STUTTGART. Nachdem Präsident Claus Vogt Ende Juli bei der Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart abgewählt wurde und Vize Rainer Adrion zurückgetreten ist, kehrte Ruhe ein im Verein. Das liegt unter anderem auch am verbliebenen Präsidiumsmitglied Andreas Grupp. Der Reutlinger führt seither mit Interimspräsident Dietmar Allgaier den e.V..
GEA: Glückwunsch! Sie sind nun seit 100 Tagen Präsidiumsmitglied des VfB Stuttgart. Wie fühlt sich das an?
Andreas Grupp: Einfach super. Die Zeit bis jetzt hat mich darin bestärkt, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das ist eine tolle und verantwortungsvolle Aufgabe, die unheimlich viel Spaß macht.
Die aber sicherlich auch ordentlich Zeit in Anspruch nimmt.
Grupp: Ja, das ist richtig. Mit der administrativen Arbeit, Repräsentatives an den Spieltagen der Profis und dem Austausch mit den Vereinsabteilungen kommen schon sehr viele Stunden zusammen. Es muss einem im Vorfeld klar sein, dass man für alle da ist. Wer dabei auf die Uhr schaut, der sollte ein solches Amt nicht übernehmen. Neben dem VfB haben aber immer die Familie und der Beruf Priorität. Den Rest der verfügbaren Zeit kann man dann entsprechend für den VfB aufwenden. Das tue ich sehr gern.
Zur Person
Andreas Grupp (40) ist in Trochtelfingen aufgewachsen und war als Fußballer beim dortigen TSV bis in den Aktivenbereich Spieler. Der Neffe von Ex-Trigema-Boss Wolfgang Grupp ist der Bruder von Isabel Grupp, die seit Anfang Oktober mit dem »Höhle der Löwen«-Star Georg Kofler verheiratet ist. (wil)
Was gehört denn zu den Aufgaben?
Grupp: Auf alle Fälle weniger Fußball, als manche denken mögen. Sondern gerade auch die Arbeit für und mit Vereinsmitgliedern und den Abteilungen. Dazu zählt zum Beispiel, beim Sport- oder Sommerfest der Hockey-Abteilung, bei Spielen der Faustballer oder bei der Tischtennis-Abteilung vor Ort zu sein. Das macht aber alles auch Spaß.
Kann man grob fassen, wie viel Zeit das in Anspruch nimmt?
Grupp: In Stunden lässt sich das nicht ausdrücken. Man kann auch nicht sagen, dass jede Woche gleich ist wie bei normalen Jobs. Und es ist immer die Frage, was man dazurechnet. Ich war zum Beispiel in Turin. Das ist Zeit, die man überaus gerne aufbringt, denn das macht man als Fan ja auch. Der VfB ist eben Leidenschaft.

Was hat sich denn seit Ihrer Wahl für Sie persönlich geändert?
Grupp: Ich nehme den VfB jetzt in seiner gesamten Bandbreite anders wahr, in einer ganz anderen Tiefe – gerade auch abseits des Fußballs, etwa das Vereinsleben unserer aktiv Sporttreibenden. Hier dabei zu sein und mitgestalten zu können, war als reines Mitglied und Fan in dieser Form auch gar nicht möglich. Wir haben über 110.000 Mitglieder und dadurch so viele unterschiedliche Interessengruppen und Facetten innerhalb der VfB-Familie.
Was hat sich denn beim Verein verändert seit Ende Juli?
Grupp: Dietmar Allgaier und ich haben es im Zusammenspiel mit den Gremien geschafft, sehr schnell wieder Ruhe und Stabilität reinzubekommen. Alle denken und arbeiten gemeinsam in die gleiche Richtung, und der Verein strahlt dies auch aus.
»Wir haben im Normalfall einen längeren Regeltermin pro Woche sowie anlassbezogene Termine. Zur Abstimmung haben wir aber sieben Tage die Woche Kontakt«
Seit 2. August ist Allgaier Interimspräsident. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Grupp: Wir haben uns erst am Tag kennengelernt, als Dietmar in seiner Funktion vorgestellt wurde. Wir waren uns gleich äußerst sympathisch. Es harmoniert vom ersten Tag. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm und wir denken in vielen Dingen gleich.
Wie oft trifft man sich?
Grupp: Wir haben im Normalfall einen längeren Regeltermin pro Woche sowie anlassbezogene Termine. Zur Abstimmung haben wir aber sieben Tage die Woche Kontakt. Ich denke, wir sind schnell zu einem Führungsteam geworden, das im Sinne des Vereins Dinge anpackt und auch schnell bearbeitet.
»Zum Glück hat der Vereinsbeirat sehr gute Arbeit geleistet. Es waren nur vier Tage, ehe mit Dietmar Allgaier ein Präsident interimsweise berufen wurde«
Anfangs mussten Sie sich aber vorgekommen sein wie im falschen Film als frisch gewähltes Präsidiumsmitglied – und keiner mehr an Ihrer Seite.
Grupp: Das war eines der möglichen Szenarien vor der Mitgliederversammlung, wenn Rainer Adrion und Claus Vogt zurücktreten oder abgewählt würden. Und so kam es ja dann auch. Zum Glück hat der Vereinsbeirat sehr gute Arbeit geleistet, und es waren nur vier Tage, ehe mit Dietmar Allgaier ein Präsident interimsweise berufen wurde.
Hatten Sie im Nachlauf mal Kontakt zu Claus Vogt oder Rainer Adrion?
Grupp: Beide besuchen nach wie vor die Heimspiele. Rainer Adrion war ja wie mein Vorgänger Christian Riethmüller vom Vorstand zum Spiel in Turin eingeladen. Claus Vogt ebenso, er konnte das aber nicht wahrnehmen. Dabei bot sich die Gelegenheit, dass wir uns ausgiebig unterhalten konnten.
»Wir gehen offen und ehrlich miteinander um. Das ist uns wichtig und gilt für die Vereinsabteilungen genauso«
Bekommen Sie Rückmeldung, dass bei den Fans wieder mehr Vertrauen besteht?
Grupp: Ja, durchaus. Zuletzt, beim Dunkelroten Tisch, haben Dietmar und ich gutes, positives Feedback bekommen. Ebenso an den Fan-Meeting-Points rund um die Champions-League-Spiele in Madrid und Turin. Man merkt, wie die Anhänger für den Verein leben, ja sogar brennen. Es freut sie, dass es stabil geworden ist im Verein. Positive Rückmeldungen erhalten wir zudem aus dem Aufsichtsrat, dem Vereinsbeirat oder von den Mitarbeitern. Es kommt gut an, wie wir mit ihnen zusammenarbeiten.
Ist es mittlerweile tatsächlich so, dass, bis auf Kleinigkeiten, in den Gremien und Abteilungen Ruhe herrscht?
Grupp: Die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Gremien ist sehr konstruktiv und geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Wir gehen offen und ehrlich miteinander um. Das ist uns wichtig und gilt für die Vereinsabteilungen genauso. Ich glaube, das wird auch geschätzt.
»Wir konnten insbesondere die interne und externe Kommunikation auf die Schnelle stark verbessern und dadurch auch mehr Transparenz schaffen«
Konnten Sie bei Ihrem strategischen Schwerpunkt Jugend etwas anstoßen?
Grupp: Wir haben ein paar Dinge im Kopf, die wir in Zukunft anstoßen wollen, die aber langfristig ausgerichtet und noch nicht spruchreif sind. Wir stehen diesbezüglich in sehr gutem Austausch mit NLZ-Leiter Stephan Hildebrandt.
Im Gegensatz zu Ihrem Mitkandidaten Bertram Sugg stehen Sie für den Neuanfang im e.V.. Woran lässt sich festmachen, dass dieser erfolgreich eingeleitet wurde?
Grupp: Wir konnten insbesondere die interne und externe Kommunikation auf die Schnelle stark verbessern und dadurch auch mehr Transparenz schaffen. Zum Beispiel die Weichenstellung für die kommende Mitgliederversammlung. Das war ein wichtiges Thema für die Mitgliedschaft. Genauso das Thema Satzungskommission. Das Aufstocken auf künftig zehn Mitglieder statt bisher acht. Kommunikation ist das A und O. Man kann nicht immer jeden erreichen, aber es ist wichtig, so viele Mitglieder wie möglich in Entscheidungsprozesse einzubinden und sie damit teilhaben zu lassen, was man vorhat und warum man wie im Sinne des Vereins handelt.
»Wenn wir im Dezember eine außerordentliche Mitgliederversammlung abgehalten hätten, hätten wir wieder lediglich einen Interimspräsidenten für wenige Monate gewählt«
Wieso hat man sich dazu entschieden, keine außerordentliche Mitgliedsversammlung einzuberufen, sondern die nächste ordentliche vorzuverlegen?
Grupp: Es gab mehrere Gründe. Die Bewerbung für das Präsidentenamt zum Beispiel muss, laut Satzung, drei Monate vor der Versammlung dem Verein vorliegen. Einschließlich einer Vorlaufzeit für die Bewerber hätte demnach quasi schon im August die Bewerbungsphase starten müssen, wenn die Versammlung im Dezember hätte stattfinden sollen – alles organisiert vom Wahlausschuss, der sich als neu eingeführtes Gremium erst noch konstituieren musste. Zudem hätten wir in den Wintermonaten keine Versammlungsstätte in Stuttgart bekommen, weil die infrage kommenden Hallen ausgebucht waren. All das sprach für ein Vorziehen der Mitgliederversammlung 2025 auf den 22. März.
Gab’s noch andere Gründe?
Grupp: Wenn wir im Dezember eine außerordentliche Mitgliederversammlung abgehalten hätten, hätten wir wieder lediglich einen Interimspräsidenten für wenige Monate bis zur regulären Versammlung im Sommer 2025 gewählt. Es hätte also noch länger gedauert, bis das komplette Präsidium durch die Mitgliederversammlung gewählt worden wäre.
»Ich möchte den VfB gerne in eine positive Zukunft begleiten und meinen Teil zur Gestaltung dieser beitragen«
Dann wird das komplette Präsidium neu gewählt. Also stehen auch Sie wieder zur Disposition, oder?
Grupp: Das ist richtig. Ich wurde bei der Versammlung Ende Juli gewählt, weil Christian Riethmüller vom Amt als Präsidiumsmitglied zurückgetreten war. Nun kann ich mich bei der ordentlichen Mitgliederversammlung wieder zur Wahl aufstellen lassen. Das möchte ich auch sehr gerne tun, weil ich merke, dass bei uns im Verein sehr viel Potenzial besteht und mir die Aufgabe unheimlich viel Spaß bereitet. Ich möchte den VfB gerne in eine positive Zukunft begleiten und meinen Teil zur Gestaltung dieser beitragen.
Dann kennen wir jetzt zumindest ein mögliches künftiges Präsidiumsmitglied. Ansonsten werden gerade keine anderen Namen gehandelt, oder?
Grupp: Ja, aber das ist nicht verwunderlich, weil der Bewerbungsprozess erst begonnen hat und vom Wahlausschuss sehr professionell geführt wird. Nicht jeder Bewerber macht seine Bewerbung auch gleich öffentlich. Ich gehe davon aus, dass noch Bewerber kommen werden, die sich auch öffentlich positionieren.
» Dietmar Allgaier bringt sehr viel mit, was einen Präsidenten ausmacht. Wenn er sich doch bewerben könnte, würde der VfB mit Sicherheit davon profitieren«
Was muss der künftige Präsident aus Ihrer Sicht konkret mitbringen?
Grupp: Neben all den Qualifikationen und Anforderungen, die die Satzung vorgibt, muss er oder sie immer die Stimmen aus der Mitgliedschaft hören und im Sinne des VfB handeln. Ganz wichtig finde ich auch, dass man für das Präsidentenamt emphatisch ist und gerne mit Menschen umgeht. Man sollte gute Antennen und ein gutes Gespür haben, um die Leute zusammenzuführen.
Dann werfen Sie doch mal einen möglichen Kandidaten in die Runde.
Grupp: Dietmar Allgaier bringt sehr viel mit, was einen Präsidenten ausmacht. Er ist von seiner Art so, dass er mit unterschiedlichsten Menschen und Interessengruppen kommunizieren und zusammenarbeiten kann. Er versteht es, sich ruhig und sachlich zu unterhalten. Auch bei heikleren Themen. Zudem hat er viel Erfahrung in der Gremienarbeit, ist sehr sportaffin und denkt immer an die Abteilungen und die Jugend. Wenn er sich doch bewerben könnte, würde der VfB mit Sicherheit davon profitieren.
Ist es realistisch, dass der e.V. künftig den Aufsichtsratsvorsitz der AG innehat?
Grupp: Das war und ist ein zentrales Thema für viele Mitglieder. Deswegen ist in der Vergangenheit viel Unruhe entstanden. Wir haben in der Aufsichtsratssitzung am 27. September einstimmig Dietmar Allgaier zum Vorsitzenden gewählt. Aktuell ist der Vorsitz damit wieder direkt beim Präsidenten, wie es eben auch sein soll. Für mich ist klar, dass die Mitglieder eine fachlich und persönlich geeignete Person zum Präsidenten wählen werden. Somit ist diese auch geeignet für den Aufsichtsratsvorsitz der AG. Deshalb stellt sich für mich die Frage nicht und ich bin überzeugt, dass sich an der jetzigen Konstellation auch nach dem 22. März nichts ändern wird und der Aufsichtsratsvorsitz weiterhin beim e.V. sein wird. (GEA)

