PARIS. Die Prognosen von Frank Busemann haben Gewicht. Selten liegt der Olympiazweite von Atlanta 1996 mit seinen Voraussagen daneben. Auch wenn es kein Gold im Zehnkampf für Leo Neugebauer gab, nennt Busemann das Silber »gaga«. Und das nicht nur, weil er der letzte Deutsche war, der es im Zehnkampf vor 28 Jahren auf das olympische Podium geschafft hat. »Vor zwei Jahren war er noch ein unerfahrener College-Rookie mit einer unfassbar mitreißenden Ausstrahlung, der in diesem Jahr schon vier erstklassige Mehrkämpfe absolviert hat, und jetzt hängt er sich nach einer harten, langen College-Saison die olympische Silbermedaille um«, schrieb Busemann in seiner ARD-Kolumne. Und ist sich seiner Prognose absolut sicher: »Wenn man sieht, was der noch draufhat, dann werden wir nicht nur heute Spaß mit ihm haben.«
»In Paris diesen Wettkampf machen zu dürfen – das war sehr, sehr cool. Es war mir eine Ehre«
Busemann, Fernsehexperte, Buchautor und Motivationstrainer, liegt sehr, sehr selten daneben. Und auch wenn Neugebauer in Deutschland schon auf programmiertes Gold hochgeschrieben wurde, Silber von Paris war ein überragender Erfolg im Stade de France. »Mama, Oma, Freundin, alles sind stolz auf mich, ich gehe mit einem Lächeln von Paris, mehr als Silber kann ich nicht erwarten. Ich habe meine olympische Medaille, ich bin unsagbar glücklich und zufrieden.« Es war ein Zehnkampf mit Höhen und Tiefen, wie immer, wenn die Könige der Athleten bei Olympia um Medaillen kämpfen. »Das Silber gehört mir«, sagt Neugebauer, wie damals Busemann in Atlanta 1996.
Er will noch über alles nachdenken und weiter realisieren, was er an diesen beiden Tagen im Stade de France geleistet hat. Neugebauers stärkster Konkurrent Damian Warner aus Kanada verabschiedete sich mit einem »Salto Nullo« im Stabhochsprung aus dem Medaillenrennen. Warners Landsmann, Weltmeister Pierce Lepage, und Weltrekordler Kevin Mayer aus Frankreich hatten den olympischen Zehnkampf schon im Vorfeld verletzungsbedingt absagen müssen. Wie Warner, Olympiasieger von Tokio, blieb auch Sander Skotheim aus Norwegen im Stabhochsprung in Paris ohne Punkte, Europameister Johannes Erm aus Estland mit nur 4,60 Metern weit unter seinen Möglichkeiten in dieser Disziplin.
Neugebauer startete am Vortag mit 10,67 Sekunden über die 100 Meter, blieb im Weitsprung knapp unter acht Metern (7,98), stieß die Kugel auf 16,55 Meter, schaffte im Hochsprung 2,05 Meter und lief 47,70 Sekunden über die 400 Meter. Am zweiten Tag blieb er im Diskuswerfen mit 56,64 Metern unter seinen Möglichkeiten, im Stabhochsprung waren 5,00 Meter die Endstation, der Speerwurf ist nicht seine Königsdisziplin, aber Neugebauer kämpfte um seine Medaille, eindrucksvoll demonstriert bei der abschließenden sichtlichen Quälerei über 1.500 Meter. Markus Rooth aus Norwegen hatte nach zahlreichen persönlichen Bestleistungen mit 8.796 Punkten am Ende 48 Punkte Vorsprung vor dem Weltjahresbesten Neugebauer (8.748). Aber auch damit war Neugebauer überglücklich. »Die Stimmung war einfach verrückt, in Paris diesen Wettkampf machen zu dürfen – das war sehr, sehr cool. Es war mir eine Ehre.« Im Vorjahr war er bei den Weltmeisterschaften in Budapest als Halbzeit-Führender noch auf Rang fünf zurückgefallen. Daraus hat er Lehren gezogen. »Vielleicht musste ich da letztes Jahr durchgehen, um in Paris Silber zu gewinnen, ich habe mich verändert und im letzten Jahr viel gelernt«, sagte der Zehnkämpfer vom VfB Stuttgart, »die ganze Arbeit hat sich wirklich gelohnt, ich bin wirklich superglücklich«. In den USA will er auch nach seinem Studienabschluss erst einmal bleiben. »Keine Veränderungen aktuell«, sagt der Profi.
Markus Rooth überquerte im Stabhochsprung fantastische 5,30 Meter, das konnte Neugebauer nicht mehr ausgleichen in den beiden letzten Disziplinen, er fiel nach dem Speerwurf auf den zweiten Rang zurück, Rooth übernahm nach 66,87 Metern die Führung und gab sie als starker Läufer auch über 1.500 Meter nicht mehr ab.
Der Endspurt von Niklas Kaul kam dagegen zu spät. Großartige 77,78 Meter im Speerwurf, noch nie wurde bei Olympia im Speerwurf des Zehnkampfs eine größere Weite erzielt, und ein phänomenaler 1500-Meter-Lauf, den er nach 4:15,00 Minuten gewann, brachten ihn am Ende mit 8.445 Punkten noch auf den achten Rang. Und Kaul war guter Dinge. »Ich habe nach dem katastrophalen ersten Tag ein paar Tränen verdrückt, es war mental das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Ich bin mit großen Zielen nach Paris gekommen, ich möchte nie mehr auf Rang 21 in den zweiten Tag gehen, aber ich habe mit Paris meinen Frieden gemacht. Alles ist gut, im Speerwurf konnte ich wie über die 1.500 Meter zeigen, was ich draufhabe. Das hat mich mit der Katastrophe des ersten Tages versöhnt.« (GEA)

