STUTTGART. Das Gute zuerst: Der VfB Stuttgart ist in der neuen Bundesliga-Saison angekommen. Dann folgt schon das große Aber: Eine Glanzleistung war der 1:0 (0:0)-Heimerfolg gegen Borussia Mönchengladbach definitiv nicht. Mit Ach und Krach setzte sich der Pokalsieger gegen die »Fohlen« vom Niederrhein durch. In einer Partie, die genauso gut andersrum hätte ausgehen können. Der Stuttgarter Offensivmotor stottert noch gewaltig. Kreativität bekamen die Fans am Samstagmittag nur durch die phänomenale Choreo vor dem Anpfiff zu sehen. Auf dem Feld suchte man sie vergeblich. Vor allem im vorderen Zentrum klafft nach den Abgängen von Nick Woltemade und Enzo Millot eine gewaltige Lücke.
Umso dramatischer ist es, dass Deniz Undav mit einem Innenbandanriss am linken Knie nun wohl mindestens sechs Wochen ausfällt. Der Druck auf Sportchef Fabian Wohlgemuth wird jetzt immer größer. Bis zum Ende des Transferfenster am Montagabend um 20 Uhr muss im Offensivbereich dringend noch etwas passieren. Die am Sonntag vermeldete Verpflichtung des Algeriers Badredine Bouanani (siehe Infobox) darf da nur der Anfang sein. Ansonsten könnte es eine sehr, sehr zähe Hinrunde werden. Eine Position dahinter sieht die Welt dagegen ganz anders aus. Nach den Erkenntnissen aus dem ersten Heimspiel, ist man fast geneigt zu sagen: Die Welt im defensiven Mittelfeldzentrum des VfB sieht rosiger denn je aus.
15 Millionen Euro für Bouanani
Pünktlich zum Schlusspfiff am Samstag vermeldete Transfer-Experte Fabrizio Romano den bevorstehenden Wechsel exklusiv. Am Sonntag bestätigte es dann auch der VfB Stuttgart: Badredine Bouanani wechselt zum DFB-Pokalsieger. Die Ablöse für den 20 Jahre alten Angreifer von OGC Nizza, der bereits fünf Länderspiele für die algerische Nationalmannschaft absolviert hat, soll bei rund 15 Millionen Euro liegen. Sein Vertrag läuft bis 2030. »Er ist offensiv flexibel einsetzbar und bringt trotz seines jungen Alters bereits internationale Erfahrung aus den europäischen Wettbewerben mit – unter anderem aus der vergangenen Europa-League-Saison«, sagt VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. »Seine Spielweise gibt uns zusätzliche Optionen für unser Offensivspiel.« (ott)
Das liegt an Chema Andres. Einem 20 Jahre alten Spanier, der nicht nur wegen seines in die Hose gesteckten Trikots und seiner Größe sowie Statur an einen gewissen Rodri von Manchester City erinnert. »Ich denke, diesen Tag wird er nicht vergessen«, sagte Stuttgarts Erfolgscoach Sebastian Hoeneß über den Sommerzugang. Nein, vergessen wird Andres den zweiten Bundesliga-Spieltag der Saison 2025/26 sicher nicht. Schließlich sorgte sein unnachahmlicher Kopfball in der 79. Minute für den Treffer zum 1:0-Endstand und einer Gefühlsexplosion in der mit 60.000 Zuschauer wie immer ausverkauften MHP-Arena.
Doch auch den VfB-Fans wird dieser junge Spanier nicht mehr aus dem Kopf gehen, nachdem sein Wechsel vor wenigen Wochen bei vielen Anhängern noch unter dem Radar gelaufen war. Was verwundert, wenn ein Spieler den Weg von Real Madrid ins Schwabenländle bestreitet. Für die Königlichen war der Mittelfeld-Stratege aber insgesamt nur zehn Minuten in La Liga auf dem Rasen gestanden. Ansonsten spielte Andres für die zweite Mannschaft in der dritten Liga. Warum sich der Champions-League-Rekordsieger dem Vernehmen nach eine Rückkaufoption für ihn gesichert hat, sieht man bereits nach den ersten Spielen.
Trainer Hoeneß schwärmt von Andres
»Ich glaube, er ist 18, 19 Jahre alt, kommt aus Spanien hier her und kommt rüber und spielt Fußball als ob er schon 30 wäre«, sagte der blass gebliebene Angreifer Ermedin Demirovic über seinen Teamkollegen, der seinem biologischen Alter offenbar schon weit voraus ist. Hoeneß schwärmt regelrecht von seinem Mittelfeld-Youngster: »Der Junge ist sehr aufgeräumt, spielt teilweise eher wie ein älterer, erfahrener Spieler, trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass er 20 ist und in seinem Leben fast nur in unteren Ligen gespielt hat. Deswegen wird er Zeit brauchen. Aber er hat einen sehr guten ersten Eindruck hinterlassen. Chema wird ganz sicher seinen Weg gehen«, betont der Coach.
Davon ist nach den ersten Auftritten stark auszugehen. Andres galt als der Gewinner der Vorbereitung. Schon gegen den FC Bayern im Supercup, als er den Treffer zum 1:2 per Kopf mustergültig auflegte, und auch am vergangenen Dienstag bei der denkwürdigen Pokal-Partie in Braunschweig brachte Andres frischen Schwung in die Begegnung. Logischerweise bleibt vor allem sein Siegtor gegen Gladbach im Gedächtnis. Wesentlich spannender war allerdings, was sich in den Sekunden nach dem Treffer abspielte.
Beeindruckende Szene nach dem Siegtor
Als sich die Stuttgarter Spieler nach dem ausgelassenen Jubel wieder formierten und auf den Gäste-Anstoß warteten, war es Andres, der lautstark Anweisungen in Richtung seiner Mitspieler gab und den Finger immer wieder an den Kopf legte. Nach dem Motto: Männer, ruhig bleiben und in der Schlussphase keine wilde Sachen machen. Das ist sehr beeindruckend, wenn man sich vor Augen führt, dass es sich um einen 20 Jahre alten Spieler handelt, der erst wenige Wochen im Verein ist und erst eine Viertelstunde zuvor als Einwechselspieler aufs Feld kam. Übrigens - oder besser ausgerechnet - für Kapitän Karazor.
Ist das der erste Schritt zur Wachablösung auf der bislang gesetzten Sechser-Position? Für die Bank ist der schon sehr reife Mittelfeld-Stratege auf Dauer definitiv zu gut. Aber deinen Kapitän und schmeißt du halt nicht mal im Vorbeigehen aus der ersten Elf. Hoeneß könnte bald vor einem großen Dilemma stehen. Oder tut der 43-Jährige das bereits jetzt? So oder so: Der 30. August 2025 könnte der Startpunkt einer großen Karriere sein. (GEA)

