen. Nur 28 Minuten nach der Hereinnahme des Engländers wurde ein Hattrick von Kane auf der Anzeigetafel notiert. Es ist fast schon unverschämt, was der 32-Jährige mit seinen Gegnern veranstaltet.

Dass Josip Stanisic den weiteren Treffer für die Münchner erzielte, geriet zur Randnotiz. Es war aber eine sehr spannende. Schließlich hatte VfB-Keeper Alexander Nübel beim nicht allzu gefährlichen Schuss des kroatischen Nationalspielers entscheidend gepatzt. Bereits in Hälfte eins war dem 29-Jährigen ein Fernschuss von Olise durch die Hände gerutscht. Damit zog der noch beim FC Bayern unter Vertrag stehende Nübel im Privatduell mit dem weitestgehend beschäftigungslosen, aber sehr souverän auftretenden Urbig klar den Kürzeren. Es ist auch das Duell um die Nachfolge des ewigen Manuel Neuers. Aber nur für den Fall, dass dieser irgendwann einmal auf die Idee kommen sollte, dass man in seinen 40ern keine Angst vor Langeweile haben muss, nur weil man nicht mehr Woche für Woche in den Bundesliga-Stadien zwischen den Pfosten steht.

Was macht diese Klatsche mit den Köpfen von Nübel, Undav und Co.?

Nach der geteilten höchsten Heimniederlage (ein 0:5 hatte es zuvor schon zweimal gegeben) in der Bundesliga-Geschichte des VfB, stellt sich die Frage: Was macht das mit den Köpfen von Nübel, Undav und Co.? Wohlgemuth hat da keine Bedenken. »Ich glaube nicht, dass da was hängen bleibt«, meinte der 46-Jährige und ergänzte: »Dennoch ist uns allen bewusst geworden, dass es bis zur absoluten Spitze noch ein paar Schritte sind.« Das ist keine neue Erkenntnis. Schließlich sind die Stuttgarter gegen Mannschaften aus den Top Vier in dieser Saison noch sieglos. Doch der FC Bayern kann kein Maßstab sein.

Interessant wäre es trotzdem gewesen, was nur gewesen wäre, wenn der Treffer von Stuttgarts Nicolas Nartey in der 40. Minute gezählt hätte. Bei den Bayern in dieser Form muss man so ehrlich sagen: Vermutlich nichts weiter als Ergebniskosmetik. Denn die Münchner sind in dieser Saison in einer anderen Galaxie unterwegs als die normalsterblichen 17 anderen Bundesliga-Clubs. Das ist die Realität. (GEA)