METZINGEN. Der Kollaps von Frauenhandball-Meister HB Ludwigsburg löst Schockwellen und schwere Vorwürfe in der Szene aus. Metzingens Geschäftsführer Ferenc Rott spricht von »einer Katastrophe für den deutschen Frauenhandball. Das Aushängeschild, das vor einem Jahr bis ins Champions-League-Finale gekommen ist, fällt von heute auf morgen weg. Und das kurz vor der Heim-Weltmeisterschaft«. Im Etat des Ludwigsburger Clubs, der nach Schätzungen gut drei Millionen Euro beträgt, klafft eine so große Lücke, dass der Verein vor 14 Tagen einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellte. Ob Ludwigsburg den Spielbetrieb in der neuen Saison aufnehmen kann, ist nach derzeitigem Stand mehr als ungewiss. Nach dem Startrecht im deutschen Supercup hat der Verein nun auch seinen Platz in der Champions League verloren. Der HB wird dort ersetzt durch den norwegischen Top-Club Sola HK.
Rott ist überrascht vom Ausmaß der Krise beim bisherigen Vorzeige-Club. Was ihn verwundert: »Zu Saisonbeginn musst du noch versprochenes Geld haben von Sponsoren. Hinten raus kann es anders aussehen, falls Geldgeber im Verlauf der Spielzeit ausfallen. So aber fragt man sich: Wie ist es möglich, eine Lizenz zu bekommen und dann im Juli Insolvenz anzumelden?«
Unterlagen zur Lizenzierung werden überprüft
Dieses Thema treibt auch die Handball-Bundesliga der Frauen (HBF) um. Der Lizenzierungsausschuss forderte daher den HB auf, eine Stellungnahme abzugeben und Unterlagen einzureichen, um die im Lizenzierungsverfahren »gemachten Angaben zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit« erneut zu überprüfen, wie die HBF mitteilte.
Während Rott keine Vorwürfe gegen den dominierenden Club der vergangenen Jahre erheben will, weil es als Außenstehender schwierig sei, 100-prozentig zu urteilen, nimmt Maik Schenk kein Blatt vor den Mund. »Ich muss klar sagen, dass das im Vorjahr eine erstunkene und erlogene Meisterschaft war. ...Die Höhe der Forderungen kann nicht innerhalb kurzer Zeit entstanden sein, da wurde klar über den Verhältnissen gelebt«, erklärt der Geschäftsführer des letztjährigen drittplazierten Thüringer HC gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Für den deutschen Frauenhandball sei der sich abzeichnende Rückzug Ludwigsburgs »ein herber Rückschlag«, konstatiert Peter Prior, der Manager des Buxtehuder SV.
Krise als Warnung
Sollte HB Ludwigsburg nicht am Spielbetrieb teilnehmen können, würde die neue Bundesliga-Saison lediglich mit elf Mannschaften ausgespielt werden. Der HB wäre dann der erste Absteiger. Jedem der anderen Vereine würde ein Heimspiel und damit eingeplante Einnahmen fehlen. Da nun in Ludwigsburg ein Exodus der Top-Spielerinnen zu erwarten ist, wird die Frage sein, wo sie auf die Schnelle bei einem Bundesliga- oder ausländischen Club unterkommen. Dass die TuS nun eine HB-Akteurin verpflichtet, ist laut Rott ausgeschlossen: »Wo soll das Geld herkommen für jemanden in dieser Qualität?« In Metzingen, wo der Ticket-Verkauf für die ersten Heimspiele der neuen Saison und der Dauerkartenverkauf begonnen hat, sei es jedes Jahr ein Kampf, einen Etat in der Größenordnung von etwa einer Million Euro aufzustellen. Die Ludwigsburger Krise ist in seinen Augen eine »Warnung für alle: Ein Appell an Sponsoren, zuverlässig zu zahlen und an die Clubs selbst, wirtschaftlich sorgfältig zu planen.«
Auch Markus Gaugisch ist geschockt. Der Nehrener, der vor seiner Zeit als Bundestrainer als Vereins-Coach bis 2023 mit dem damals noch unter dem Namen SG BBM Bietigheim antretenden Club acht Titel holte, sagt unumwunden: »Natürlich raubt einem das den Schlaf.« Solch eine Pleite betreffe nicht nur die Spielerinnen, sondern auch Trainer-Team und Geschäftsstelle. Mit Frederick Griesbach (Co-Trainer) und Torwart-Trainerin Jasmina Rebmann-Jankovic gehören auch zwei Personen aus dem Coaching Team der Nationalmannschaft zu diesem Kreis.
Absturz des Aushängeschilds
Hinzu kommen die aktuellen HB-Nationalspielerinnen Nicole Roth, Xenia Smits, Antje Döll, Viola Leuchter, Jenny Behrend und Mareike Thomaier. Diese Blockbildung hatte für das Nationalteam den Vorteil, dass die Gruppe bereits eingespielt war. Nun aber geht es zunächst einmal darum, dass die Akteurinnen einen neuen Club finden, um so schnell wie möglich in den Spielrhythmus zu kommen mit Blick auf die Weltmeisterschaft, die Ende des Jahres in Deutschland und der Niederlande ausgetragen wird. Gaugischs Resümee über den Absturz Ludwigsburgs: »Natürlich ist das nicht gut für uns. Der HB war das beste Produkt des deutschen Frauenhandballs. Wir brauchen Aushängeschilder.« (GEA)

