TÜBINGEN. Bernard Pelote war nicht zu stoppen. Hier ein Dreier, da ein schickes Dribbling und dort schon wieder ein Dreier. Tübingens Power Forward war am Freitagabend in der ersten Hälfte im Zweitliga-Duell gegen die Gießen 46ers auf einer persönlichen Mission unterwegs. Der Tigers-Profi, am Ende mit 27 Punkten Topscorer der Partie, dominierte seine Gegenspieler nach Belieben und hatte zur Pause bereits 18 Zähler eingesammelt. Alles sah danach aus, als würde der 23-Jährige am Ende zum entscheidenden Mann werden.
Doch da hatten die 2.570 Zuschauer die Rechnung ohne ihren Kapitän gemacht. »Ich habe zum Coach gesagt: Gib mir den Ball, ich tref den Wurf«, erzählte Club-Ikone Till Jönke über die Momente in der Auszeit vor dem letzten Angriff seiner Tübinger. 15 Sekunden waren noch auf der Spieluhr, als die Hausherren beim Stand von 82:82 nochmals den Ball bekamen. Spielmacher JaCobi Wood überreichte dem Routinier nach dem Einwurf die orangefarbene Kugel. Dieser nahm das Dribbling auf, legte sich seinen kanadischen Gegenspieler Aiden Warnholtz zurecht, täuschte zu einem Richtungswechsel an und setzte dann zum Wurf an.
Wenige Wimpernschläge später verwandelte sich die Paul Horn-Arena in ein Tollhaus. Denn Jönkes Wurf fiel blitzsauber durch die Reuse, dann ertönte die Schlusssirene. Damit stand fest: Die Raubkatzen bezwingen die vor der Saison als Aufstiegskandidat gehandelten Hessen in einem über den Großteil der Partie hochklassigen Match mit 84:82 (44:40) und feiern damit den vierten Sieg in Folge. Und das ohne ihren am Knie verletzten Dreierspezialisten Isaiah Sanders, der in den vergangenen Wochen zu den absoluten Leistungsträgern im Team von Trainer Henrik Sonko gezählt hatte. Wow. Was ein Abend.
Spannender und brandheißer zweiter Durchgang
Beide Mannschaften gaben es sich zuvor richtig auf dem Parkett. Insbesondere das erste Viertel war ein Punkte-Spektakel. Gerade einmal acht Minuten waren gespielt, da erzielte Tübingen-Center Lukas Milner mit einem Korbleger bereits den 40. Zähler in dieser traditionsreichen Begegnung. Die Tigers führten mit 24:16, kurze Zeit später nahmen die die Hausherren sogar eine Elf-Punkte-Führung mit in den zweiten Spielabschnitt (29:18). Die Raubkatzen zeigten das beste Viertel in der noch jungen Saison.
Doch Gießen, bei dem der 167-fache deutsche Nationalspieler und Routinier Robin Benzing unter Beweis stellte, dass er mit allen Wassern gewaschen ist, zeigte die richtige Reaktion und verkürzte bis zur Pausensirene auf 40:44. Es war klar: Das wird ein brandheißer zweiter Durchgang. Und genau so kam es.
Die Gäste gingen nach vier gespielten Minuten im dritten Viertel zum ersten Mal seit den Anfangssekunden wieder in Führung. Die Punkte zum 50:49 erzielte: Luis König Figge. Ein Name wie ein Kunstwerk. Und ein Spieler, der kurz vor Schluss die Tübinger Arena für wenige Momente zum Schweigen brachte. Doch zunächst lieferten sich beide Teams weiter einen spannenden Schlagabtausch.
Partie muss in der Schlussminute entschieden werden
Sowohl Tübingen als auch Gießen hatten immer die jeweils richtige Antwort parat. Das führte dazu, dass die Partie in der Schlussminute entschieden werden musste. Zunächst kam der Auftritt von Wood, der seinen Gegenspieler mit einem schönen Crossover auf den Boden schickte und mit einem Dreier 51 Sekunden vor Schluss auf 81:77 stellte. Doch das war längst noch nicht die Entscheidung. Gießen verkürzte im Gegenzug postwendend auf 79:81. Als der gefoulte Miles Tention nur einen Freiwurf an der Linie verwandelte, nahm Gießen-Coach Branislav Ignjatovic 20 Sekunden vor Schluss beim 79:82 eine Auszeit.
Es war klar: Der langjährige Erstligist braucht nun einen Dreier. An dieser Stelle kommt erneut Figge König ins Spiel. Der 28-Jährige versenkte 15 Sekunden vor Schluss für die Hessen tatsächlich einen schwierigen Wurf von jenseits der 6,75-Meter-Linie zum 82:82-Ausgleich. Tigers-Trainer Sonko reagierte blitzschnell und nahm wie sein Gegenüber eine Auszeit. Der Rest ist Geschichte.
»Wenn unser Kapitän Till Jönke sagt, er will den Ball, dann gibst du ihm den Ball. Er ist eine unglaubliche Persönlichkeit«, sagte der 47 Jahre alte Schwede. Matchwinner Jönke betonte abschließend: »Das war ein wahnsinnig toller Basketball-Abend. Natürlich ist es wie ein Märchen, wenn das Spiel dann so ausgeht.« Viel Zeit zum Genießen bleibt dem 33-Jährigen und seinen Teamkollegen allerdings nicht. Bereits am Sonntag (17 Uhr) gastieren die Tigers als neuer Tabellenfünfter im Derby bei den Kirchheim Knights. (GEA)

