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Aktuell Handball-WM

»Stuttgart wird Handball-Bundesstützpunkt«

Der Präsident des Deutschen Handballbundes, Andreas Michelmann, will neue Strukturen aufbauen, um die deutsche Topspielerinnen besser zu machen. Stuttgart ist ein Profiteur davon. Außerdem legt Michelmann im GEA-Interview bei seiner Kritik an ARD und ZDF nach.

DHB-Präsident Michelmann im Gespräch mit der baden-württembergischen Kultusministerin Theresa Schopper
DHB-Präsident Michelmann im Gespräch mit der baden-württembergischen Kultusministerin Theresa Schopper Foto: Frank Schwaibold
DHB-Präsident Michelmann im Gespräch mit der baden-württembergischen Kultusministerin Theresa Schopper
Foto: Frank Schwaibold

STUTTGART. Der DHB-Präsident Andreas Michelmann erhält viel Zuspruch wegen seiner Kritik an ARD und ZDF und will die deutschen Handball-Frauen in der Weltspitze etablieren. Im Interview mit unserer Zeitung betont er zudem, dass es nicht sein kann, dass Spitzensportlerinnen nebenher arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

GEA: Wie zufrieden sind Sie mit dem Auftakt der Frauen-WM?

Andreas Michelmann: Mit der Stimmung in der Porsche Arena war ich sehr zufrieden. Das beginnt mit dem Respekt vor dem Gegner und zeigt sich schon bei der Nationalhymne, wo alle aufstehen, keiner pfeift und bei der eigenen Hymne mitgesungen wird. Es ist eine positive Unterstützung der eigenen Mannschaft, und der Gegner wird nicht niedergemacht. Sehr erfreulich ist für mich auch: Wir haben inzwischen eine ziemlich junge und dynamisch agierende Nationalmannschaft, die unser Bundestrainer Markus Gaugisch geformt hat. Und zudem sind wir froh, dass wir bei den deutschen Spielen die Hallen komplett füllen.

Sie haben ARD und ZDF kritisiert, weil die öffentlich-rechtlichen Sender erst ab dem Viertelfinale von der WM berichten. Gab es darauf schon Reaktionen?

Michelmann: Bei mir hat sich niemand von ARD oder ZDF gemeldet. Aber ich habe sehr viele Reaktionen bekommen mit dem Grundtenor: Ich hätte da einen Nerv getroffen. Einerseits was die Sichtbarkeit des Frauensports anbelangt, andererseits was diese Monokultur in der Sportberichterstattung angeht. Die Sportschau ist ja quasi nur noch eine Fußballschau. Ein Interview der norwegischen Handball-Präsidentin Randi Gustad bestätigt meine Sicht, denn die Kollegin drückt sich im Gespräch mit einer norwegischen Zeitung noch härter aus als ich. Sie sagt, für sie sei es unvorstellbar, dass ein Land wie Deutschland Frauen so stark diskriminiert.

Es gibt den Sportsender Dyn, der sich unter anderem speziell um Handballübertragungen kümmert. Von der Frauen-WM sendet Dyn aber auch keine Live-Spiele. Warum haben sie Dyn von der Kritik ausgenommen?

Michelmann: Bei Dyn geht es darum, eine Plattform für den Handball zu bieten. Und es geht um die Streaming-Idee. Worum es mir aber geht, ist ein normales, niederschwelliges Angebot für jede und jeden und dafür ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf Basis des Rundfunkstaatsvertrages zuständig. Dafür bezahlen wir die Rundfunkbeiträge.

Der DHB will den Frauenhandball stärken. Wie weit sehen Sie Ihren Verband auf diesem Weg?

Michelmann: Wir wollen als Erstes bei der besseren Qualität unserer Topspielerinnen ansetzen. Unser Anspruch ist, strukturell so gut aufgestellt zu sein, dass wir immer die Chance haben, ins Halbfinale zu kommen. Bei allem Respekt vor dem, was in den Vereinen der Frauen geleistet wird: Die Klubs der Frauen-Bundesliga sind – auch im Vergleich zu den Männern – finanziell nicht so aufgestellt, dass sie das mit der notwendigen letzten Konsequenz leisten können. Deswegen haben wir uns entschieden, vier Bundesstützpunkte aufzubauen. Die ersten beiden definitiv im Jahr 2027 in Stuttgart und Leipzig, und dann in der Folge einen im Norden, wahrscheinlich in Hamburg, und einen in Köln oder Dortmund. In diesen vier Bundesstützpunkten wollen wir die Toptalente ab 2027 gezielt fördern.

GEA: Braucht der Frauenhandball nicht auch mehr Sichtbarkeit?

Michelmann: Absolut. Das gilt für den gesamten Frauensport. Nur über die Sichtbarkeit machen wir diesen populär und attraktiv für Sponsoren. Außerdem müssen die Frauen, solange sie aktiv sind, von ihrem Sport leben können. Da rede ich noch nicht einmal von Equal Pay. Aber es geht im Spitzensport nicht, dass Spitzensportlerinnen und damit auch unsere Handballerinnen nebenher noch arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Wie steht es um das Thema Safe Sport?

Michelmann: Wir müssen dafür sorgen, dass Eltern ihre Kinder guten Gewissens in die Sporthalle bringen können und dass die Trainer wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Grenzverletzungen, sexualisierter Belästigung und Gewalt im Sport. Dafür haben wir auf dem letzten Bundestag mit mehr als 98 Prozent der Delegierten beschlossen, den sogenannten Safe Sport Code vom Deutschen Olympischen Sportbund auf den Deutschen Handballbund zu übertragen. Eine der nächsten Aufgaben wird sein, das ganze auf die Landesverbände herunterzubrechen.

Bundesstützpunkte im Frauen-Handball

Im weiblichen Bereich will der DHB jetzt eigene Handball-Internate installieren. Ingo Meckes (49), der DHB-Vorstand Sport, sagt: "Da die finanzielle Substanz bei einigen Bundesliga-Klubs nicht ausreicht, werden wir 2027 in Stuttgart und Leipzig einen eigenen Bundesstützpunkt mit Internat betreiben, um vier bis sechs Spielerinnen im Alter von 15 bis 20 Jahren optimaler fördern zu können.

2029 soll dann Hamburg dazukommen und in Planung ist auch ein vierter Bundesstützpunkt im Raum Dortmund oder Köln." Weiter fortgeschritten sind bereits die Vorarbeiten für die Standorte Stuttgart und Leipzig. Bei den dortigen Olympiastützpunkten sind bereits sogenannte Personentage so verlagert worden, um dort aktive Handball-Talente intensiver betreuen zu können.

Meckes weiß um die notwendigen und auch langen Vorläufe aus seiner Zeit in der Schweiz beim dortigen Handballverband - dort leitete er den Aufbau einer Akademie. Im laufenden Betrieb werden beim DHB für dann vier Zentren insgesamt eine Millionen Euro pro Jahr budgetiert. Der weitere Ausbau der personellen Strukturen wird in Verbindung mit dem Start der jeweiligen Zentren folgen. In der Diskussion ist, dass bereits ab Sommer 2026 die Vorlaufphasen beginnen.

Meckes erklärt zum aktuellen Stand: »Wir werden mit den Bundestrainern die Sichtungsprozesse entwickeln und in die verschiedenen Organisationen tragen. Hier wird auch Heike Ahlgrimm als Chef-Bundestrainerin für den weiblichen Nachwuchs eine große Rolle spielen.«

Meckes zeigt sich zuversichtlich, »dass wir im Zusammenspiel mit der Handball Bundesliga Frauen, den Vereinen, allen beteiligten Institutionen und vor allem den Spielerinnen dem Frauenhandball einen großen Leistungsschub geben können.« (fs)