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Aktuell INTERVIEW

Das sagt Malaika Mihambo vor ihrem Start beim Läufermeeting in Pliezhausen

Deutschlands Top-Leichtathletin Malaika Mihambo über ihre Ziele vor ihrem Start beim Läufermeeting in Pliezhausen.

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo testet in Pliezhausen ihre Sprint-Fähigkeiten. FOTO: VALERIA WITTERS
Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo testet in Pliezhausen ihre Sprint-Fähigkeiten. FOTO: VALERIA WITTERS
Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo testet in Pliezhausen ihre Sprint-Fähigkeiten. FOTO: VALERIA WITTERS

PLIEZHAUSEN. Folgt auf den Weltmeistertitel 2019 im Sommer 2021 Olympia-Gold? Malaika Mihambos großes Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August 2021). Die Weitspringerin ist mit Silber bei der Hallen-Europameisterschaft im polnischen Torun gut in die Saison gestartet. Am 8. Mai wird sie auf dem Weg zum Saisonhöhepunkt einen Abstecher ins schwäbische Pliezhausen machen. Beim 30. Internationalen Läufermeeting tritt sie dabei über die »krumme« Sprintdistanz von 150 Meter und vielleicht noch zusätzlich 300 Meter an.

GEA: Sie gehen zum ersten Mal beim Meeting in Pliezhausen an den Start. Welche Rolle spielt für Sie als Weitspringerin Ihr Start dort im Sprint?

Malaika Mihambo: Ich bin sehr gespannt und freue mich schon sehr darauf. Das Wichtigste für mich ist momentan, dass die Wettkämpfe aufgrund der aktuellen Corona-Lage überhaupt stattfinden können. Ich werde meine Saison eröffnen, indem ich erst mal sprinte. Insofern ist es sehr wichtig für mich, ein solches Meeting in der Nähe zu haben, denn bei mir steht jetzt Schnelligkeit auf dem Programm, um mich später in der Saison voll auf den Weitsprung konzentrieren zu können. Geschwindigkeit ist jetzt für mich das A und O: Denn je schneller man im Anlauf ist, desto weiter kann man springen. Diese Fähigkeit muss man natürlich trainieren aber auch testen und das geht am besten in einem Sprint-Wettkampf.

»Es ist eine herausfordernde Aufgabe, Deutschland sportlich zu vertreten«

Wie wirkt sich Corona-Krise konkret auf Ihren Trainingsalltag und die Saisonplanung aus?

Mihambo: Die Unruhe ist vor allem bei größeren Meetings sehr groß. Vieles wird auf unbestimmte Zeit verschoben und es gibt keine verlässlichen Aussagen auf lange Sicht. Das ist für einen geregelten Saisonaufbau ungünstig. Deshalb habe ich vergangenes Jahr auch eine rein nationale Saison bestritten und bin damit gut gefahren. Umso wichtiger ist es, dass auch in Deutschland weiterhin Wettkämpfe stattfinden können. Regionale Meetings wie in Pliezhausen sind für Sportler wie mich derzeit besonders wichtig, weil sie einfacher abzuhalten sind als größere Veranstaltungen. Dennoch ist es sehr schade, wenn einem wichtige Wettkämpfe vor dem internationalen Höhepunkt fehlen. Etwa die Diamond League, wo man auf die bestmögliche Konkurrenz trifft.

ZUR PERSON

Malaika Mihambo

, geboren am 3. Februar 1994 in Heidelberg, hat eine deutsche Mutter. Ihr Vater stammt aus Sansibar und ihr Vorname bedeutet auf Swahili »Engel«. Ihr Verein ist die LG Kurpfalz und ihr aktueller Trainer Ulrich Knapp. Ihr Studium der Politikwissenschaft an der Universität Mannheim hat sie 2016 erfolgreich abgeschlossen. Seit April 2019 studiert sie im Masterstudiengang Umweltwissenschaften an der Fernuniversität Hagen und spielt leidenschaftlich gerne Klavier. Die zweimalige Sportlerin des Jahres (2019 und 2020) hat den Verein »Malaikas Herzsprung« ins Leben gerufen. Damit will sie Kindern, deren Familien finanziell schlechter aufgestellt sind, die Chance geben, Leichtathletik zu betreiben. 2019 krönte sie sich mit ihrer Bestleistung von 7,30 Metern in Doha zur Weitsprung-Weltmeisterin. (GEA)

Olympia in Corona-Zeiten, das bedeutet strenge Hygiene-Regeln, kaum Zuschauer. Was sind Ihre Erwartungen und wie bereiten Sie sich auf die Olympischen Sommerspiele in Tokio vor?

Mihambo: Die für mich als Sportler zunächst viel entscheidendere Frage ist, was hat sich für mich geändert und finden die Spiele überhaupt statt? So langsam nimmt nun aber alles Struktur an und die Konzepte werden ausgearbeitet. Deshalb freue ich mich, wenn sie tatsächlich stattfinden werden. Ich denke aber auch, dass es keine Olympischen Spiele werden, die man mit vorherigen vergleichen kann. Wenn letztendlich wirklich Zuschauer im Stadion sein werden, würde mich das sehr freuen, denn das wertet jeden Wettkampf auf und hilft uns Athleten, uns weiter zu pushen und an unsere Grenzen zu gehen. Bei den Hallen-Europameisterschaften hat man aber gesehen, dass es auch ohne Publikum geht.Inzwischen haben sich die meisten Athleten jedoch bereits daran gewöhnt, ohne Publikum zu starten. Auch daraus werden wir alle das Beste machen. Das Wichtigste in der Vorbereitung auf Olympia ist generell, flexibel zu sein und nicht zu viele Erwartungen zu haben. Und natürlich, dass man mit einer positiven Einstellung da rein geht.In die Olympia-Saison sind Sie trotz aller Unwägbarkeiten sehr gut gestartet: Bei der Hallen-Europameisterschaft direkt zur ersten Medaille gesprungen – zu Silber, um genau zu sein. Kürzlich haben Sie gesagt Olympia-Gold, sei prinzipiell das Ziel – warum so zurückhaltend?

Mihambo: Wenn man sich mit der Psychologie des Menschen beschäftigt, ist es besser, sich persönliche Ziele zu setzen, statt eine bestimmte Medaille in den Blick zu nehmen. Meist kommt man weiter, wenn man versucht, das Beste aus dem Wettkampf zu machen und sein eigenes Potenzial voll auszuschöpfen. Äußere Ziele bauen hingegen eher Druck auf. Deshalb versuche ich, in jeden Wettkampf mit der Einstellung zu gehen, mein Bestes zu zeigen und mich gut zu präsentieren. Das Feld ist hart umkämpft und es wird einem nichts geschenkt. Gerade im Hinblick auf die Konkurrenzsituation finde ich es umso wichtiger, dass man demütig bleibt und weiß, dass man für seine gesteckten Ziele auch hart arbeiten muss und nicht von vornherein klar ist, dass man gewinnt.

»Es ist besser sich persönliche Ziele zu setzen, statt eine bestimmte Medaille in den Blick zu nehmen«

Im Hinblick auf Olympia sollen alle Athleten geimpft werden, empfinden Sie dies in der aktuellen Corona-Lage als Privileg?

Mihambo: Es ist auf jeden Fall das richtige Zeichen. Einerseits ist es nicht selbstverständlich, dass Olympiakandidaten eine Sonderstellung erhalten. Andererseits ist es eine herausfordernde Aufgabe, Deutschland sportlich zu vertreten, und daher schön, wenn das honoriert wird. Darüber hinaus wollen wir Athleten eben auch unsere beste Leistung zeigen und in bester körperlicher Verfassung dort antreten. Um eventuelle Impfreaktionen abfedern zu können und damit diese das Training nicht zu sehr negativ beeinflussen, ist es wichtig, rechtzeitig geimpft zu werden. Somit ist ein solches individualisiertes Impfangebot über die Olympiastützpunkte essenziell für uns.

Ihnen dienen ›Kopfsachen‹ und das Studium als Ausgleich zum Sport. Umgekehrt fehlt seit Monaten vielen Menschen ihr Ausgleich zum Beruf, etwa durch ein Training im Fitnessstudio. Viele Menschen merken jetzt, wie wichtig Sport ist. Welche Tipps können Sie Freizeitsportlern geben?

Mihambo: Im ersten Moment ist das eine Einschränkung, weil man nicht wie gewohnt seinen Sport treiben kann. Das Gute ist: Wir dürfen ja rausgehen, wir dürfen ja Sport machen, alleine für uns. Vielleicht nicht im Stadion, aber dann stehen ja noch öffentliche Parks zur Verfügung oder der Wald. Gerade in die Natur zu gehen, ist sehr wichtig für den Menschen, daher sollte man das nutzen. Die Temperaturen werden auch immer besser, es spricht also nichts mehr dafür, zu Hause zu sitzen. Und wem die soziale Komponente des Sports fehlt, der kann sich natürlich auch mit Freunden virtuell zusammenschließen und über seine sportlichen Erfolge und das Training updaten – das motiviert gegenseitig, von der Couch aufzustehen und Sport zu machen.

Sie studieren derzeit Umweltwissenschaften: Freut es Sie, dass sich auch im Sport immer mehr Marken in Sachen Nachhaltigkeit positionieren?

Mihambo: Ich denke, dass es generell ein wichtiges Thema ist, das uns die nächsten Jahrzehnte oder hoffentlich auch für immer begleiten wird. Denn die Natur ist ein kostbares Gut. Ohne eine intakte Natur wäre ein Leben, wie wir es heute kennen, nicht möglich. Es freut mich sehr, dass es immer mehr Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit gibt – gerade auch bei Sportveranstaltungen.

»Ich finde wichtig, dass man demütig bleibt und weiß, dass man für seine Ziele hart arbeiten muss«

So kann man bewusst Wettkämpfe auswählen, wo sich die Veranstalter Gedanken dazu machen, wie man beispielsweise bei den Themen Mobilität, Unterkunft oder eben mit einem Ausgleich der CO2-Emissionen der Teilnehmer einen Beitrag leisten kann. Das Thema muss im Großen und Ganzen von Politik und Wirtschaft angegangen werden, aber eben auch im Kleinen, wo jeder Einzelne seinen Beitrag dazu leisten kann, umso schöner ist es auch, daran als Athlet mitwirken zu können.Wagen wir einen Blick in die nahe Zukunft: Wie würden Sie reagieren falls sie eine (Gold-)Medaille aus Tokio mitbringen?

Mihambo: Das wäre auf jeden Fall eine sehr große Freude und eine Bestärkung in dem Weg, den ich nun schon seit Längerem gehe, nämlich mich selbst immer besser kennenzulernen. Als Sportlerin, aber eben auch als Mensch. Zu wissen, dass man über sich hinauswachsen kann und es schafft, in den wichtigsten Momenten, sein volles Potenzial zu entfalten. Das wäre für mich einfach ein schönes Zeichen. (GEA)