TÜBINGEN. Als Bakary Dibba im Sommer 2021 als 19-Jähriger seine Zelte bei den Tigers Tübingen aufschlug, brauchte es selbst für den größten Optimisten viel Fantasie, dass der GEA vier Jahre später mit einem Spieler spricht, der vor wenigen Monaten den Schritt in die beste Basketball-Liga Europas gewagt hat. Zugegeben: Bereits damals »verstand man es selbst als Blinder, dass er aufgrund seiner Größe, Schnelligkeit, Sprungkraft, Spannweite und all dieser Eigenschaften ein Naturtalent ist«, wie es Trainer Danny Jansson heute formuliert.
Wenn man über die Entwicklung des immer noch jungen Dänen sprechen will, gibt es wohl keinen besseren Gesprächspartner als den 46-Jährigen. Der langjährige Headcoach der Tigers Tübingen holte das Talent vor vier Jahren zu seinem damaligen Zweitliga-Team nach Tübingen und nahm ihn im vergangenen Sommer mit zu seinem neuen Bundesliga-Club MLP Academics Heidelberg, mit dem er direkt sensationell das Halbfinale erreichte. Jansson war damit maßgeblich an Dibbas phänomenaler Entwicklung in den letzten Jahren beteiligt, die den 24-Jährigen im Juni zu CB Breogan in die spanische Topliga ACB führte.
Goldenes Händchen von Jansson
Nicht nur der von Danny Jansson 2021 verpflichtete Bakary Dibba entwickelte sich in den vergangenen Jahren prächtig. Auch bei vielen weiteren Spielern bewies der langjährige Erfolgscoach der Tigers Tübingen (2020-2024) ein goldenes Händchen und erkannte das Potenzial. So spielt Tigers-Aufstiegsheld Zac Seljaas mittlerweile beim französischen Euroleague-Teilnehmer Lyon. Jhivvan Jackson (Tübinger Topscorer in der Bundesliga-Saison 2023/24) ist Leistungsträger bei San Pablo Burgos in der besten Liga Europas, der spanischen ACB. Gleiches gilt für den Finnen Elias Valtonen, der seit 2023 für Granada auf Punktejagd geht. Ryan Mikesell (London Lions) und Kaodirichi Akobundu-Ehiogu (Baxi Manresa/Spanien) sind neben dem Ligaalltag auch noch im Eurocup, dem zweithöchsten europäischen Wettbewerb, aktiv. (ott)
Es ist eine sehr besondere Geschichte, bei der es sich lohnt, einen Blick zurückzuwerfen. Jansson erinnert sich im GEA-Gespräch noch genau an die Anfangstage des defensivstarken Forwards bei den Tigers. Wie er schon sagte, waren die physischen Voraussetzungen nicht zu übersehen. Doch um ein erfolgreicher Profi zu werden, reicht das nicht aus. Dibba war ein Rohdiamant, der geschliffen werden musste. Von einem Feinschliff konnte aber keine Rede sein. Jansson musste beim Projekt Dibba mit Hammer und Meisel agieren.
»Selbst unsere Nachwuchsspieler lagen in Bezug auf spezifische Basketballfähigkeiten, wie zum Beispiel einen Korbleger mit der schwächeren linken Hand zu machen, damals vor Bakary«, nennt Jansson ein Beispiel über Dibbas große Baustellen zum Start in der Neckarstadt. Das Gute: Einen Korbleger mit der linken Hand zu machen, kann man lernen. Bis gefühlt unter die Hallendecke zu springen, eher weniger. Und so ging es für den mit reichlich Athletik gesegneten Dänen bei den Tigers zunächst nur um eines: Lernen, lernen, lernen.
Im ersten Jahr durfte Dibba mit im Schnitt acht Minuten erstmals deutsche Zweitliga-Luft schnuppern (3,4 Punkte, 1,7 Rebounds). Parallel sammelte er im Tübinger Regionalliga-Team wertvolle Spielpraxis. In seiner zweiten Saison steigerte der Däne seine persönliche Ausbeute auf 7 Punkte und 2,6 Rebounds. Auch wenn er sich stark weiterentwickelte, agierte der Skandinavier oftmals zwischen Genie und Wahnsinn. Es war noch ein weiter Weg für ihn. Beide Male stand für die Tigers am Ende der Finaleinzug und das damit verbundene sportliche Aufstiegsrecht in die Bundesliga (BBL). Erst 2023 nahmen die Verantwortlichen dieses aber wahr.
In der Saisonvorbereitung nach dem Aufstieg traf Trainer Jansson schließlich eine wegweisende Entscheidung. Der Finne verlieh seinen Schützling nochmals für ein Jahr in die Pro A nach Karlsruhe. Offenbar sah er den damals 21-Jährigen noch nicht mit dem nötigen Rüstzeug für die BBL ausgestattet. Dort mauserte sich Dibba in einer deutlich größeren Rolle zum absoluten Unterschiedsspieler und führte die Badener mit 15 Punkten, sieben Rebounds, 1,3 Steals und fast zwei geblockten Würfen sensationell zur Überraschungs-Meisterschaft. Die Tigers hingegen stiegen nach nur sechs Saisonsiegen direkt wieder aus der deutschen Beletage ab.
Hätte da ein Spieler wie Dibba dem Team nicht gut zu Gesicht gestanden? Mit Sicherheit. Da macht auch Jansson keinen Hehl draus. »Wahrscheinlich hätte uns Bakary spätestens nach Weihnachten geholfen«, gibt der 46-Jährige zu. Aus Tübinger Sicht hätte es den Tigers sicherlich geschadet, dass man Dibba nach Karlsruhe ausgeliehen habe. Gleichzeitig ergänzt er jedoch: »Ich bereue meine Entscheidung aber nicht.«
Das hat einen ganz einfachen Grund. In Tübingen sei das Budget nie besonders groß gewesen. Dennoch schaffte es der Finne regelmäßig talentierte Spieler mit reichlich Potenzial zu den Raubkatzen zu locken. Warum? Weil die Jungprofis erkannt haben, dass sie bei den Tigers beste Entwicklungschancen haben. »Ich habe niemals einem Spieler Einsatzzeiten oder eine bestimmte Rolle versprochen«, berichtet der heutige Heidelberg-Coach. Das einzige Versprechen, das er jedem Spieler gegeben habe, der nach Tübingen wechselte, sei gewesen: »Als Trainer werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass ihr die Chance habt, euch als Spieler weiterzuentwickeln und das Beste aus euch rauszuholen.« Mit Blick auf diesen Aspekt, seine Werte als Basketball-Coach, so Jansson, würde er Dibba erneut in die 2. Liga ausleihen.
Sehr gut befreundet mit Tigers-Kapitän Till Jönke
Auch wenn Dibba selbst damals ein bisschen traurig über die Entscheidung war, ging der Plan voll auf. Heute kann er mit Fug und Recht behaupten: »Das war die beste Entscheidung.« Er zündete in Karlsruhe die nächste Entwicklungsstufe und spielte nach seinem Wechsel zu Jansson eine beeindruckende und spektakuläre Bundesliga-Premierensaison für die Heidelberger (10 Punkte, 4 Rebounds, 1,2 Steals).
Obwohl der 24-Jährige noch einen Vertrag für diese Saison bei den MLP Academics gehabt hätte, entschied er sich - auch bei Tigers-Kapitän und seinem guten Freund Till Jönke holte er sich einen Rat - für den Wechsel nach Breogan. Der spanische Club kaufte ihn kurz vor Ablauf der Frist dank einer Ausstiegsklausel aus seinem Vertrag beim BBL-Club raus. Dibba spielt nun in einer Stadt, die »Basketball atmet«, wie er selbst sagt.
Fällt der Dreier, gibt es keine Grenzen nach oben für Dibba
Für die Galizier legt der dänische Nationalspieler bislang durchschnittlich acht Punkte und vier Rebounds auf. Beeindruckend, dass er nicht den Hauch von Anlaufschwierigkeiten in einer deutlich besseren Liga zeigt. Vor allem besticht das Energiebündel durch seine Leistungen in der Verteidigung (1,2 Ballgewinne und 0,8 geblockte Würfe). »Mein Ziel ist es, eines Tages in der Euroleague oder NBA zu spielen«, betont Dibba selbstbewusst.
Dafür muss allerdings sein Distanzwurf konstanter fallen. Um seine Dreierquoten zu verbessern, arbeitet Dibba in Breogan auch mit einem Individualcoach zusammen. Denn aktuell trifft der gebürtige Kopenhagener nur 25 Prozent der Distanzwürfe. Zur Einordnung: Schafft es ein Spieler mit den athletischen Voraussetzungen und Defensiv-Qualitäten eines Dibba seine Dreierquote auf 33 Prozent oder gar höher zu steigern, werden sich sämtliche europäische Top-Clubs um den Dänen streiten. Der Ex-Tübinger weiß aus eigener Erfahrung: »Je höher dein Level, desto schneller können sich Dinge ändern.« Man könnte auch sagen: So lange wie sich Dibba zu Beginn in Deutschland gedulden musste, so schnell könnt es nun auf die allerhöchste Basketball-Bühne für ihn gehen. (GEA)



