AMSTERDAM. Noch immer lachen die Menschen in Meppen über einen Aprilscherz, der im Internet nicht so schnell verschwindet, wer mehr über Deniz Undav erfahren möchte. Vor knapp einem halben Jahr vermeldete ein Portal seine Rückkehr zum Regionalligisten SV Meppen, obwohl der Stürmer einige Tage zuvor gerade im französischen Lyon für die deutsche Nationalmannschaft debütiert hatte. Aber das Emsland sei wieder der richtige Ort. »Hier liegen die Wurzeln meines Erfolges, hier habe ich das Tor des Monats aus über 50 Metern geschossen, hier begann mein Erfolg«, sagte angeblich der Deutsch-Türke, der in Varel im Landkreis Friesland geboren und in Achim bei Bremen aufgewachsen ist. Natürlich war das ausgemachter Unfug, aber Undav hat gerne mitgemacht. Der Schalk im Nacken spielte bei ihm auch nach einem Länderspiel noch mit, das den Angreifer vom VfB Stuttgart ins Rampenlicht rückte.
»Ich laber viel und versuche, die Leute ins Boot zu holen, dass sie es nicht zu ernst nehmen«
Kaum einer wirkte nach dem Nations-League-Klassiker zwischen Niederlande und Deutschland (2:2) so vergnügt. Blödelei mischte sich mit Ehrlichkeit. Während das Fachpublikum beispielsweise rätselte, ob seine Vorlage vor dem 2:1 von Joshua Kimmich wirklich gewollt war, sprach der 28-Jährige von einer »Gammel-Vorlage«. Er habe schießen wollen, der Ball sei abgerutscht – und zufällig zum Kapitän gerollt. Passiert einem Stürmer wohl nur, wenn er vorher so formvollendet trifft wie Undav beim Nachschuss zum 1:1. Sein erstes Länderspieltor beim ersten Startelfeinsatz.
Der Ball sei gar nicht so einfach zu nehmen gewesen, merkte Bundestrainer Julian Nagelsmann später an. »Ich bin richtig happy. Ich wollte unbedingt treffen. Ich habe es jetzt geschafft«, erzählte der 28-Jährige. In der Hand hielt er nach seinem vierten DFB-Einsatz ein Sandwich. Ein Döner wäre ihm lieber gewesen, scherzte er in der Johan-Cruyff-Arena. Da passte ein Fußballprofi mit seiner lockeren Art perfekt zu den jungen Menschen, die sich in Amsterdam zwischen Grachten und Hausbooten, Shops und Bars selbst bei Schlechtwetter am Leben erfreuen.
Der über verschlungene Pfade zum Nationalspieler aufgestiegene Undav trägt das Herz noch auf der Zunge. Nun hat der Spätstarter sogar offensiv dafür beworben, den Part des Entertainers Thomas Müller übernehmen zu wollen. Warum soll er nicht der Nachfolger von »Radio Müller« werden? »Die Nummer 13 habe ich ja jetzt auch. Ich trete da in große Fußstapfen, aber wenn es einer schaffen kann, dann ich, glaube ich«, sagte er bei RTL: »Ich laber viel, ich mache viel Spaß, versuche einfach, die Leute ins Boot zu holen, dass sie es nicht zu ernst nehmen.«
Mit dieser Grundhaltung hat Undav auch nullkommanull Groll gehegt, dass es für ihn bei der EM nur einem Kurzeinsatz im zweiten Gruppenspiel gegen Ungarn (2:0) reichte. Danach folgte kein ganz einfacher Sommer, denn die Einigung zwischen seinem ehemaligen Arbeitgeber Brighton & Hove Albion und dem deutschen Vizemeister zog sich gefühlt ewig in die Länge, obwohl er sich klar für den Verbleib in Deutschland ausgesprochen.
Für das Gesamtpaket – allein die Ablöse mit Boni soll bei 30 Millionen Euro liegen – gingen die Schwaben bis an die finanzielle Schmerzgrenze.
Ausgerechnet der Königstransfer kam bislang etwas schwer in die Gänge, weshalb viele eigentlich Maximilian Beier in der Startelf erwartet, aber Undav ist derjenige, der Bälle besser festmacht und im Strafraum mehr Präsenz ausstrahlt. Letztlich ging der Schachzug auf. Der Ersatzmann für den angeschlagenen Niclas Füllkrug schien zwar zunächst mit Tempo und Körperlichkeit ziemlich überfordert, doch betrieb dann beste Werbung in eigener Sache.
Natürlich weiß das Schlitzohr, dass er sich nicht ausruhen darf. Vor allem der Champions-League-Auftakt bei Titelverteidiger Real Madrid im legendären Bernabeu zauberte ihm das nächste Lächeln ins Gesicht. Dort kommenden Dienstag wieder ein berühmtes Stadion kurz zum Schweigen zu bringen – das hätte was für einen, der von 2018 bis 2020 im allerbesten Alter ja wirklich noch für den SV Meppen kickte. (GEA)

