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Aktuell INTERVIEW

Ehemalige Nationalspielerin Lira Alushi: »Habe mich für Familie entschieden«

Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi weiß, warum Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger so stark bei Elfmetern ist. Das Europameister-Team 2013 hatte »viele starke Persönlichkeiten«.

Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi mit Ehemann Enis Alushi, einem früheren Profi. FOTO: GROOTHUIS/WITTERS
Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi mit Ehemann Enis Alushi, einem früheren Profi. FOTO: GROOTHUIS/WITTERS
Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi mit Ehemann Enis Alushi, einem früheren Profi. FOTO: GROOTHUIS/WITTERS

BASEL. Lira Alushi hat mehrere Spiele der Frauen-EM in der Schweiz verfolgt. Die 37-Jährige, die bis 2015 insgesamt 79 Länderspiele für Deutschland bestritten hat, arbeitet inzwischen in der Agentur ihres Managers Dietmar Ness mit. Sie scoutet Spielerinnen, knüpft Kontakte, hilft bei der Betreuung mit.

GEA: Wie erleben Sie das Turnier in der Schweiz?

Lira Alushi: Ich habe das Eröffnungsspiel der Schweiz in Basel, die deutschen Partien gegen Schweden und Frankreich gesehen und werde auch zum Halbfinale gegen Spanien in Zürich sein: Bis jetzt ist das eine richtig geile EM. Überall in Bahnen oder Restaurants sind Fans mit Trikots. Dass die Stadien fast alle ausverkauft sind, gab es zu meiner Zeit nicht. Da war es vielleicht beim Halbfinale und beim Finale voll. Das deutsche Viertelfinale war doch megaspannend: So etwas wollen die Leute sehen – ich brauche das aber im Halbfinale nicht noch einmal.

Wie haben Sie das Drama gegen Frankreich in Basel erlebt?

Alushi: Ich saß neben Julia Simic (TV-Expertin und Trainerin bei Eintracht Frankfurt U 20, Anm. d. Red.). Wir waren beide total aufgeregt. Beim vergebenen Elfmeter von Sjoeke Nüsken war ich verzweifelt, aber vor dem Elfmeterschießen hatte ich mich beruhigt. Weil wir eine Elfmeterkillerin haben.

»Bis jetzt ist das eine richtig geile EM. Überall in Bahnen oder Restaurants sind Fans mit Trikots«

 

Sie haben mit Ann-Katrin Berger bei Paris früher zusammengespielt.

Alushi: In den zwei Jahren hat sie nach dem Training oft gesagt: »Wir machen noch Elfmeterschießen!« Ich hatte das Gefühl, sie hypnotisiert mich. Ich wusste schon beim Hinlegen des Balles, dass sie den Elfer hält. Das war immer so. Von zehn hat sie sieben, acht gehalten. Ich habe sie dann gefragt, was ich falsch mache. Sie hat gesagt, dass sie meine Hüfte anschaut und sieht, dass ich nervös bin.

Was ist Sie für eine Person?

Alushi: Herzlich und bescheiden. Liebevoll und lustig. Wir haben in Paris viel zusammen unternommen. Sie hat für jede und jeden ein offenes Ohr. Sie möchte eigentlich gar nicht der Star sein – aber sie ist es! Ihre Geschichte ist ein Märchen.

Spanien gilt erst seit einigen Jahren als Benchmark im Frauenfußball.

Alushi: Zu meiner Zeit waren die Spanierinnen nicht gut, aber sie haben sich in den letzten fünf, sechs Jahren bemerkenswert entwickelt. Sie machen bei den Frauen vieles genauso wie bei den Männern. Alle sind technisch versiert, die Jugendarbeit ist herausragend und junge Spielerinnen bekommen früh ihre Chance.

Wo steht das deutsche Team?

Alushi: Wir haben holprig angefangen. Gegen Frankreich hat jede gekämpft, geackert bis zur Erschöpfung. Wenn die Spielerinnen da weitermachen, haben wir auch gegen Spanien eine gute Chance – obwohl sie mein Turnierfavorit sind. Für mich ist das ein vorgezogenes Finale.

Sie waren beim letzten deutschen EM-Titel 2013 noch dabei. Was hat das Team damals ausgezeichnet?

Alushi: Man muss sich nur mal anschauen, wer damals alles dabei war: Nadine Angerer, Saskia Bartusiak, Annike Krahn, Nadine Keßler, Celia Sasic, Dzsenifer Marozsan, Anja Mittag oder Celia Sasic. Ich habe deswegen auch von »Silv« (Bundestrainerin Silvia Neid) nur ein paar Minütchen Einsatzzeit bekommen. Natürlich hätte ich gerne mehr gespielt, aber wir hatten halt so viele starke Persönlichkeiten, die wir leider in dieser Zahl nicht mehr haben. Ich habe es früher auch gehasst gegen eine Simone Laudehr zu spielen, die dich auf dem Platz beleidigt hat – aber danach die liebste Person der Welt war (lacht).

Bis heute gibt es wenige Vorbilder mit Migrationshintergrund. Wird sich das noch mal ändern?

Alushi: Ich bin viel auf Fußballplätzen, und ich sehe mittlerweile mehr solcher Mädchen. In den deutschen Juniorinnen-Nationalteams gibt es viele Spielerinnen mit Migrationshintergrund. Es wird sich in nächster Zeit etwas ändern, das ist als Element auch wichtig.

Wo geht die Entwicklung hin? Die Gehälter der Topspielerinnen steigen rasant.

Alushi: Warum sollen sich Fußballerinnen nicht auch ein bisschen Geld zur Seite legen können? Der Frauenfußball ist immer beliebter geworden. Union Berlin investiert kräftig, Borussia Dortmund und VfB Stuttgart wollen in die Bundesliga. Das ist dringend nötig, denn die Ligen in England, Spanien, auch die USA sind attraktiver geworden.

Sie haben 2015 mit Paris das Champions-League-Finale gegen den 1. FFC Frankfurt verloren. Es war gleichzeitig ihr letztes Spiel.

Alushi: Ich habe eine Woche vorher erfahren, dass ich schwanger bin. Und so habe ich dann auch gespielt. Mit Unsicherheit und Angst. Ich hatte zwar mit den Ärzten gesprochen, dass das Baby geschützt ist, aber ich hatte eine Blockade im Kopf. Das war schade, denn ich hatte eine tolle Saison gespielt. Ich hätte es besser nach dem Endspiel erfahren (lacht).

Warum gibt es bis heute so wenige Mütter im Profi-Fußball?

Alushi: Mir hat Paris sofort das Angebot gemacht, meinen Vertrag zu verlängern. Mein erster Sohn ist im November 2015 auf die Welt gekommen, ich bin im Januar zurück mit meiner Mutter, um weiterzuspielen. Im Februar habe ich gesagt, dass ich meinen Vertrag kündigen möchte, weil ich zurück nach Deutschland wollte. Präsident Nasser Al-Khelaifi hat gesagt, dass sie mich bis zum 1. Juli weiterbezahlen, und ich sollte mir noch mal alles überlegen. Ich habe mich für die Familie entschieden und das bereue ich nicht. (GEA)

 

ZUR PERSON

Lira Alushi (ehemals Bajramaj), geboren 1988 in Durakovac (Kosovo), war eine der schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Frauenfußball – und eines der ersten Vorbilder mit Migrationsgeschichte, das Champions League-Siegerin mit Turbine Potsdam (2010), Weltmeisterin (2007) und zweimal Europameisterin (2009 und 2013) wurde. Die Ex-Nationalspielerin (79 Länderspiele) lebt mit ihrem Mann, dem Ex-Profi Enis Alushi, und ihren vier Kindern in Mönchengladbach. (GEA)