REUTLINGEN. Die Spieler des SSV Reutlingen sanken nach der 2:3 (0:0)-Niederlage gegen Türkspor Neckarsulm erschöpft und frustriert auf den Rasen. Die Mannschaft von Interimstrainer Marvin Petzschner hatte es verpasst, sich zu belohnen. Zweimal lag sie hinten, zweimal kämpfte sie sich zurück, doch in der 90. Minute setzte es den K.-o.-Schlag. Durch die Pleite rutscht der Fußball-Oberligist auf den 16. Platz und muss im Tabellenkeller überwintern. So weit unten standen die Nullfünfer in dieser Saison noch überhaupt nicht.
Doch einer hatte sich schnell berappelt, tröstete seine Kicker und gab sich kämpferisch: Coach Petzschner, der im dritten Spiel unter seiner Leitung die erste Niederlage hinnehmen musste. Zunächst bedankte er sich bei seinem Team: »Die Männer haben mich überragend unterstützt«, betonte der 35-Jährige und stellte später klar, dass er sich wünsche, »seine Mannschaft« weiter zu trainieren. »Ich habe von meiner Seite aus an den richtigen Stellschrauben drehen können, an denen in der Zeit zu drehen war«, sagte er selbstbewusst. Das Thema um seine Zukunft hätte bisher keinen Platz gehabt. »Jetzt wird es Gespräche geben.«
»Ich empfinde Reutlingen, seit der Kollege Petzschner übernommen hat, als deutlich verbessert«
Lob für seine Arbeit (ein Sieg, ein Unentschieden und eine Niederlage) gab es auch vom spielenden Gäste-Trainer Julian Grupp, der früher selbst beim SSV gespielt hatte. »Ich empfinde Reutlingen, seit der Kollege Petzschner übernommen hat, als deutlich verbessert. Dementsprechend haben sie hier gegen Essingen 3:0 gewonnen, gegen Villingen sehr, sehr unglücklich zum Schluss Punkte liegen lassen.«
Bloß blöd, dass Petzschners Fußballer ausgerechnet in der letzten Begegnung vor den Vertragsgesprächen und der Winterpause gegen Neckarsulm nicht an ihre starken Leistungen der vergangenen zwei Wochen anknüpfen konnten. »Wir hatten wirklich gute Momente und auch einige wirklich schlechte Momente. Mir war da die Diskrepanz definitiv zu groß«, sagte Petzschner, der nach dem Aus von Alexander Strehmel aus der U15 der Nullfünfer aufgerückt war. »Heute war auch ich, was meinen Anspruch angeht, nicht ganz happy. Aber mit der Entwicklung in den letzten drei Wochen bin ich sehr zufrieden.«
»Bis heute standen wir in jedem Spiel gut und hatten immer einen klaren Plan«
Rückendeckung gab es für den Neuling im Männer-Bereich auch von seinen Spielern. »Positiv«, sagte Verteidiger Luca Plattenhardt über den Eindruck vom Kommandogeber. »Bis heute standen wir in jedem Spiel gut und hatten immer einen klaren Plan. Wir haben positiv gedacht und waren wieder geschlossen als Mannschaft. Aber wir entscheiden nicht.« Mittelfeldtalent Maxim Schmalz meinte: »Wenn man auf die letzten drei Wochen zurückblickt, hätten wir fast ein wenig mehr verdient gehabt.«
Die Realität ist nun einmal aber, dass der ehemalige Zweitligist ausgerechnet zur Winterpause auf einem Rang in der roten Zone steht und sich die Frage stellen muss, ob der noch recht unerfahrene Interimstrainer auch das Potenzial zur Dauerlösung hat. Eines jedenfalls war nicht zu übersehen: Dass Petzschner dem Spiel des Clubs innerhalb kurzer Zeit seine Handschrift einimpfte. Auch gegen Neckarsulm presste seine Truppe aggressiv, mit dem Ball gab es deutlich weniger lange und hohe Pässe als unter Vorgänger Strehmel. Dafür spielerische Lösungen durchs Zentrum, die aber nicht immer unriskant waren und ab und an in Ballverlusten endeten.
Spielentscheidend waren die vor 800 Zuschauern im Kreuzeichestadion am Samstag allerdings nicht alleine. Auch Torwart Dominik Hozlinger erwischte einen schlechten Tag. Vor dem 0:1 (48.) lief der 22-Jährige heraus, bekam eine Flanke aber nicht geklärt und irritierte Innenverteidiger Jonas Vogler. Am langen Pfosten stand der Ex-SSVler Cristian Giles frei und nagelte die Kugel rein. Nach dem zwischenzeitlichen 1:1 (59./Handelfmeter) durch Torjäger Willie Sauerborn kam es noch dicker für den Ersatz von Stammkeeper Marcel Binanzer. In Minute 80 fing er einen zentralen Schuss von Fabio Lettieri nicht richtig, der Ball kullerte ihm durch die Beine und über die Linie. Zwar erzielte erneut Sauerborn nach toller Annahme einer Plattenhardt-Flanke aus der Drehung das sehenswerte 2:2 (86.). In der 90. Minute verlor Reutlingen dann allerdings den Ball im Mittelfeld zu leichtfertig. Die Gäste konterten und Lettieri besorgte den Endstand.
»Extrem bitter«, meinte Plattenhardt. »Wir haben es uns definitiv anders vorgestellt.« Er und seine Mitspieler sind nun erst einmal in der Zuschauerrolle und können nichts mehr machen. Die wichtigen Fragen müssen andere klären. (GEA)


