STUTTGART. In Stuttgart hängen Plakate, auf denen Bagger abgebildet sind. Die ein Loch schaufeln, der Präsident soll »tiefergelegt« werden. Die Grenzen des guten Geschmacks sind lange überschritten, Beleidigungen sind an der Tagesordnung. Der Grund dieser Schmähungen, am Sonntag ist Mitgliederversammlung eines Fußballvereins. Nicht irgendeines Fußballvereins, sondern die des schwäbischen Traditionsclubs VfB Stuttgart. Es soll sich bei diesem Verein für Bewegungsspiele um das Aushängeschild der Region handeln. Selten zuvor ist ein Präsident dermaßen umfänglich beleidigt worden wie Wolfgang Dietrich.
Der Mann ist hart im Nehmen. Aber es trifft ihn natürlich trotzdem. »Ich jammere nie, aber es gibt Momente, in denen es schmerzt, die Familie leidet erheblich darunter«, sagt Dietrich. »Aber ich lasse mich nicht weich klopfen.« Das entspricht einfach nicht der Mentalität dieses Mannes.
»Wenn es nicht läuft, werden Verantwortliche gesucht, das ist in meinen Augen normal«
Der Club hat eine sportlich miserable Saison hinter sich, Millioneninvestitionen, die nicht den erhofften Erfolg brachten, die aber nicht an der wirtschaftlichen Stabilität dieses Vereins rütteln können. »Wir können schon jetzt sagen, dass wir auch in der übernächsten Saison ohne jeden Zweifel unsere Lizenz bekommen werden. Unabhängig davon, in welcher Liga wir spielen«, sagt Dietrich.
Das war nicht immer so. Dietrich hat dafür gesorgt, dass der Club wirtschaftlich stabil ist. »Aber es ist in diesem Geschäft nun einmal so. Wenn es sportlich läuft, ist das der Verdienst von Trainern und Managern. Läuft es nicht, ist der Präsident schuld.« Dietrich wusste von diesem Umstand auch schon, als er sich entschloss, Präsident zu werden.
Umstritten war er als ehemaliger Sprecher des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 schon immer. Aber als er die Ausgliederung der Profiabteilung massiv vorantrieb und auch realisierte, folgten ihm über 84 Prozent der Mitglieder.
Fast 70 000 sind es mittlerweile unter der Ägide dieses Mannes. Als er seinen ehrenamtlichen Job antrat, waren es 49 000. Andernorts würde man vermutlich von einer respektablen Erfolgsgeschichte sprechen. »Dietrich raus«-Plakate begleiteten stattdessen die phasenweise sportlich desaströsen Auftritte einer Mannschaft, die der entlassene Sportvorstand Michael Reschke aus aller Welt zusammengekauft hatte.
65 von knapp 70000 Mitgliedern haben für Sonntag einen Antrag auf Abwahl des Präsidenten gestellt. 65 entsprechen 0,09 Prozent der Mitglieder des Vereins. 0,09 Prozent der Mitglieder hoffen auf das Ende von Wolfgang Dietrich als Präsident des VfB Stuttgart. Was danach passiert, interessiert diese 0,09 Prozent vermutlich nicht. Vermutlich bedeutet es das Chaos. In den sozialen Medien spielt das alles keine Rolle. Dort wird weiter gepöbelt, beleidigt und für den Untergang getrommelt. Der dritte Bundesligaabstieg hat die Antihaltung nachhaltig befördert. »Das ist normal« sagt Dietrich.
An anderer Stelle wird im Netz allerdings auch die Art und Weise der Kritik am amtierenden Präsidenten angeprangert, im gleichen Text wird an die Umstände des Mordes an dem CDU-Politiker Walter Lübcke erinnert. Wolf-Dietrich Erhard, der Vorsitzendes des Vereinsbeirats des VfB, appelliert via Facebook engagiert an die Mitglieder: »Als VfBler müssen wir immer mit Anstand, Respekt und Offenheit untereinander in die Diskussion gehen.« Ein frommer Wunsch für den kommenden Sonntag.
»Der Umgangston hat Formen angenommen, die unerträglich sind. Das ist nicht zu tolerieren«
Ex-Präsident Erwin Staudt überrascht es nicht, dass nach dem Abstieg des VfB Stuttgart der Vereinschef in der Kritik steht. »Wenn es nicht läuft, werden Verantwortliche gesucht, das sind in der Regel der Manager und der Präsident. Das ist in meinen Augen normal«, sagte Staudt der Deutschen Presse-Agentur.
Darüber dürfe man sich als Betroffener nicht beklagen. »Das ist wie der Koch in der Küche. Der darf sich auch nicht beschweren, dass es dort heiß ist«, sagt der VfB-Ehrenpräsident. Staudt führte den Club von 2003 bis 2011, in seine Amtszeit fiel die deutsche Meisterschaft 2007. Dietrich wurde im Oktober 2016 nach dem zweiten Bundesliga-Abstieg von den VfB-Mitgliedern zum Präsidenten gewählt.
Manfred Haas ließ die Propaganda contra Dietrich keine Ruhe. Haas, von 2000 bis 2003 Vorgänger von Staudt in der Clubzentrale, wandte sich am Donnerstag in einem offenen Brief an die Mitglieder. Eine Abwahl des amtierenden Präsidenten brächte nur »Unruhe zur Unzeit«, schreibt Haas. »Wir haben wie andere Clubs unterschiedliche Strukturen in der Mitgliedschaft, die normalen und die extremen. Der Umgangston in der zweiten Gruppe hat Formen angenommen, die unerträglich sind, eine Retourkutsche für die Ausgliederung. Wir sollten an unserer gewachsenen Kultur festhalten und alle Auswüchse nicht tolerieren.«
Wenn am Sonntag 75 Prozent der erschienenen Mitglieder im Stadion gegen Wolfgang Dietrich stimmen, ist Dietrich abgewählt. Eigentlich ist das unmöglich. Aber eben nur eigentlich. (GEA)

