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Sorge um die einhändige Rückhand: Stirbt der schönste Schlag des Tennis aus?

Sie steht für die pure Eleganz. Doch die einhändige Tennis-Rückhand ist in ihrer Existenz akut bedroht. Wie es zu dieser Entwicklung kam und was die Gründe dafür sind.

Ein wahres Gedicht: Roger Federer mit seiner eleganten einhändigen Rückhand.
Ein wahres Gedicht: Roger Federer mit seiner eleganten einhändigen Rückhand. Foto: Stacpoole/Witters
Ein wahres Gedicht: Roger Federer mit seiner eleganten einhändigen Rückhand.
Foto: Stacpoole/Witters

METZINGEN. Sie steht für die pure Eleganz. Sie hat etwas Künstlerisches, etwas fast schon Erhabenes. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Sie in einem Essay einst als »geschwungenes Weltkulturerbe«. Es läuft einem bereits das Wasser im Mund zusammen, wenn die Spieler zum Schwung ausholen. Spätestens wenn der Arm dann richtig durchgezogen wird spielen die Glückshormone im Körper komplett verrückt. Es kann in dieser Sache keine zwei Meinungen geben: Die einhändige Rückhand ist der schönste Schlag im Tennissport. Das würde vermutlich selbst der kritischste Zeitgeist so unterschreiben.

Vielleicht sollten alle Eleganz-Liebhaber jedoch schleunigst etwas Anderes unterzeichnen. Wie wäre es mit einer Petition, die ihren Lieblingsschlag vor den Bösewichten gesetzlich schützt? Schließlich besteht großer Anlass zur Sorge. Die einhändige Rückhand scheint vom Aussterben bedroht zu sein. 1973 schockte Jimmy Connors noch die gesamte Tennis-Welt, indem der US-Amerikaner der erste Spieler war, der mit einer beidhändigen Rückhand den Sprung in die Top Ten schaffte. Heute zählt sie zum Standard im Tennis.

Die Entwicklung der einhändigen Rückhand in Zahlen

Es ist ein Niedergang, der sich abgezeichnet hat. Die einhändige Rückhand scheint ein Auslaufmodell zu sein. Das war bei der Einführung der Tennis-Weltrangliste 1973 noch undenkbar. Damals standen in den Top 10 des Rankings noch ganze neun »Einhänder«. Bereits 20 Jahre später hatte sich die Zahl auf fünf Spieler fast halbiert. Lässt man diese Zeitspanne erneut vergehen, erkennt man, dass 2013 mit Roger Federer, Stan Wawrinka und Richard Gasquet nur noch drei Profis mit der einhändigen Rückhand ausgestattet waren. 2024 hatte sie zum ersten Mal kein Top-Ten-Spieler mehr im Repertoire. Heute steht mit dem Italiener Lorenzo Musetti wenigstens wieder ein Einhand-Rückhänder unter den besten zehn der Welt. (ott)

Diese Entwicklung gipfelte am 19. Februar 2024 in ihrem Höhepunkt, als sich Tennis-Geschichte ereignete. Erstmals seit der Einführung der Weltrangliste 1973 stand kein Profi mehr mit einer einhändigen Rückhand in der Top Ten des ATP-Rankings. Eine Ära ging zu Ende. Boris Becker, Steffi Graf, Pete Sampras oder Roger Federer: All diese Legenden erzielten ihre Erfolge mit der klassischen einhändigen Rückhand. Vor allem der 20-fache-Grand-Slam-Champion aus der Schweiz hat diesem Schlag nochmals eine neue Stufe der Eleganz verschafft. 2020 gewann der Österreicher Dominic Thiem bei den US Open als bislang letzter einhändiger Rückhand-Spieler einen Grand Slam. Wird das auf ewig so bleiben?

Ein Blick in die Top 300 des ATP-Rankings aus dem Jahr 2024 verrät nichts Gutes. Insgesamt gab es zwar 24 Einhänder, allerdings waren elf von ihnen bereits älter als 30 Jahre. Lediglich drei waren jünger als 25. Bedeutet: Die Talente der nächsten Generation greifen offenbar immer weniger zur einhändigen Rückhand.

Warum ist das aber der Fall? Der Ursprung dieses »Problems« liegt im frühen Kindesalter. »Es wird immer weniger von den Trainern angeboten«, wie Marek Kimla betont. Er ist Mitgründer der Tennisbase Reutlingen, coacht zudem den Zweitligisten TV Reutlingen und trainierte in der Vergangenheit unter anderem auch Tim Handel, der am Donnerstag in der zweiten Runde beim ITF-Turnier Metzingen Open ausgeschieden ist. Der Ohmenhäuser, aktuell die Nummer 630 der Welt, ist tatsächlich noch ein Vertreter der selten geworden Gattung der einhändigen Rückhand-Spieler. Bei den Metzingen Open standen insgesamt drei »Einhänder« im 32er-Hauptfeld. Wieso diese Schlagvariante immer weniger gefördert wird?

»Weil sich die Kinder am Anfang sehr schwer tun. Es benötigt einen größeren Kraftaufwand als die beidhändige Rückhand. Das kann zu Beginn frustrierend sein.« Die Kinder könnten deshalb frühzeitig die Lust am Tennis verlieren. Der einhändig spielende Handel sieht es ähnlich: »Ich glaube, dass es einfacher ist mit beiden Händen zu spielen, wenn man im Kindesalter noch nicht so viel Kraft hat.«

Auch der Ohmenhäuser Tim Handel ist ein Vertreter der selten geworden Gattung der einhändigen Rückhand-Spieler.
Auch der Ohmenhäuser Tim Handel ist ein Vertreter der selten geworden Gattung der einhändigen Rückhand-Spieler. Foto: Joachim Baur
Auch der Ohmenhäuser Tim Handel ist ein Vertreter der selten geworden Gattung der einhändigen Rückhand-Spieler.
Foto: Joachim Baur

Er selbst muss es wissen. Denn bis 15 spielte der Spitzenspieler des TVR die Rückhand noch beidhändig. Erst danach stellte sein Coach die Spielweise seines Schützlings um. »Ich habe am Anfang nur Slice gespielt, weil ich noch nicht so viel Kraft hatte«, berichtet Tennis-Profi Handel. Die Belastung sei eben eine ganz andere. Wie lang die Transformation gebraucht hat, um auf Spitzenniveau zu bestehen? »Zwei bis drei Jahre«, so Kimla. Handel sagt, dass er das vor allem über sehr viele Wiederholungen geschafft habe. Aber auch das Krafttraining hätte geholfen. Doch was sind die Vorteile einer einhändigen Rückhand? Und was die Nachteile?

Vor allem beim Return (dem Rückschlag) und bei hohen Bällen auf die Rückhandseite sind Beidhänder begünstigt. Es ist sehr schwer, weit oben am Körper und mit nur einem Arm ordentlich Druck hinter den Ball zu bekommen. Die Einhänder müssen entweder mehr Risiko eingehen und den Ball früher nehmen oder sie lassen sich zurückfallen und den Ball austrudeln. Alles, was sich über Schulterhöhe abspielt, ist mit einer einhändigen Rückhand fürs Erste schwieriger zu spielen. Beidhänder dagegen können aus dieser Position heraus mit mehr Druck agieren und mit ihr auch ungünstige Positionen zum Ball besser ausgleichen. Das ist im superathletisch und blitzschnell gewordenen Tennis inzwischen immer wichtiger geworden. Und vielleicht auch ein Grund dafür, warum fast alle Profi-Spieler auf diesen Schlag zurückgreifen.

Es fehlen die Vorbilder bei den Topspielern

Anders sieht die Sache bei den Slice- und Volleyschlägen auf der Rückhand aus. Dort sollten die einhändigen Rückhand-Spieler auf der Profi-Ebene eigentlich im Vorteil sein und einen besseren Touch haben, weil es mehr dem natürlichen Bewegungsablauf des einhändigen Schlages entspricht und der Treffpunkt des Balles damit besser ist. Außerdem ist die Reichweite eines Schlages durch den freien Arm höher. Die Argumente liegen nun auf dem Tisch, es ist ein Für und Wider. Doch es gibt noch eine weitere Erklärung, wieso bei der heutigen Jugend die »Einhändige« offenbar keiner große Beliebtheit mehr erfährt.

Spätestens seit dem Karriereende des großen Federers fehlen den Kindern die Vorbilder bei den Besten des Tennissports. »Das macht schon etwas aus, weil sich die Kinder sehr oft an ihren Idolen orientieren und genauso spielen wollen wie sie. Und je weniger Topspieler die einhändige Rückhand spielen, desto weniger wollen es auch die Kids. Jannik Sinner und Carlos Alcaraz spielen die Rückhand beidhändig. Also wollen viele Kinder das genau so tun. Das hängt auf jeden Fall miteinander zusammen«, ist sich Kimla sicher.

Es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Aussichten für die einhändige Rückhand stehen schlecht. Der deutsche Wimbledon-Sieger von 1991, Michael Stich, sieht es allerdings recht entspannt: »Es sind Wellenbewegungen. Es muss nur wieder Trainer geben, die den Kindern eine einhändige Rückhand beibringen und einen jungen Spieler, der Bock auf die einhändige Rückhand hat. Der Rest wird sich dann ganz automatisch wiederfinden«, sagte der 56-Jährige im vergangenen Jahr der ARD-Sportschau.

Doch es gibt tatsächlich einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont. Mit Lorenzo Musetti steht aktuell wenigstens wieder ein Einhand-Rückhänder unter den Top Ten. Vielleicht sorgt ja der 23 Jahre alte Italiener und Weltranglisten-Siebte dafür, dass der schönste Schlag wieder hip wird. Das wäre dem Tennissport zu wünschen. Die einhändige Rückhand ist einfach zu schön, um auszusterben. (GEA)