METZINGEN. Spätestens im Jahr 2014 änderte sich das Leben von Rudolf Molleker schlagartig. Nach einer Video-Doku des RBB war der damals 13-Jährige plötzlich jedem Tennis-Fan in der Bundesrepublik ein Begriff. Die Kurzzusammenfassung des 30-minütigen Films über den gebürtigen Ukrainer, der mit seiner Famile im Alter von drei Jahren in die Nähe von Berlin zog, lautet in etwa so: Das, liebes Tennis-Deutschland, ist euer neues Supertalent. Alle Augen waren ab diesem Moment auf Molleker gerichtet.
Der Druck war enorm, doch der Weg des Teenagers kannte auch danach nur einen Weg: Steil nach oben.
U 14-Europameister, Wildcard mit 16 beim ATP-Turnier in Hamburg und mit 17 der Einzug in die Top-Ten der Junioren-Weltrangliste. 2019 qualifizierte sich Molleker über die Quali dann für das Hauptfeld bei den Grand-Slam-Turnieren Australian Open sowie den French Open und gewann in der ersten Runde gegen die damalige Nummer 16 der Welt, Diego Schwartzman, sogar einen Satz. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde der Deutsche auf Platz 146 der ATP-Rangliste geführt. Das war im Juli 2019.
Sechs Jahre später steht Molleker auf der Anlage des TC Metzingen im Ermstal am idyllischen Bongertwasen und feierte am Dienstag gegen den Ukrainer Tymur Bieldiugin (Nummer 1.076 der Welt) in drei Sätzen den Einzug in die zweite Runde des internationalen ITF-Future-Turniers - der untersten Ebene im Profi-Tennis. Der Kontrast zu damals könnte kaum größer sein. Das weiß auch Molleker und sagt nach seinem Erstrundenerfolg im Gespräch mit dem GEA schonungslos ehrlich: »Das ist jetzt nicht das, was ich mir damals ausgemalt habe.« Und doch wirkt der heute 24-Jährige zufrieden und mit sich im Reinen.
Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, was Molleker in seiner noch jungen Karriere schon durchlebt hat. Oder wie er es selber formuliert: »Ich habe mit 19 ein Jahr lang eine Pause eingelegt, weil ich einfach nicht mehr konnte.« Was war passiert? Der Ursprung allen Übels war das prestigeträchtigste Turnier der Welt: Wimbledon. Es war 2019 und das Jahr, in dem der Youngster zuvor schon zweimal in der ersten Runde der Grand Slams stand und den endgültigen Durchbruch sowie den Sprung in die Top 100 zu schaffen schien. Dann passierte Molleker der Fehler seines Lebens: Er verpasste die Meldefrist für die Wimbledon-Quali und konnte beim Rasenklassiker deshalb nicht antreten.
»Das ist natürlich blöd und bitter gelaufen. Aber dass in der Folge dann so auf mich eingeschlagen wurde, war der Wahnsinn«, blickt er zurück. Überall wurde über seinen Fauxpas berichtet. Er musste Häme und Spott von allen Seiten ertragen. Man kann sich denken, was das mit einem 18-jährigen Teenager macht. Im weiteren Jahresverlauf spielte Molleker zwar noch ein paar Turniere - unter anderem auch die Qualifikation für die US Open. Doch das Mentale wurde nicht besser. Stattdessen verschlimmerten sich seine negativen Gedanken immer weiter und es zog ihn immer weiter runter.
»Ich habe mich gefragt, was ich hier eigentlich mache und ob sich das alles lohnt. Ich wusste nichts mit meinem Leben anzufangen«
Anfang Januar 2020 standen wieder die Australian Open auf dem Programm. »Drei Tage vor dem Abflug nach Australien habe ich aber meinen Trainer angerufen und gesagt: Ich kann nicht fliegen.« Er hätte sich keinen Tennisplatz mehr anschauen können, habe kein Flugzeug mehr sehen wollen und auch nicht die ganzen Leute aus der Tennis-Bubble. Mit anderen Worten: Er war fürs Erste fertig mit seiner Sportart.
War der Druck womöglich zu groß? »Nein, damit konnte ich immer umgehen«, betonte Molleker. Es waren eher die Dinge drumherum. Das ständige Reisen oder das häufige Alleinsein während der Turniere. Seine damalige Gedankenwelt sah wie folgt aus: »Ich habe montags ein Spiel gewonnen, hatte am Tag darauf einen Off-Day, wo ich am Morgen trainiert habe, saß danach in meinem Hotelzimmer und habe mich gefragt, was ich hier eigentlich mache und ob sich das alles lohnt. Ich wusste nichts mit meinem Leben anzufangen.«
Ende Januar 2020 unternahm Molleker noch einmal einen Versuch, reiste mit seinem Vater sowie seinem Coach für drei Turniere in die USA. Mental befand er sich aber noch immer in einem tiefen Loch. »Ich bin nicht einmal zum ausgemachten Training erschienen und habe mein Match in Newport komplett abgeschenkt«, erzählt der Rechtshänder. Nach der Partie sei er dann zu seinen beiden Reisebegleitern gegangen und habe gesagt: »Ihr könnt gerne noch zwei Wochen hier bleiben, aber ich fliege nach Hause.« Leise, still und heimlich entschied sich Molleker dazu, seine Tenniskarriere vorerst zu beenden.
Mindestens fünf Monate habe er seinen Schläger nicht mehr angerührt, berichtet er. »Ich saß von 18 Uhr bis 7 Uhr morgens vor der Playstation und habe nur gezockt. Ansonsten habe ich nicht viel gemacht«. Als seine Mutter morgens aufgestanden und zur Arbeit gegangen sei, sei er schlafen gegangen. Viele Wochen und Monate ging das so. Irgendwann folgte ein Umdenken bei Molleker. Er dachte sich: »Das ist nicht das, wofür ich meine ganze Kindheit aufgegeben habe.« Am 17. August 2020 war es dann soweit: Molleker kehrte wieder zurück auf die Tennis-Tour.
Und tatsächlich sah es zwischenzeitlich so aus, als wäre er wieder auf dem Weg in die Top 100 der Weltrangliste. Im Mai des vergangenen Jahres spielte sich Molleker bis auf Position 163 vor. Einen Monat zuvor erreichte er beim ATP-Turnier in München sogar die zweite Runde. Dort gewann der Berliner den ersten Satz gegen den aktuellen Weltranglisten-Fünften Jack Draper. Im Anschluss ging es für Molleker jedoch wieder Stück für Stück nach unten im World Ranking. Aktuell steht er auf Platz 380.
»Ich habe mittlerweile auf jeden Fall gemerkt, dass Tennis nicht alles ist. Es gibt noch viele andere schöne Dinge im Leben«
Was sind die Gründe dafür? »Ich habe einfach die engen und wichtiges Matches nicht gewonnen, die mir vielleicht den nächsten Step ermöglicht hätten«, erklärt er. Sein früheres Ich wäre daran vermutlich zerbrochen. Doch Molleker hat sich als Mensch weiterentwickelt. »Ich habe ehrlicherweise gerade keine Ahnung, wo ich in der Rangliste stehe. Ich versuche einfach Tennis zu spielen und Matches zu gewinnen. Ich genieße den Prozess. Wenn es nochmal klappt, dann bin ich happy. Falls nicht, gibt es immer einen Plan B. Ich habe mittlerweile auf jeden Fall gemerkt, dass Tennis nicht alles ist«, betont der Tierliebhaber und Hunde-Besitzer reflektiert und sagt: »Es gibt noch viele andere schöne Dinge im Leben.«
Die Zeiten haben sich geändert: Der einstige fast unmenschliche Druck ist weg. Molleker kann ab sofort praktisch nur noch gewinnen. Vielleicht ja sogar die vierte Auflage der Metzingen Open. Am Donnerstag trifft er im zweiten Spiel des Tages auf dem Center Court (nicht vor 13 Uhr) auf Adrian Oetzbach.
Eines möchte der 24-Jährige allerdings abschließend unbedingt noch loswerden. Und bezieht sich damit womöglich auch auf das jetzige deutsche Top-Talent Justin Engel. Das, als was Molleker damals bezeichnet wurde, wird heute dem 17-Jährigen in die Schuhe geschoben. »Der nächste Becker oder der nächste Zverev: Ich verstehe wirklich absolut niemanden, der bei Spielern in diesem jungen Alter schon solche Vergleiche zieht. Es ist immer noch ein weiter Weg und man darf die jungen Spieler dadurch nicht noch mehr unter Druck setzen.« Das weiß Molleker wie kein Zweiter. (GEA)



