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Die DFB-Trikot-Geschichte mit Pfullinger Beteiligung

Das neue DFB-Trikot für die Weltmeisterschaft 2026 erinnert an goldene Titel-Zeiten. Was viele nicht wissen: Vor der Adidas-Ära liefen die Deutschen in Shirts aus Pfullingen auf. Ein modischer Streifzug durch die deutsche Fußball-Geschichte.

Kann sich sehen lassen: Nick Woltemade trägt das neue Heimtrikot.
Kann sich sehen lassen: Nick Woltemade trägt das neue Heimtrikot. Foto: Adidas/dpa
Kann sich sehen lassen: Nick Woltemade trägt das neue Heimtrikot.
Foto: Adidas/dpa

REUTLINGEN. Wenn man es ganz genau betrachtet, dann ist es nur ein Fetzen Stoff. Doch er ist der heilige Gral für Fußball-Fans. Er ist das Erkennungsmerkmal einer Mannschaft und identitätsstiftend. Und dieses Stück Stoff ist mittlerweile der Grund für Monate oder gar Jahre im Voraus geplante Marketing-Kampagnen. Manchmal erweckt es angesichts des ganzen Tamtams den Eindruck: Trikots können Spiele gewinnen. Schön wär's. Eines ist jedoch gewiss: Sie liefern mächtig Gesprächsstoff.

Als der Deutsche-Fußball-Bund (DFB) am Mittwoch die Katze aus dem Sack ließ und seine neuen Adidas-Heimtrikots der Nationalmannschaft präsentierte, die das DFB-Team im besten Fall bei der WM 2026 in den USA trägt, hagelte es nur so an Push-Benachrichtigungen auf den Smartphones. Die Präsentation des neuen deutschen Fußball-Trikots ist augenscheinlich ein Ereignis, dass das Volk in Atem hält. Es ist gleichzeitig das Ende einer 70 Jahre lang andauernden Ära zwischen dem deutschen Sportartikel-Hersteller aus Herzogenaurach und dem größten Sportverband der Welt mit seinen insgesamt acht Millionen Mitgliedern. Denn ab 2027 wird die deutsche Nationalelf zum ersten Mal in Nike-Shirts auflaufen. Das US-Unternehmen soll mit 100 Millionen Euro pro Jahr etwa doppelt so viel wie Adidas auf den Tisch legen.

Das neue Heimtrikot erinnert an den DFB-Dress von Pierre Littbarski und Co. bei der WM 1990.
Das neue Heimtrikot erinnert an den DFB-Dress von Pierre Littbarski und Co. bei der WM 1990. Foto: Witters
Das neue Heimtrikot erinnert an den DFB-Dress von Pierre Littbarski und Co. bei der WM 1990.
Foto: Witters

Doch zunächst bekommt das Traditionsunternehmen aus Bayern noch kräftigen Applaus für sein neues Design, das eine Hommage an die 90er Jahre ist und stark an das Weltmeister-Trikot von 1990 in Italien erinnert. »Ich mag diesen Look wirklich sehr, der ist so schön retro. Ich finde es weltklasse und freue mich darauf, bald darin zu spielen«, sagte der extrem modebewusste Stürmer Nick Woltemade. Er habe selten ein Trikot »cooler« gefunden. Auch bei den Fans scheint das neue DFB-Shirt gut anzukommen.

Zu sehen ist die deutsche Flagge auf dem neuen Heim-Trikot in einem V-Muster. Das könnte ein gutes Omen sein. Denn dieses zierte auch das WM-Trikot von 2014, als die Mannschaft um Final-Torschütze Mario Götze an der Copacabana den vierten und bislang letzten Titel gewann. Und wie passend mit Blick auf den kommenden Sommer: Das Trikot enthält außerdem das Zickzack-Muster des deutschen Trikots von 1994, als letztmals eine WM in den Vereinigten Staaten von Amerika stattgefunden hatte.

Keine Frage: Adidas ist der treue Wegbegleiter der Nationalelf. Was jedoch viele nicht wissen: Beim Wunder von Bern 1954 montierte Gründer Adi Dassler zwar selbst die Stollen an die Schuhe, doch die weißen Trikots mit dem Schnürkragen kamen tatsächlich aus Pfullingen. Besser gesagt von der Firma G. & A. Leuze. Helmut Rahn schoss »aus dem Hintergrund« mit einem Trikot der längst nicht mehr existierenden Marke Leuzela zum 3:2-Sieg gegen die hochfavorisierten Ungarn ein. Bis 1963 blieben die Pfullinger der DFB-Trikothersteller.

1964 übernahm dann Umbro. Bis 1971 lieferten die Briten den Dress für die DFB-Elf, also auch bei der WM 1970 in Mexiko und dem Jahrhundertspiel im Halbfinale gegen Italien. Im Anschluss wurde Adidas dann der alleinige Ausrüster des DFB. Doch auch bei der Heim-WM 1974 triumphierte die Auswahl um »Kaiser« Franz Beckenbauer im Münchner Olympiastadion gegen die Niederlande erneut in einer in Pfullingen hergestellten Spielkleidung.

Doppelt so teuer wie 2006

Mindestens 100 Euro müssen die Fans für das neue DFB-Trikot löhnen. Das ist allerdings nur die Basis-Variante. Für den Namen des Lieblingsspielers auf dem Rücken kommen 22 weitere Euro oben drauf. Wer nicht nur das Design, sondern auch den verwendeten Stoff seiner Idole tragen will, muss insgesamt 150 Euro in seiner Finanzplanung berücksichtigen. Für Kinder kostet der Spaß mindestens 75 Euro. Übrigens: Seit der Heim-WM 2006 sind die Kosten für ein Standardtrikot für Erwachsene um rund 54 Prozent gestiegen (Quelle: DFB-Fanshop und ran.de). Damals lag der Preis noch bei 64,95 Euro. (ott)

Zwar stand Bundestrainer Helmut Schön in seiner hellblauen Adidas-Trainingsjacke am Spielfeldrand, doch »bei einem der glorreichsten Triumphe der deutschen Sportgeschichte ist Erima hautnah mit dabei«, wie das Pfullinger Sportartikel-Unternehmen, das 1900 in Reutlingen gegründet wurde, auf seiner Website stolz schreibt. Beckenbauer, Gerd Müller und Co. gewannen den zweiten WM-Titel in den Trikots, Hosen und Stutzen des schwäbischen Traditionsunternehmens, das in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiert. Das Dress wurde mit seinem schwarzen Kragen sehr schlicht gehalten, nur das DFB-Logo war zu sehen.

Vom Erima-Logo fehlte allerdings weit und breit jede Spur. Erst ab der WM 1978 gab es für die Fans auf dem Jersey die Logos der Hersteller zu sehen. Das war in Argentinien, als die Schmach von Cordoba gegen Österreich als Fußball-Schande in die Geschichtsbücher einging, immer noch Erima. Die Herzogenauracher waren zwar der offizielle Ausrüster, stellten selbst aber noch keine Trikots her. Die Premiere in einem Adidas-Shirt feierte das deutsche Nationalteam schließlich im EM-Finale 1980 in Italien.

Franz Beckenbauer stemmte den WM-Pokal 1974 im Erima-Trikot in den Münchner Himmel.
Franz Beckenbauer stemmte den WM-Pokal 1974 im Erima-Trikot in den Münchner Himmel. Foto: Presse Sports
Franz Beckenbauer stemmte den WM-Pokal 1974 im Erima-Trikot in den Münchner Himmel.
Foto: Presse Sports

Seitdem scheiden sich an den Designs die Geister. Nach der EM 2004 präsentierte Adidas zum ersten Mal einen roten Dress. Durchaus gewagt. Kurios: Das vermutlich beste Spiel in der DFB-Geschichte - das 7:1 gegen Brasilien 2014 in Belo Horizonte - absolvierten die Deutschen ausgerechnet in einem schwarz-roten Auswärtstrikot. Eine kleine Änderung gab es auch bei der EM 2016, als nach vielen Jahrzehnten das Outfit wieder mit schwarzen Stutzen kombiniert wurde. Doch insbesondere das pinke Auswärtstrikot für die Heim-EM 2024 sorgte für viele Diskussionen. Ob man es nun schön findet oder nicht: Zum Kassenschlager wurde es trotzdem, wie auf den Fanmeilen im vergangenen Sommer zu erkennen war.

2014 feierte die deutsche Nationalmannschaft zum zweiten Mal in einem Adidas-Trikot den vierten WM-Titel.
2014 feierte die deutsche Nationalmannschaft zum zweiten Mal in einem Adidas-Trikot den vierten WM-Titel. Foto: Brandt/dpa
2014 feierte die deutsche Nationalmannschaft zum zweiten Mal in einem Adidas-Trikot den vierten WM-Titel.
Foto: Brandt/dpa

Die Chancen stehen gut, dass auch das neue DFB-Heimtrikot nun wieder massenhaft über die Ladentheke geht. Denn der Kult um die Trikots wird vermutlich immer bestehen bleiben. Schließlich sind sie das, was als Bild in den Köpfen der Fans hängen bleibt, wenn sie mit ihrer Lieblingsmannschaft mitfiebern. So oder so: Nike tritt ein schweres Erbe an. Daran haben auch zwei Pfullinger Unternehmen einen Anteil. (GEA)