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Aktuell Nationalmannschaft

Massagepritsche statt Fußballplatz

Kapitän Kimmich fällt für Freitag aus. Nagelsmann-Team darf sich keinen Ausrutscher mehr leisten

Joshua Kimmich (Bild) steht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aufgrund einer Verletzung am Sprunggelenk in Luxemburg nich
Joshua Kimmich (Bild) steht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aufgrund einer Verletzung am Sprunggelenk in Luxemburg nicht zur Verfügung. Abwehrchef Jonathan Tah übernimmt als Kapitän. FOTO: WEBER/EIBNER
Joshua Kimmich (Bild) steht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aufgrund einer Verletzung am Sprunggelenk in Luxemburg nicht zur Verfügung. Abwehrchef Jonathan Tah übernimmt als Kapitän. FOTO: WEBER/EIBNER

WOLFSBURG. Es ist nicht das, was sich die deutsche Nationalmannschaft als Mutmacher gewünscht hat. Ein Kapitän, der auf der Massagepritsche liegt. Ein verschmitztes Grinsen im Gesicht konnte nicht verdecken, dass es Joshua Kimmich schon mal besser ging. Wegen einer Verletzung am rechten Sprunggelenk verpasst ausgerechnet der Kapitän das WM-Qualifikationsspiel in Luxemburg (Freitag 20.45 Uhr/RTL). »Leider vorerst mein Arbeitsplatz. Gebe alles, um am Montag wieder auf dem Platz zu stehen« schrieb der 30-Jährige am Donnerstag, nachdem der DFB vor dem Abschlusstraining in Wolfsburg die Nachricht verbreitet hatte.

Nach Kimmichs Klarstellung hörte es sich allerdings so an, als würde der Allrounder vielleicht beim Showdown gegen die Slowakei in Leipzig (Montag 20.45 Uhr/ZDF) wieder mitwirken könnten. Ihn dürfte im Großherzogtum vorerst Ridle Baku vertreten, der tags zuvor auf der Pressekonferenz einen aufgeräumten Eindruck hinterlassen hatte.

Große Zuversicht

Der 27-Jährige ist bei RB Leipzig unumstrittene Stammkraft. Nur sollte der gebürtige Mainzer gegen Luxemburg besser spielen als in seinem ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein unter Hansi Flick. Bei jenem Pflichtsieg im schweizerischen St. Gallen im September 2021 hatte Baku gegen den Fußball-Zwerg noch Fehlpass an Fehlpass gereiht. Neben Kimmich fällt aus der Stammbesetzung auch Nico Schlotterbeck aus, der ebenfalls auf eine schnelle Genesung bis Montag setzt. Die Marschroute für den Doppelpack hatte Rudi Völler bereits zu Wochenanfang in Wolfsburg formuliert. »Das sind zwei ganz, ganz wichtige Spiele, wir wollen beide gewinnen und uns als Erster qualifizieren. Und dann geht’s zur WM.« Der Sportdirektor klang vor dem öffentlichen Training ähnlich zuversichtlich wie Bundestrainer Julian Nagelsmann, der vor den vielen jugendlichen Zuschauern mal lässig aus großer Entfernung einen Ball im Minitor versenkte. Könnten sich seine Spieler ja ein Beispiel dran nehmen, zumal: »Wir sind nicht abhängig von anderen Ergebnissen, nur von unserer eigenen Leistung. Wir haben uns nach dem schlechten Auftakt eine ordentliche Ausgangslage beschert.«

Wobei: Für die Vierergruppe mit Slowakei (Fifa-Weltranglistenplatz 46.), Nordirland (69.) und Luxemburg (97.) galt mal die Prämisse, ausnahmslos »überzeugende Siege« einzufahren. Diese Messlatte hat die Mannschaft gleich in der Slowakei bei der Blamage von Bratislava (0:2) gerissen, weshalb der 38-Jährige warnte: »Wir haben keine weitere Möglichkeit für einen Ausrutscher, weil wir uns den schon genehmigt haben.« Gegen Luxemburg soll es einen ähnlich klaren Sieg geben wie in Sinsheim (4:0), dann geht der Fokus zum letzten Spiel gegen die Slowaken, die nach dem Deutschland-Coup kaum mehr überzeugen konnten. Daher hat der schwarz-rot-goldene Optimismus – auch illustriert durch neue Trikots mit einem an die WM 1990 angelehnten Zackenmuster – durchaus seine Berechtigung. Der Bundestrainer plant seit Monaten mit missionarischem Eifer die Mission in Kanada, Mexiko und den USA. Alles ist durchleuchtet: von den Lostöpfen über den Modus bis zu den Quartieren.

Sogar der sonst nicht für markige Ansagen bekannte DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat sich geäußert: »Ich erwarte ganz klar, dass wir die beiden Spiele gewinnen und damit auch die Gruppe, sodass wir idealerweise in den Lostopf eins kommen und bei der Auslosung dann Klarheit über alles.« Planungssicherheit ist ein hohes Gut für einen Verband. Unter keinen Umständen soll der vierfache Weltmeister noch bis März 2026 in der Warteschleife hängen und am 5. Dezember bei der Auslosung im John F. Kennedy Center in Washington gar nicht wissen, ob man wirklich dabei ist.

Tückische Play-offs vermeiden

Zudem sind die Play-offs tückisch, obwohl Europa neuerdings 16 der 48 Startplätze hat. Denn auf diesem Wege werden nur noch vier Tickets vergeben. Es sind also zwei K.o.-Spiele zu gewinnen, und es reicht der Blick zu den zweimal in Folge nicht für eine WM qualifizierten Italienern, um sich die Fallhöhe für eine große Nation zu vergegenwärtigen. Völler kann sich gut an die Anspannung solcher Spiele zu erinnern. Vor der WM 2002, als Deutschland überraschend als Vizeweltmeister aus Yokohama zurückflog, war nämlich die Qualifikation erst nach zwei Zitterspielen gegen die Ukraine klar. Unter dem Teamchef hatte sich die Nationalelf ein krachendes 1:5 in München gegen England geleistet, dazu ein blamables 0:0 gegen Finnland – und plötzlich musste Deutschland im November 2001 in die Playoffs. »Das war die größte Drucksituation, die ich in meiner Karriere erlebt habe«, erzählte der 65-Jährige schon häufiger. Einem etwas glücklichen 1:1 in Kiew nach 0:1-Rückstand folgte in Dortmund aber ein begeisterndes 4:1 mit einem damals überragenden Michael Ballack. Alles war gerade noch mal gut gegangen, aber einen solchen Nervenkitzel braucht niemand mehr. (dpa)