METZINGEN. Um kurz nach 19 Uhr herrschte Ernüchterung auf dem Center Court am Bongertwasen. Lokalmatador Tim Handel ist bei den Metzingen Open am Donnerstagabend in der zweiten Runde ausgeschieden. Auf dem Papier versprach das »Match des Tages« eine ausgeglichene Partie zu werden. Es hieß: Weltranglistenplatz 630 gegen ATP-Rang 657. Doch der leicht besser platzierte Ohmenhäuser Tennis-Profi unterlag nach einer enttäuschenden Leistung dem jungen Belgier Jack Logé chancenlos mit 4:6, 2:6. Was war los?
»Ich habe es nicht geschafft, mein Level konstant abzurufen und habe zu viele Fehler gemacht. Deshalb war das Spiel auch nicht wirklich eng«, sagte Handel dem GEA über seine Niederlage vor einer erneut guten Zuschauerkulisse. Der Spitzenspieler des Zweitligisten TV Reutlingen verzweifelte nicht nur am 20 Jahre alten Logé, der vor allem im zweiten Satz wie eine Ballwand agierte, sondern auch an seiner eigenen Vorhand.
Handel war mächtig genervt und fluchte zu Beginn des zweiten Satzes laut vor sich hin: »Mann, ich kann einfach keine Vorhand mehr spielen.« Während Logé alles retournierte was ihm der 28-Jährige ins Feld spielte, war es Handel, der bei langen Ballwechseln am Ende meistens den entscheidenden Fehler machte. Nach 57 Minuten kassierte er sein zweites Break. Spätestens da war klar, dass das für ihn an diesem Abend nichts mehr wird. Sein Gegner war eine Klasse besser und steht in diesem Jahr zum ersten Mal bei einem M25-Future-Turnier im Viertelfinale. Der Belgier trifft am Freitag auf Adrian Oetzbach.
Dem Deutschen gelang am Donnerstag die Überraschung des Tages. Die Nummer 704 der Welt war im Duell mit dem einst als Supertalent bezeichneten Rudolf Molleker eigentlich der klare Außenseiter. Doch Oetzbach wies den zweifachen Grand-Slam-Teilnehmer (aktuell ATP 380) in einem packenden Match und nach 1:49 Stunden mit 7:6 (7:5), 6:3 in die Schranken. Molleker machte das enorm zu schaffen.
Molleker verliert die Nerven und das Match
Der Berliner verlor Ende des ersten Satzes die Nerven, als der Stuhlschiedsrichter einen Ball »aus« gab, den er im Feld gesehen hatte. Molleker lieferte sich in der Folge ein Wortgefecht mit dem Referee und erhielt eine Verwarnung. Das wollte der 24-Jährige nicht auf sich sitzen lassen und forderte Supervisor Nico Helwerth auf den Platz, der für den Tennisweltverband ITF für die Überwachung und Organisation der Metzingen Open zuständig ist. Interessant: Der 40-Jährige leitete vor wenigen Wochen noch als Stuhlschiedsrichter das Wimbledon-Halbfinale zwischen Jannik Sinner und Novak Djokovic. Doch auch der erfahrene Mann aus Stuttgart konnte Molleker nicht helfen. Ab diesem Moment war in seinem Spiel ein deutlicher Bruch zu erkennen.
Im Duell der beiden Deutschen wurde einmal mehr klar, dass sich die Platzierungsunterschiede in der Weltrangliste wie in dieser Begegnung auf den ersten Blick extrem anhören mögen, auf diesem Niveau allerdings einzig und allein die Tagesform über Sieg oder Niederlage entscheidet. Dass das nicht nur eine leere Stammtisch-Phrase ist, zeigt sich in dieser Woche tagtäglich bei den Metzingen Open. Prognosen sind nahezu unmöglich. Das macht das Ganze noch spannender.
Wirkt sich das Ausscheiden der Local Heroes auf den Zuschauerzuspruch aus?
Schade aus Sicht des Veranstalters: Vor Handel verlor auch der Kirchheimer Lasse Pörtner und Reutlinger Club-Kollege sein Duell. Trotz einer sehr ansprechenden Leistung hatte der 19-Jährige gegen den an Position zwei gesetzten Brasilianer Daniel Dutra da Silva in zwei Stunden 2:6, 6:7 (3:7) das Nachsehen. Damit sind im Viertelfinale des internationalen ITF-Turniers keine hiesigen Spieler mehr vertreten.
Ob sich das auf den Zuschauerzuspruch auswirken wird, darf jedoch bezweifelt werden. Schließlich war der Center Court in den vergangenen drei Jahren an jedem Tag des Finalwochenendes stets gut gefüllt. Auch ohne Local Heroes. Dennoch wäre das sicherlich die Kirsche auf der Sahnetorte gewesen. Handel und Pörtner erhalten nach ihrem Aus in der zweiten Runde jeweils 410 Euro Preisgeld und einen Zähler für die Weltrangliste. Daran sieht man: Die ITF-Tour ist eine knochenharte Ochsentour für die Spieler. (GEA)


