ZÜRICH. Viel Zeit ist nicht. Kathrin Hendrich hat eine klare Vereinbarung mit ihrem neuen Arbeitgeber Chicago Stars FC ausgemacht. Sobald das letzte EM-Spiel mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft abgepfiffen ist, bekommt die 33-Jährige genau sieben Tage frei, »dann muss ich oder darf ich am achten Tag nach Chicago fliegen«. Denn in der US-Fußball-Profiliga, der National Women’s Soccer League (NWSL), läuft der Spielbetrieb weiter, obwohl viele Clubs Sportdirektoren und Scouts in die Schweiz geschickt haben. Hendrich hat es mit dem EM-Viertelfinale der DFB-Frauen gegen Frankreich in Basel (Samstag, 21 Uhr/ZDF) selbst in der Hand, ihren weiteren Weg aktiv zu beeinflussen.
Die 85-fache Nationalspielerin, die in der Schweiz bereits ihr siebtes Turnier bestreitet, wird neuer Teil der Viererkette, die nicht erst seit dem Ausfall beider Rechtsverteidigerinnen – Giulia Gwinn verletzt, Carlotta Wamser gesperrt – als größte Problemzone gilt. »Wir müssen vielleicht kreativ werden«, sagte Co-Trainerin Saskia Bartusiak. Vor allem Rebecca Knaak schaltete gegen Schweden (1:4) die von Bartusiak angesprochene »eine Sekunde« zu langsam, so dass die ehemalige Weltklasseverteidigerin »Veränderungen« ankündigte. Hendrich überzeugte nach ihrer Einwechslung und strahlte viel Selbstvertrauen aus. Ihr Leitsatz: »Wir müssen Ruhe bewahren und mit vollem Fokus und Lockerheit ins Spiel gehen.«
»Wir müssen vielleicht kreativ werden«
Vielleicht bleibt aus der in den ersten drei Gruppenspielen aufgebotenen Abwehrkette mit Kapitänin Janina Minge nur noch ein einziges Glied übrig. Dagegen muten die Baustellen im Bezirk Altstetten rund um den deutschen Trainingsplatz fast lächerlich an. Nur zur Erinnerung: Bei der EM 2022 stand die deutsche Defensive noch so sicher wie die Bank von England. Die Absicherung funktionierte auch im Halbfinale gegen Frankreich (2:1) bestens. Bloß weil ein Pfostenschuss von Kadidatiou Diani unglücklich an den Rücken von Torhüterin Merle Frohms prallte, kassierte das DFB-Team ihr erstes (!) Gegentor im Turnier. »Wir haben damals alle daran geglaubt, das Spiel zu gewinnen, und haben unser Herz auf dem Platz gelassen«, erinnert sich Hendrich. »Wir haben uns das Spielglück hart erkämpft.« Doch an einem bestimmten Punkt geht’s um Qualität. Bei Frankreich ist die damals gefürchtete Stürmerin Diani aktuell gar nicht mehr gut genug, um in der ersten Angriffsreihe zu stehen. Bei Deutschland ist von der Viererkette aus Milton Keynes kaum mehr etwas übrig: Rechtsverteidigerin Gwinn sitzt als Zuschauerin im St. Jakob-Park, Linksverteidigerin Felicitas Rauch wurde gar nicht nominiert, Innenverteidigerin Marina Hegering ist zurückgetreten, will aber nächste Saison dem Bundesligisten 1. FC Köln Stabilität geben. Ihre Präsenz und ihre Physis halfen vor drei Jahren dem Nationalteam ungemein. Ihr Spielaufbau war mit Weitsicht gesegnet.
»Dürfen unsere eigenen Stärken nicht vergessen«
Dass aus dem Nachwuchs keine körperlich und spielerisch starken Verteidigerinnen nachrücken, die Topteams inzwischen fast ausnahmslos Ausländerinnen für die Abwehrzentrale verpflichten, ist eine Tatsache, die Christian Wück häufiger beklagt hat. Wenn es der Bundestrainer jetzt noch einmal wiederholt, löst das die aktuellen Probleme nicht. Alle durchgespielten Varianten sind nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen: Wenn Sarai Linder wirklich nach rechts wechselt, damit Hendrich für Knaak zentral verteidigt, müsste Franziska Kett hinten links beginnen.
Die 20-Jährige ist eigentlich eine schnelle Offensivspielerin. Sie hat keine EM-Minute gesammelt und besitzt beim FC Bayern keinen Stammplatz. Anfang April wirkte Kett in der Nations League gegen Schottland (6:1) so nervös, dass Wück sie zur Pause auswechselte. Könnte es sein, dass französische Topstürmerinnen wie Sandy Baltimore über eine solche Besetzung so lachen bei der Pressekonferenz über Fragen auf Englisch? Hendrich lieferte aus dem Pressezentrum vom Kalanderplatz in Zürich ein Gegenargument: »Wir wissen um die Stärken der Französinnen. Aber wir dürfen unsere eigenen Stärken nicht vergessen. Bisher haben wir noch nicht unser volles Potenzial ausgeschöpft.« Dann wird es aber Zeit. Der Flug nach Chicago soll ja noch warten. (GEA)

