Logo
Aktuell Fußball

DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig ist auf Werbetour in der Provinz

Andreas Rettig denkt wenige Tage vor der Euro 2024 an die Vereine. »Kein Grund, auf dem hohen Ross zu sitzen«

Experten-Runde (von links): Lothar Matthäus, Andreas Rettig und Julian Nagelsmann.  FOTO: VENNENBERND/DPA
Experten-Runde (von links): Lothar Matthäus, Andreas Rettig und Julian Nagelsmann. FOTO: VENNENBERND/DPA
Experten-Runde (von links): Lothar Matthäus, Andreas Rettig und Julian Nagelsmann. FOTO: VENNENBERND/DPA

KÖLN. Der Mann ist ständig auf Achse. Wenige Tage vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland hat das weniger mit der Nationalmannschaft zu tun als mit der Basis des Fußballs im Lande. Andreas Rettig tourt durch die Provinz. Und das ist alles andere als eine lästige Pflicht. »Wir müssen nicht immer nur darüber reden, dass wir nahbarer werden müssen. Wir müssen nahbar sein, für den Deutschen Fußball-Bund gibt es nicht den geringsten Grund, auf einem hohen Ross zu sitzen«, sagt DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig. Der neue Mann des Verbandes steht für ein neues Kapitel in der Verbandspolitik.

Seit September 2023 steht Rettig, ehemals erfolgreicher Bundesliga-Manager und Ex-Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, in Diensten des größten Sportverbandes der Welt. Und als solcher sieht er sich nicht nur als ein Vertreter des »großen Fußballs«, sondern auf politischer Mission. »Wir müssen zeigen, dass wir ein Verband der Basis sind, ein Verband für die Vereine.« Rettig will für eine neue Identifikation mit dem Fußball sorgen. Mit der Nationalmannschaft ins Trainingslager ins Weimarer Land zu gehen, war eben mehr als nur eine Geste: »Wir haben uns sehr bewusst dazu entschieden, die Menschen in Deutschlands Osten haben das verstanden.«

»Wir müssen zeigen, dass wir ein Verband der Basis sind, ein Verband für die Vereine«

Zwischen zahlreichen Interviewterminen ist Rettig auf dem Weg zu den kleinen Vereinen. Beim Bezirksligisten 1. FC Niederkassel im Rhein-Sieg-Kreis besucht Rettig am Tag der Europawahl ein Turnier, mit Michael Reschke, dem ehemaligen Sportvorstand des VfB Stuttgart, zeichnet er beim SV Schlebusch vor den Toren Leverkusens einen Funktionär aus, der seit einem halben Jahrhundert für den Club arbeitet. Rettig sagt: »Wir brauchen nicht immer noch mehr Marketingaktionen, wir wollen mit unserem Sport zu den Vereinen, deren Partner wir sind. Der Verband ist für die Vereine da.«

Das kommt an. Rettig hofft auf mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt. »Ich erhoffe mir, dass auch mit der Europameisterschaft ein neues Wir-Gefühl entsteht in diesen düsteren Zeiten, die wir leider gerade erleben«, sagte der Funktionär zuletzt im Interview mit der Frankfurter Rundschau.

»Kriege und Konflikte, die mühselig überstandene Pandemie, Inflation, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, drücken aufs Gemüt und aufs Portemonnaie. Man spürt aber gerade trotzdem, dass sich etwas tut.« Vielleicht auch aufgrund der positiven Weichenstellung durch die Spiele der Nationalmannschaft gegen Frankreich und die Niederlande.

Neuer ist zurecht Nummer eins

Keine Zweifel lässt Rettig in Niederkassel an Manuel Neuer: »Er ist in einer Verfassung, dass er zumindest für uns alle zurecht die Nummer eins ist.« Neuer hatte zuletzt in Club und Nationalmannschaft neben hervorragenden Paraden auch unerklärliche Fehler gezeigt. Beim 2:1 der Euro-Generalprobe gegen Griechenland verschuldete er den Gegentreffer.

Das Trainingslager im Weimarer Land war eine bewusste Entscheidung, »weil wir nicht wollen, dass das Gefühl vieler Menschen in Ostdeutschland, abgehängt worden zu sein, noch verstärkt wird«. Nahbarkeit und Nachhaltigkeit sind das Ziel, eine neue Kommunikation mit der Basis. Der Fußball verzeichnet wieder einen Anstieg der Mitgliederzahlen, das bestätigen die Vereinsfunktionäre vor Ort. Mehr als 12.000 Teilnehmer in knapp 2.000 Teams bei der dreimonatigen Kinderfußball-Tour, »eine wunderbare Einstimmung auf die Euro«, sagt der Geschäftsführer: »Es gibt weiter eine Leidenschaft für den Fußball im Lande.«

Rechtspopulismus weiter auf dem Vormarsch

Und wenn man sieht, wie viele Menschen der Fußball bei einem Turnier in der Provinz auf die Beine bringt, kann man schon daran glauben, dass der Fußball auch 2024 als Stimmungsaufheller wirken kann. Im Idealfall wie bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Dabei ist die gesellschaftliche Situation wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft weiter alarmierend. Die aktuelle Umfrage des Westdeutschen Rundfunks bildete den alltäglichen Rassismus in Deutschland nachdrücklich ab, auch, wenn die Umfrage von Bundestrainer Julian Nagelsmann als »unpassend« empfunden wurde.

Die Europawahl zeigte, dass der Rechtspopulismus auf dem alten Kontinent weiter auf dem Vormarsch ist. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron löste nach den Wahlergebnissen in seinem Land noch am Sonntag die Nationalversammlung auf und kündigte Neuwahlen zum Ende des Monats an. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Paris. (GEA)