REUTLINGEN. Johannes Wally war hin- und hergerissen. »Das war mein erstes Tor für den SSV in der Männer-Oberliga«, stellte der 19-Jährige, der beim 1:1 (0:0) gegen den FC 08 Villingen die Reutlinger Oberliga-Fußballer mit 1:0 in Führung gebracht hatte, mit einem Strahlen im Gesicht fest. Nach einer kurzen Pause verfinsterte sich allerdings seine Miene: »Das Unentschieden fühlt sich wie zwei verlorene Punkte an«, erklärte Wally, der bereits vergangene Saison als A-Jugendlicher fünf Mal im Einsatz war und zwischenzeitlich auf 20 Einsätze in der Männer-Oberliga zurückblicken kann.
Die Punkteteilung gegen den Regionalliga-Absteiger Villingen, der sich seit Wochen in starker Form präsentiert, war für die Nullfünfer »ärgerlich wegen des Zeitpunkts des Gegentreffers«, so SSV-Interimstrainer Marvin Petzschner. Vor 650 Zuschauern im Kreuzeiche-Stadion lief die dritte Nachspielminute. Die Reutlinger Fans feierten bereits den zweiten Zu-Null-Sieg von Petzschner (vor Wochenfrist wurde der TSV Essingen mit 3:0 bezwungen), ehe der Top-Top-Torjäger der Oberliga Baden-Württemberg zuschlug. Nach einer letzten verzweifelten Flanke der Villinger in den Strafraum verlängerte Gian-Luca Feißt den Ball per Kopf in Richtung Elfmeterpunkt. Dort stand Marcel Sökler. Der 34-Jährige fackelte nicht lange und hämmerte das Spielgerät zum 1:1-Endstand in die Maschen. Für Sökler, der in seiner Laufbahn auch schon in der 3. Liga unterwegs war, war es im 174. Oberligaspiel der 133. Treffer. Zwei Mal wurde er im baden-württembergischen Oberhaus Torschützenkönig.
»In diesem Moment tritt der Sport in den Hintergrund«
Überschattet wurde dieses Oberliga-Duell von einer Szene in der zweiten Minute. Der Reutlinger Tom Ruzicka musste nach einer unglücklichen Aktion an der Seitenlinie mit einer schweren Knieverletzung vom Platz getragen werden. Eine Diagnose liegt noch nicht vor. »In diesem Moment tritt der Sport in den Hintergrund«, sagten unisono die beiden Trainer Petzschner und Steffen Breinlinger.
Es war kein Spektakel, das die beiden Teams den Besuchern boten. Es war jedoch ein sehr intensives Spiel, in dem der SSV extrem kompakt, konzentriert und zweikampfstark auftrat. »Wir haben in der ersten Halbzeit lediglich zwei Halbchancen zugelassen«, lobte Petzschner seine Schützlinge. Die Villinger hatten über die gesamte Spielzeit hinweg mehr Ballbesitz, aber auch im zweiten Durchgang vor dem Ausgleichstor in der Nachspielzeit nur eine klare Gelegenheit - in der 72. Minute rettete Keeper Dominik Hozlinger gegen den frei vor ihm auftauchenden Kevin Müller.
Der SSV setzte immer wieder Nadelstiche. In der ersten Hälfte scheiterte Willie Sauerborn nach einer Flanke von Luca Plattenhardt am stark reagierenden Villinger Torhüter Andrea Hoxha. Zudem streifte ein Schrägschuss von Noah Maurer die Latte. Apropos Maurer: Der 19 Jahre alte Blondschopf kam für Ruzicka ins Spiel und lieferte sein wohl bestes Spiel für den SSV im Aktivenbereich ab. Der auf der rechten Außenbahn agierende Maurer war maßgeblich am Führungstor beteiligt, als er eine Flanke von Ben Schaal direkt zu Wally weiterleitete, der den Ball aus kurzer Distanz im Villinger Gehäuse unterbrachte. Der frech aufspielende Maurer war zudem an vielen Offensivaktionen beteiligt - und: Er arbeitete defensiv bienenfleißig mit und eroberte auch mit Tacklings viele Bälle.
»Beim Gegentor haben wir uns zu weit fallen lassen«
Auf der linken Außenbahn war der nächste Reutlinger Youngster, Maxim Schmalz, nicht so effektiv wie zuletzt gegen Essingen, aber auch stets brandgefährlich. Schmalz wurde beim Stand von 1:0 im Strafraum zu Fall gebracht. Die Pfeife von Schiedsrichter Stefan Fimpel blieb stumm. Reutlingens Spieler schworen nach der Partie Stein und Bein, dass Schmalz regelwidrig attackiert wurde.
Petzschner nominierte die gleiche Startelf wie gegen Essingen, obwohl die zuletzt gesperrt fehlenden Leander Vochatzer und Sladan Puseljic wieder zur Verfügung standen. Jonas Vogler und Yannick Toth bildeten erneut die Innenverteidigung und lieferten eine tadellose Leistung ab. »Beim Gegentor haben wir uns zu weit fallen lassen«, ärgerte sich Toth über den Treffer von Spielverderber Sökler. »Wir hätten den Sieg verdient gehabt«, so Toth.
Das Problem bei den Reutlingern in der Endphase: Die zahlreichen Umschaltmomente wurden schlecht ausgespielt. Teilweise wurde geradezu fahrlässig der Ball hergeschenkt. Bei den Konterangriffen am Ende der Partie fehlte dem SSV schlicht und einfach das Tempo, nachdem die flinken Spieler nicht mehr auf dem Platz standen. (GEA)

