Logo
Aktuell Fussball

Bundesliga-Start: TV-Experte Kneißl beantwortet die wichtigsten Fragen

Bei Dazn überzeugt Sebastian Kneißl mit seinen inhaltlich Analysen. Vor der neuen Bundesliga-Saison spricht der TV-Experte mit dem GEA über den VfB Stuttgart, den FC Bayern und Vincent Kompany sowie spannende Spieler, die man auf dem Zettel haben muss.

Sebastian Kneißl ist seit 2016 Experte und Co-Kommentator bei Dazn.
Sebastian Kneißl ist seit 2016 Experte und Co-Kommentator bei Dazn. Foto: Groothuis/Witters
Sebastian Kneißl ist seit 2016 Experte und Co-Kommentator bei Dazn.
Foto: Groothuis/Witters

REUTLINGEN. Das bekannteste Gesicht unter den deutschen Fußball-TV-Experten ist Sebastian Kneißl nicht. Dafür ist die Konkurrenz mit Lothar Matthäus, Michael Ballack oder Sami Khedira zu groß. Fachlich und rhetorisch macht dem 42-Jährigen vom Streamingdienst Dazn aber keiner was vor. Vor dem Bundesliga-Start am Freitag sprach Kneißl mit dem GEA knapp eineinhalb Stunden über die spannendsten Fragen der neuen Saison.

Was trauen Sie dem VfB Stuttgart in dieser Bundesliga-Saison zu?
Sebastian Kneißl: Ich wünsche mir, dass es stabiler als in der letzten Saison wird. In der Vizemeister-Saison hat der VfB leicht überperformed, vergangene Spielzeit ein bisschen unterperformed. Jetzt erhoffe ich mir eine gute Balance dazwischen. Mit weniger spektakulären positiven Spielen und weniger spektakulären negativen Partien. Das ist jetzt die Aufgabe von Trainer Sebastian Hoeneß und meinen beiden Ex-Mitspielern David Krecidlo und Malik Fathi (Co-Trainer, Anm. d. Red.), das in den Griff zu bekommen. In dieser Saison gilt es, das Erreichte in den letzten beiden Jahren festzuzementieren.

Ist das realistisch?
Kneißl: Ja, die Basis dafür ist gelegt. Platz fünf bis sechs ist aus meiner Sicht auf jeden Fall realistisch.

Zur Person

Sebastian Kneißl (42) ist seit 2016 Fußball-Experte und Co-Kommentator bei Dazn. Der Hesse überzeugt vor allem mit seinen inhaltlich tiefgründigen Analysen. Früher war Kneißl selbst als Profi aktiv. Zu Junioren-Zeiten galt der einstige Mittelfeldspieler sogar als eines der vielversprechendsten Talente in Deutschland. Der FC Chelsea verpflichtete Kneißl 2000 aus dem Nachwuchs von Eintracht Frankfurt. Den großen Durchbruch im Profi-Geschäft packte er allerdings nicht. (ott)

Sollte sich der VfB eigentlich an Eintracht Frankfurt orientieren? Mit Blick darauf, dass es die Hessen vor allem auch dadurch dauerhaft in die Spitzengruppe geschafft haben, weil sie das Prinzip beinahe perfektioniert haben, hohe Kaderwerte zu schaffen und Spieler für sehr viel Geld zu verkaufen.
Kneißl: Es sind zwei Traditionsclubs, die auf einem ähnlichen Niveau agieren, eine große Fanbase und den Anspruch haben, in der Bundesliga eine ordentliche Rolle zu spielen. Die Frage bei diesem Vergleich ist aber: Möchte man das als VfB überhaupt? Die Eintracht ist ein Ausbildungsverein. Sie holen Spieler für wenig Geld und verkaufen sie dann bestenfalls deutlich teurer weiter. Nach dem Motto: Kaufen, zwei Jahre entwickeln, verkaufen. Dafür brauchst du ein unfassbar gutes Scouting und die Basis als Club dafür. Diese haben die Stuttgarter auch. Aber ich glaube, beim VfB sollte man nicht in dieser krassen Art und Weise in Richtung Einkäufe und Verkäufe gehen. Stattdessen sollte man eine längere Identität zum Verein schaffen und beispielsweise immer drei, vier Spieler im Kader haben, die länger im Club sind als es viele Spieler in Frankfurt in der Regel sind. So schafft man eine noch größere Bindung zum Club.

Der neue Star auf dem Bayern-Flügel: Luis Diaz.
Der neue Star auf dem Bayern-Flügel: Luis Diaz. Foto: ValeriaWitters
Der neue Star auf dem Bayern-Flügel: Luis Diaz.
Foto: ValeriaWitters

Dürfen die Fans darauf hoffen, dass das Titelrennen ähnlich spannend wie in den letzten beiden Jahren verläuft?
Kneißl: Ich glaube, dass der FC Bayern noch stabiler sein wird. Ich sage: Letztes Jahr haben die Münchner zwei Liga-Spiele verloren, diese Saison werden sie nur eine Partie verlieren. Zur Frage: Leider wohl eher nicht (lacht). Ich muss an dieser Stelle mal etwas loswerden.

Bitte!
Kneißl: Ich bin ein unfassbar großer Fan von Vincent Kompany. Er ist wirklich ein geisteskranker Typ. Sportlich muss er zwar zumindest international noch eine Weiterentwicklung mit den Bayern vollziehen. Aber die Außendarstellung von ihm und seine Rhetorik fällt schon in das allerhöchste Regal. Kompany hat es verstanden, die Dynamiken in einem der größten Vereine sehr, sehr stark zu moderieren. Zeigen Sie mir einen Trainer, der den FCB so ruhig gehalten hat.

Ole Werner wurde überraschend neuer Trainer von RB Leipzig.
Ole Werner wurde überraschend neuer Trainer von RB Leipzig. Foto: Willnow/dpa
Ole Werner wurde überraschend neuer Trainer von RB Leipzig.
Foto: Willnow/dpa

Das wird schwer. Schwer haben sich auch die Verantwortlichen um Max Eberl auf dem Transfermarkt getan. Wie bewerten Sie die Neuzugänge und den Kader?
Kneißl: Ich bin bei Luis Diaz noch nicht zu 100 Prozent überzeugt, dass es funktionieren wird. Ich hinterfrage aktuell noch, ob das über eine gesamte Saison läuft. Ich kann mir aber vorstellen, dass es zu Beginn zunächst gut aussieht. Zu Jonathan Tah: Diese Verpflichtung ist wirklich extrem wichtig gewesen. Insgesamt haben die Bayern aber eine dünne Personaldecke. Gerade wenn man weiß, dass Harry Kane immer wieder mit seinem Rücken zu kämpfen hat. Insgeheim wünscht er sich, glaube ich ein Back-up, damit die Belastung besser gesteuert werden kann. Sollte es wirklich so sein, dass die Bayern auf dem Transfermarkt nicht mehr viel machen, dann wird es eine richtig intensive Saison. Wenn sie jetzt aber noch mal zwei oder drei Spieler holen, dann sage ich: Alles gut. Bis dato ist es relativ dünn. Für Sportvorstand Eberl ist es definitiv kein einfacher Job, wenn immer wieder was vom Tegernsee rübergebrüllt wird (schmunzelt). Man kann nicht alles an ihm festmachen. Er kommt mir zu schlecht weg, obgleich er immer wieder Zündstoff liefert. Das, was wir so positiv an Kompany sehen, würde ich gerne etwas souveräner bei Eberl sehen.

Droht Leverkusen nach dem Abgang von Coach Xabi Alonso und etlichen Leistungsträgern wie Florian Wirtz oder Granit Xhaka aus den Champions-League-Rängen zu fliegen?
Kneißl: Ich glaube schon. Das wird viele Fans treffen, die die vergangenen beiden Jahre als Maßstab nehmen. Das mache ich nicht, weil ich in meiner Rolle als Experte versuche, die Dinge realistisch einzuschätzen. Und ist es realistisch, dass der schöne Fußball mit dieser Dominanz weitergeht? Auf keinen Fall. Dafür passen die Spielerprofile nach den Abgängen der kompletten Erfolgs-Achse nicht mehr. Und auch die Qualität im Kader reicht dafür nicht aus. Zudem ist die Philosophie von Erik ten Haag im Vergleich zu Alonso komplett unterschiedlich. Wir werden ein ganz anderes Bayer Leverkusen sehen. Angesichts dieser Umstände empfinde ich es auch überhaupt nicht als Kritik, wenn ich sage: Sie landen auf Platz sechs oder sieben. Da sehe ich andere Clubs deutlich stabiler, weil diese nicht diesen Qualitäts- und Leadership-Umbruch haben.

Soll den FC Augsburg auf die nächste Stufe heben: Sandro Wagner.
Soll den FC Augsburg auf die nächste Stufe heben: Sandro Wagner. Foto: Schmidt/dpa
Soll den FC Augsburg auf die nächste Stufe heben: Sandro Wagner.
Foto: Schmidt/dpa

Welche Mannschaft könnte an Leverkusens Stelle in die Champions-League-Ränge rutschen?
Kneißl: Ich schätze RB Leipzig sehr stark ein. Es ist total überraschend, dass Ole Werner von Werder Bremen neuer Trainer wurde. Er ist aber ein Coach, der die RB-Philosophie kennt. Und genau das ist das Thema in Leipzig: Sie wollen wieder zurück zu dem, was sie über viele Jahre extrem stark gemacht hat. Mit einer aggressiven, intensiven und pressingorientierten Spielweise. Mit dem Erfolg ist RB über die vergangenen Spielzeiten ein wenig vom ursprünglichen Weg abgekommen. Sie wollten mehr auf Ballbesitz setzen, doch diese Nummer hat nie wirklich gezündet und funktioniert.

Ein weiterer CL-Anwärter ist Borussia Dortmund. Der Selbstanspruch ist enorm hoch. Ist der BVB überhaupt noch die zweitstärkste Kraft?
Kneißl: Ja, wobei ich das etwas einschränken würde. Es gibt leistungsmäßig inzwischen mehrere Clubs auf der Zwei, weil es nicht mehr die klare Nähe zum FC Bayern gibt. Die Münchner sind immer weiter enteilt. Aber rein nach der Kraft des Vereins und mit der Größe des Clubs ist der BVB auf jeden Fall noch die Nummer zwei. Sportlich wünsche ich den Dortmundern, dass sie genau da weitermachen, wo sie aufgehört haben. Ich war am Anfang kritisch mit der Personalie Niko Kovac. Doch er hat Ruhe reingebracht und die Mannschaft stabilisiert. Zudem ist Kovac der einzige Dortmunder Trainer seit Langem, der dieses Damoklesschwert Mentalitäts-Frage aus dem Verein gebracht hat. Das gibt den Spielern Luft zum Atmen

Umfrage (beendet)

Was trauen Sie dem VfB Stuttgart in der kommenden Saison zu?

Trainer Sebastian Hoeneß hat vor dem Bundesliga-Start des VfB Stuttgart die Erwartungen gedämpft.

30%
45%
25%

Ist der FC Augsburg mit Neu-Coach Sandro Wagner eigentlich der neue heimliche Star der Liga?
Kneißl: Ich kaufe den Hype um Sandro Wagner, weil er ein sensationeller Typ ist. Ich kaufe aber nicht den Hype um die Mannschaft. Sandro wird legendäre Momente liefern. Er kann aber nicht nur lockere Sprüche und coole Interviews geben, sondern hat auch brutale Ahnung vom Fußball. Sandro wird noch sehr viele gute Stationen in seiner Trainer-Karriere haben. Man wird eine Weiterentwicklung beim FCA sehen. Ich kaufe aber nicht den Hype, dass sie um Europa spielen.

Für alle Managerspiel-Fans: Welche Spieler, die noch unter dem Radar fliegen, muss man unbedingt in sein Team holen?
Kneißl: Holt euch den Leipziger-Neuzugang Yan Diomande in eure Mannschaft. Der 18-Jährige besticht durch seine Highspeed-Dribblings und einer brutalen Zielstrebigkeit. Er kann richtig durch die Decke gehen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass Ritsu Doan der nächste Spieler wird, der die Frankfurter recht schnell für sehr viel Geld verlassen könnte. Der Japaner passt perfekt zur Eintracht. Er hat in einem eher defensiv orientierten Freiburger Team offensiv schon herausragend performt. In Frankfurt werden seine Qualitäten nach seinem Wechsel noch besser zur Geltung kommen. Mein Hot-Take für die kommende Saison ist: Diomande oder Doan werden am Ende unter den besten drei Scorern der Bundesliga sein. (GEA)