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VfB Stuttgart im Supercup: Gut, aber nicht gut genug

Die Akte ist geschlossen: Nick Woltemade bleibt über den Sommer hinaus beim VfB Stuttgart. Doch die Themen beim Pokalsieger bleiben offenbar die Alten, wie das 1:2 im Franz-Beckenbauer-Supercup gegen den FC Bayern gezeigt hat.

Nick Woltemade (rechts) wollte zum FC Bayern, muss jetzt aber endgültig beim VfB Stuttgart bleiben.
Nick Woltemade (rechts) wollte zum FC Bayern, muss jetzt aber endgültig beim VfB Stuttgart bleiben. Foto: Weller/dpa
Nick Woltemade (rechts) wollte zum FC Bayern, muss jetzt aber endgültig beim VfB Stuttgart bleiben.
Foto: Weller/dpa

STUTTGART. Die Akte ist geschlossen. Der Drops ist gelutscht. Die Maultaschen sind gegessen. Oder wie ein sichtlich genervter Deniz Undav nach der 1:2 (0:1)-Niederlage gegen den FC Bayern im Franz-Beckenbauer-Supercup zu Protokoll gab: »Endlich ist das Scheiß-Thema vorbei.« Auch der deutsche Nationalspieler habe sich immer wieder gedacht: »Wie lange wollen die noch darüber reden oder verhandeln?« Jetzt offenbar nicht mehr. Angreifer Nick Woltemade bleibt über den Sommer hinaus beim VfB Stuttgart und wechselt nicht nach München. Diese frohe Botschaft verkündeten Vorstandsboss Alexander Wehrle und Sportchef Fabian Wohlgemuth am Samstagabend vor dem Südschlager und der ersten Titelvergabe der neuen Saison.

Man wäre ja nur zu gerne beim gemeinsamen Dinner der VfB-Funktionäre mit den Verantwortlichen des deutschen Rekordmeisters und der Deutschen-Fußball-Liga (DFL) vor der Partie am Tisch gesessen. Wurde höflichkeitshalber zumindest Small-Talk über das Wetter gehalten oder herrschte eiskaltes und unangenehmes Schweigen? Mussten sich Jan-Christian Dreesen und Max Eberl das feine Gänge-Menü schön trinken, während die Stuttgarter heimlich in ihre Servietten grinsten? Und waren die DFL-Chefs dazu gezwungen, ihre wirtschaftlichen Kompetenzen kurzerhand ins Streitschlichten zu verlagern?

VfB-Kapitän Karazor nimmt Woltemade in Schutz

Fragen über Fragen. Genau die hatten auch alle wartenden Journalisten in der Mixed Zone an den Hauptdarsteller parat. Doch selbst eine Wartezeit von eineinhalb Stunden nützte nichts. Woltemade verschwand natürlich durch irgendeinen, vielleicht sogar extra für ihn gebauten, 1,98 Meter großen Geheimausgang aus der MHP-Arena. Absolut erwähnenswert: Der 23-Jährige selbst sorgte beim Warmmachen für ein nicht mehr möglich gehaltenes Bild. Er lachte mit seinen Teamkollegen, nachdem er sich während der gesamten Vorbereitung schlecht gelaunt und mit versteinerter Miene präsentiert hatte.

»Das freut mich. Wenn ihr ihn aber in der Kabine sehen würdet: Da lacht er auch gerne und macht gerne seine Witze«, versicherte VfB-Kapitän Atakan Karazor auf GEA-Nachfrage und ergänzte: »Für einen Spieler ist es nicht einfach, wenn um deine Person so viel Medientrubel herrscht. Da muss man vielleicht in der einen oder anderen Situation auch den Jungen verstehen. Wir als Mannschaft haben das meiner Meinung nach aber gut aufgefangen. Ich hoffe, dass das Nick genauso sieht.«

Damit ist dieses leidige Thema jetzt aber wirklich abgeschlossen. Auch wenn man es angesichts der ganzen Diskussionen nicht glauben mag: Es wurde auch noch gekickt. Meister gegen Pokalsieger. Sebastian Hoeneß gegen Vincent Kompany. Vor allem aber war es spannend zu sehen, wie weit die Stuttgarter eine Woche vor dem Bundesliga-Start bei Union Berlin wirklich sind. Die Antwort: »Ich würde sagen, dass wir nicht unbedingt als Verlierer vom Platz gehen müssen. Für mich war es ein gutes Spiel. So können wir in die nächsten Wochen gehen«, betonte Karazor. Doch war es das wirklich?

Mehr Tempo dank VfB-Rückkehrer

Bereits am Samstagabend weilte Tiago Tomas beim Supercup vor Ort in der VfB-Kabine. Noch aber nur in Zivil, nachdem die Stuttgarter wenige Stunden zuvor die Verpflichtung des Portugiesen offiziell machten. Der 23-Jährige kehrt für 13 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg zurück an den Ort, wo er als Leihspieler in der Rückrunde der Saison 2022/23 sein Potenzial angedeutet hatte. Tomas bringt im Sturmzentrum die dringend notwendige Geschwindigkeit mit, die dem VfB abgeht, wenn die technisch brillanten Woltemade und Undav gemeinsam auf dem Feld stehen. (ott)

Sportvorstand Wohlgemuth war da leicht anderer Meinung als der Stuttgarter Führungsspieler. »Bayern ist schon klar der verdiente Sieger«, sagte der 46-Jährige. Aber dennoch sei der VfB nicht ohne Möglichkeiten gewesen. Das beweist ein Blick auf die Statistiken: Die Bayern gaben mit 17 Torschüssen nur drei Abschlüsse mehr ab als die Hausherren. Das Hoeneß-Team war gut. Aber eben nicht gut genug. Weil der Meister aus München noch besser, dominanter und kaltschnäuziger war. Zum Beispiel nach 18 Minuten, als sich Harry Kane nach einem groben Schnitzer vom Schweizer Innenverteidiger Luca Jaquez, dem Gewinner der VfB-Vorbereitung, nicht zweimal bitten ließ und den Ball staubtrocken aus 17 Metern ins untere Eck donnerte.

Auf der anderen Seite verwertete Woltemade eine noch viel bessere Gelegenheit eben nicht. Allein vor Neuer stehend schoss er den im März 40 Jahre alt werdenden Keeper aus kurzer Distanz an, statt die Kugel ins Eck zu platzieren. Damit knüpfte er gegen seinen Fast-Neu-Club an die unglückliche Performance vor dem Tor in der Vorwoche gegen den FC Bologna an, als er ebenfalls aussichtsreiche Gelegenheiten liegen ließ. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der gebürtige Bremer es gegen die beiden extrem starken Gegenspieler Dayot Upamecano und Jonathan Tah ganz ordentlich gemacht hat, wie Wohlgemuth anführte.

Fakt ist: Die Chancen waren da

Ja, die Chancen waren da. Wie auch nach 75 Minuten, als der starke Jamie Leweling mit einem abgefälschten Weitschuss am überragend reagierenden Neuer scheiterte. »Wir nutzen unsere Chancen nicht«, haderte Karazor. Doch auf der anderen Seite stehe halt auch ein Weltklasse-Torhüter, »der beste aller Zeiten«. Wie es im Fußball halt so ist, durfte Bayerns unauffällig aufspielender 75-Millionen-Euro-Neuzugang Luis Diaz zwei Minuten später nach einer Flanke völlig unbedrängt zum 2:0 einköpfen. Das Spiel war damit entschieden. Auch wenn Leweling in der Nachspielzeit noch per Kopf auf 1:2 verkürzte.

Die Erkenntnis des Abends: Die Themen beim VfB bleiben offenbar die Alten. Man spielt selbst gegen den FC Bayern gut mit. Doch vorne vergibt man die Chancen und hinten leistet sich irgendjemand, irgendwo und irgendwann einen individuellen Fehler. Bekommt Hoeneß das in den Griff, kann es hoch hinausgehen. Falls nicht? Weiß man nach der vergangenen Bundesliga-Saison, wo es stattdessen hinführen kann. (GEA)