STUTTGART. Kein Kommentar. Es wurde zum Wort des Abends nach dem 2:0-Heimsieg des VfB Stuttgart in der Europa League gegen Feyenoord Rotterdam. In den Mund genommen von Nationalspieler Angelo Stiller. Live am RTL-Mikrofon. Und zwar mehrfach. Wobei Nationalspieler... Das ist der 24 Jahre alte zentrale Mittelfeldspieler des DFB-Pokalsieger, wenn die WM-Qualifikation nach den letzten beiden Spielen unter Dach und Fach sein sollte, bis mindestens März nun offiziell nicht mehr. Bundestrainer Julian Nagelsmann überraschte bei der Kadernominierung mit seiner Entscheidung, vorerst auf den Stuttgarter Leistungsträger zu verzichten. Und genau das war das bestimmende Thema nach dem wichtigen Dreier des VfB im Europokal.
»Ich musste schon zweimal hinhören, als Ange mir gesagt hat, dass er nicht dabei ist«, gab Torschütze Deniz Undav am Donnerstag kurz vor Mitternacht auf GEA-Nachfrage offen und ehrlich zu. Verstehen könne er es nicht, doch der Bundestrainer habe so entschieden. »Und das gilt es zu respektieren«, sagte Undav weiter. Seine Nicht-Nominierung war dagegen keine Überraschung. Schließlich hat sich über das vergangene Jahr mit Nick Woltemade und Frankfurts Jonathan Burkardt enorme Konkurrenz im Sturm-Zentrum entwickelt. Außerdem ist Undav, der bislang im DFB-Team nicht über den Status des Ergänzungsspielers hinausgekommen war, gerade erst aus einer längeren Verletzungspause zurückgekehrt. Auch dass Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt außen vorblieb, schlug keine allzu große Wellen.
Nach schwerem Saisonstart längst wieder gefangen
Ganz anders gestaltet sich die Lage dagegen bei Stiller, der sich nach einem schwachen Saisonstart längst wieder gefangen hat und »der zentrale Spieler und ein Faktor ist, warum wir in der Bundesliga auf Platz vier stehen«, wie VfB-Coach Sebastian Hoeneß mit Nachdruck die Werbetrommel für seinen Schützling rührte. Aus diesem Grund habe ihn die Nichtberücksichtigung des Linksfußes doch ziemlich verwundert. »Ich kann nur für Angelo sprechen«, ergänzte der 43-Jährige abschließend. Klare Worte für einen Mann, der in Zeiten von Clickbaiting und aus dem Zusammenhang gerissenen Instagram-Zitat-Kacheln jedes Wort mit Bedacht wählt.
Auch der stets um Diplomatie bemühte Stuttgarter Sportvorstand Fabian Wohlgemuth wurde für seine Verhältnisse recht deutlich: »Julian Nagelsmann hat den Kader berufen. Wir akzeptieren das. Er wird seine Gründe haben. Aber es hat uns schon ein bisschen überrascht, dass Angelo fehlt. Vor allem weil er in den letzten Wochen nochmal einen Fortschritt in seiner Entwicklung gemacht hat und ein wichtiger Spieler für die erzielten Punkte war. Aber das in der Öffentlichkeit zu diskutieren, bringt jetzt nichts.« Mit anderen Worten: Der VfB ist mit Stillers Nicht-Nominierung nicht einverstanden.
Die Daten sprechen für Stiller
Den Vorzug gegenüber Stiller erhielten im zentralen Mittelfeld DFB-Kapitän Joshua Kimmich, Bayern-Youngster Alexander Pavlovic, Bayern-Routinier Leon Goretzka und Felix Nmecha vom BVB. Wobei sich die beiden Letztgenannten in ihrer Spielweise - dynamische Box-to-Box-Spezialisten - doch schon sehr ähnlich sind. Klammert man Kimmich aus, dann ist Stiller der mit Abstand spielstärkste Akteur mit einem deutschen Pass auf der zentralen Mittelfeld-Position.
Daten unterfüttern diese nicht wirklich steile These. Egal ob bei den Assists pro 90 Minuten, Shot-Creating Actions (die letzten zwei Offensivaktionen, die zu einem Torschuss führen) oder den Progressive Passes (Bälle, die das eigene Spiel entscheidend Richtung des gegnerischen Tores vorantreiben): Stiller zählt in diesen Statistiken im europaweiten Top-Fünf-Ligen-Vergleich auf seiner Position jeweils zu den besten fünf Prozent aller Spieler. Wohl dem, der auf einen solchen Akteur verzichten kann.
Nur Nübel und Leweling bei der Nationalmannschaft dabei
Damit werden in der Woche nach dem Bundesliga-Heimspiel am Sonntag (17.30 Uhr/Dazn) gegen den kriselnden FC Augsburg mit Keeper Alexander Nübel und Flügelspieler Jamie Leweling nur zwei VfB-Profis ihre Zelte im DFB-Camp aufschlagen. Nur zwei Stuttgarter bei der deutschen Nationalmannschaft? So richtig daran erinnern kann man sich nicht, wann es das zum letzten Mal gegeben hat. »Ich mich auch nicht«, meinte Undav am Donnerstagabend und schmunzelte.
Gemach gemach: Noch sind es nur zwei Quali-Spiele. Doch spätestens wenn Nagelsmann Stiller auch in seinem Aufgebot für die WM im kommenden Jahr in den USA ignoriert, wird sich der Regisseur des VfB Stuttgart mit einem »Kein Kommentar« nicht mehr zufrieden geben. Für den 24-Jährigen heißt es jetzt: Dranbleiben und den Bundestrainer eines Besseren belehren. (GEA)

