GLASGOW. Schottland steht Kopf. Alles dreht sich seit Tagen um den Fußball und das Land fiebert dem entscheidenden Spiel entgegen. Denn erstmals seit 1998 ist die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft wieder zum Greifen nah. Ein Sieg morgen Abend im ausverkauften Glasgower Hampden Park gegen Dänemark – und die Bravehearts sind als einer der zwölf europäischen Gruppengewinner direkt für das Championat 2026 auf dem amerikanischen Kontinent qualifiziert. »Wir haben die Dänen bei der WM-Quali 2021 mit 2:0 geschlagen und wir werden sie wieder besiegen«, prophezeit Angus.
Wir sind uns in der Sportsbar Raven begegnet. Das Lokal mit seinen 14 TV-Bildschirmen liegt nur zwei Gehminuten von meinem Hotelzimmer im Herzen Glasgows an der Bath Street entfernt, ein Zuhause für fünf Nächte. Am Samstagabend nach der 2:3-Niederlage der Schotten in Griechenland war die Stimmung bei den eingefleischten Fans, der Tartan Army, zunächst gedämpft. Schnell folgten aber gute Nachrichten: Im Parallelspiel blamierten sich die Dänen mit einem 2:2-Remis gegen das zuvor punktlose und abgeschlagene Schlusslicht Belarus.
Das bedeutet: Die Ausgangslage vor dem Duell am Dienstag ist wieder die Gleiche und der Optimismus war schnell wieder zurück. Nicht nur bei Angus, der den gleichen Vornamen trägt wie der in Glasgow geborene Leadgitarrist und Mitgründer der legendären Hardrock-Band AC/DC. Auch Finn, den ich im Rhoderick Dhu, dem Hauptquartier der West of Scotland Tartan Army nahe dem Zentral-Bahnhof treffe, hat wenig Bedenken: »Wir vertrauen unserer Mannschaft.«
Torloses Remis im Hinspiel
Die Sportteile der Zeitungen sind seit Tagen randvoll mit Berichten rund um die Nationalmannschaft. Ob im Herald, einem der ältesten (seit 1783) Nachrichtenblätter weltweit, im The National oder der Glasgow Times werden die alles entscheidenden Fragen gestellt: Wie ist den Dänen, die das klar bessere Torverhältnis (sieben Treffer besser) vorweisen, am besten beizukommen? Wer kann es richten? Vielleicht Scott McTominay von Italiens Meister SSC Neapel, John McGinn (Aston Villa) oder Che Adams vom FC Turin. Das Hinspiel Anfang September im Parken-Stadion Kopenhagen endet torlos.
Auf jeden Fall werden die Schotten ihre Kampfkraft und Würde in die Waagschale legen. Darauf kann sich der seit Mai 2019 amtierende Trainer Stephen »Steve« Clark zu hundert Prozent verlassen. Und falls kein Sieg gelingen sollte – macht nichts: Weil seine Mannschaft schon sicher zu den zwölf Gruppenzweiten zählt, die mit den vier besten Nation-League-Teams im März in die Play-offs gehen und dabei weitere vier WM-Teilnehmer ermitteln.
Apropos Clark: Der 62-Jährige absolvierte für den FC Chelsea allein 330 Pflichtspiele und ist damit eines ihrer Idole. In seiner letzten Partie für die Blues gewann Clark, ein mit allen Wassern gewaschener Abwehrspieler, den Europapokal der Pokalsieger – am 13. Mai 1998 mit einem 1:0 im Finale in Solna (Schweden) gegen den VfB Stuttgart. Die Chelsea-Anhänger haben ihn längst in ihre Jahrhundert-Elf gewählt.
Ärmste Stadt des Landes
Glasgow. Die 635.000-Einwohner-Stadt, Heimat auch des ehemaligen Tennis-Cracks Andy Murray und der populären Sängerin Amy McDonald, begeht schon das ganze Jahr über ihren 850. Geburtstag. Gut möglich, dass am Dienstagabend die größte Sause über die Bühne geht. Feiern kann Glasgow, 1990 Europas Kulturhauptstadt und von der Unesco als eine von 19 Städten weltweit mit der Auszeichnung »City of Music« geehrt. Sonntag und Montag füllt die Ikone Bob Dylan im Rahmen seiner Welttour die SEC-Arena am Clyde River.
Die Glaswegians leben aber auch in der ärmsten Stadt des Landes mit einer hohen Arbeitslosenquote, begründet im Zerfall der Schwerindustrie in den 1970ern und 80ern. Ihre Lebenserwartung liegt deutlich niedriger als im übrigen Schottland mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern. Aber die Menschen wirken unverzagt, amüsieren sich gerne. Nicht nur die Tartan Army, die gut 150.000 Mann stark im Vorjahr zur Europameisterschaft in Deutschland weilt. Und allerorten die Herzen erobert. Weil sie fröhlich singend durch die Straßen zieht und aus Kneipen kein Kleinholz macht. Morgen Mittag habe ich einen Termin mit Leuten aus der Tartan Army, diesen leidenschaftlichen Fans, die in großer Zahl in ihren Schottenröcken mit dem Tartanmuster und Dudelsäcken in den Hampden Park pilgern werden. Gänsehaut garantiert. Das E-Ticket für die Partie habe ich bereits Ende Mai geordert: Senior Public, Kategorie 2, Eingang West A6, Rang Q, Platz 124. Kosten: 24 Pfund Sterling, knapp 28 Euro.
Pre-Match-Party am Clyde
Zuvor jedoch zum Anderston Kai in die Location The Ferry direkt am Clyde zur Pre-Match-Party, vollgepackt mit Musik und namhaften Künstlern, die das Fußball-Fieber befeuern werden. Nick Morgan tritt auf, präsentiert seinen viralen Hit »No Scotland, no Party«. Auch Ted Christopher ist am Start, der mit seinen Songs während der Deutschland-EM die Stimmung in den Fanzonen anheizt. Um 18 Uhr dann mit dem Bus-Shuttle für die Tartan Army zum Hampden Park.
Das Stadion ist eine Hymne wert. Jahrzehnte lang hält die Arena den weltweiten Zuschauerrekord, als 149.507 Besucher am 17. April 1937 das Spiel gegen England (3:1) sehen. Erst 1950 löst das Maracana in Rio de Janeiro mit einem Fassungsvermögen von 200.000 Glasgows Kultstadion in dieser Statistik ab.
Denkwürdige Spiele
Triumph und Tragödie: Hampden war für deutsche Mannschaften ein Ort denkwürdiger Spiele. 1960 unterliegt Eintracht Frankfurt im Europapokalfinale der Landesmeister Real Madrid mit 3:7. Sechs Jahre später holt Borussia Dortmund im Finale gegen den FC Liverpool (2:1) den Pokalsieger-Titel. 1976 schlägt Bayern München im Landesmeister-Endspiel AS Saint-Etienne mit 1:0. Torschütze: Franz »Bulle« Roth. Und 2002 zieht Bayer Leverkusen im Finale der Champions League gegen Real Madrid mit 1:2 den Kürzeren.
Auch wichtig: Hampden ist die Heimat des schottischen Fußballverbandes. Glasgows Top-Clubs – das aufgrund seiner irischen Wurzeln katholisch geprägte Celtic sowie die protestantischen Rangers – haben ihre eigenen Stadien. Die Rivalität ist groß. Beide Vereine haben 55 Meistertitel errungen. Aber morgen Abend spielen solche Unterschiede keine Rolle. Dann stehen Schottlands Fans geschlossen hinter ihrem Team. So sympathisch die Dänen seit eh und je sind, meine Gunst gilt den tapferen Bravehearts. (GEA)

