DRESDEN. 1,91 Meter groß, 100 Kilo schwer: Speerwerfer Julian Weber ist ein Hüne von einem Athleten. Mit einer Spannweite von 2,20 Meter seiner Arme beschleunigt er den 800 Gramm schweren Speer beim Abwurvf auf 115 km/h. Der Saisonauftakt war für Weber ein Hammer. Mit 91,06 Meter übertraf er in Doha (Katar) erstmals die 90-Meter-Marke. Jahrelang hatte er dieser Weite hinterhergeworfen. Jetzt ging ein Traum in Erfüllung.
Wenige Tage später siegte er auch im polnischen Chorzów mit 86,12 Meter und besiegte damit zweimal den indischen Olympiasieger Neeraj Chopra. Seine bisherige Bestleistung stand bei 89,84 Meter. Weber ist der einzige deutsche Leichtathlet auf Platz eins weltweit.
»Auf diesen Moment habe ich drei Jahre gewartet, dies war ein Gänsehautmoment, ich bin einfach glücklich«, kommentierte der 30-Jährige seinen Leistungssprung. »Nach so vielen Jahren, nach so vielen Schmerzen da anzukommen, ist schon etwas Besonderes«, verspürt er Genugtuung. Julian Weber weiß aus eigener Erfahrung: Speerwerfen ist eine verletzungsanfällige Sportart.
Er galt schon als tragischer Held
Sein Kollege Johannes Vetter mit 97,76 Meter bester Deutscher aller Zeiten, kämpft nach heftigen Verletzungsproblemen seit zwei Jahren um den Anschluss zurück an die Weltspitze. »Johannes war ein so überragender Athlet, er tut mir richtig leid«, bedauert Weber. 2022 hatte Weber im Münchner Olympiastadion 50.000 Zuschauer in Begeisterung versetzt, als er gegen viele Schmerzen im Körper Europameister wurde. Der Jubel klingt ihm noch heute in den Ohren. Die EM-Silbermedaille folgte in Rom. Doch der ganz große Titel als Weltmeister oder Olympiasieger blieb bislang aus.
Dreimal belegte er bei Großereignissen vierte Plätze (WM und Olympia) und wurde dabei im letzten Versuch vom Medaillenrang verdrängt. Er galt schon fast als »tragischer Held« und kämpft gegen dieses Image an. Beim ISTAF in Berlin setzte er seine Siegesserie mit 84,03 Meter fort – wieder in Frauenspikes, die er bei seinem 90 Merter-Wurf in Doha schon getragen hatte. Seine eigenen hatte er damals vergessen, seine Leverkusener Kollegin Mirja Lukas hatte ausgeholfen. In Dresden dürfte Weber am Wochenende seinen fünften DM-Titel gewinnen, die Konkurrenz liegt derzeit zehn Meter hinter dem Mainzer. Doch kann Sportsoldat Weber im September in Tokio den Speer endlich zu WM-Gold werfen und damit die große deutsche Speerwerfer-Tradition fortführen (siehe Box)?
Ein halbes Jahr harte Arbeit
Der Weg an die Weltspitze ist lang, aber noch nie war der Weltjahresbeste Weber so weit vorne wie jetzt. »Ja, ich bin jetzt schon in einer Top-Verfassung«, stellte er nach den ersten Wettkämpfen fest. Ein halbes Jahr hatte er im Winter an Kraft und Technik gefeilt. Im Trainingslager in Belek (Türkei) lief es sehr gut, trotz gerade überstandener Magen-Darm-Grippe und einem gezogenen Zahn. Weber ist auch neben der Anlaufbahn aktiv geworden, hat inzwischen einen Youtube-Kanal eingerichtet. »Man muss heute für die eigene Präsentation sorgen, es geht nicht nur um große Weiten«, beschreibt er den Zusammenhang zwischen Sport und Promotion: die eigene Vermarktung. Er selber hatte den tschechischen Weltrekordler Jan Zelezny und den norwegischen Olympiasieger Andreas Thorkildson als Vorbilder. »Vielleicht werde ich ja selber mal ein Vorbild für andere«, hat der sympathische Athlet im Hinterkopf.
Weber macht aber auch klar: »Ich kann jetzt nicht in jedem Wettkampf über 90 Meter werfen«. Rechnen müssen seine Konkurrenten um die WM-Medaillen dennoch mit ihm. Sein Selbstvertrauen ist mit den Weiten gewachsen. (GEA)
DEUTSCHES SPEERWURFLAND
Deutschland ist traditionell ein Speerwurfland. Klaus Wolfermann und Thomas Röhler (beide Olympiasieger), Johannes Vetter, Matthias de Zordo, Detlef Michel (alle Weltmeister) sowie Uwe Hohn (Weltrekordler): Sie alle haben große Titel gewonnen. Hohn hat am 30. Juli 1986 in Ostberlin mit 104,80 Meter nicht nur einen überragenden Weltrekord erzielt, sondern die komplette Speerwurfwelt auf den Kopf gestellt. Aus Sicherheitsgründen wurde das Reglement geändert und ein neuer Speer mit einem veränderten Schwerpunkt eingeführt. Der Weltrekord des Tschechen Jan Zelezny liegt derzeit bei 98,48 Meter. (ewa)

