REUTLINGEN. Hansi Müller brachte es auf den Punkt: »Das war ein überragendes Klassentreffen«, sagte der überragende Regisseur beim VfB Stuttgart in den 1970er-Jahren. »Ich habe viele alte Weggefährten getroffen«, fügte der Europameister von 1980 hinzu. Insgesamt 41 Spieler und 2.500 Zuschauer im Kreuzeiche-Stadion hatten großes Vergnügen beim Fußball-Legendenspiel zwischen dem SSV Reutlingen und dem VfB Stuttgart. 2:2 (1:2) endete diese von Benjamin Schirmer, beim SSV in den Bereichen Finanzen und Sponsoring tätig, initiierte Begegnung.
- Coaching: »Wir spielen auf Sieg«, gab Thomas »Kolle« Schwend vor dem Spiel als Devise aus. Schwend, ehemaliger Spieler und Coach der Zweiten beim SSV, fungierte zusammen mit Wilfried Gröbner, früher Trainer und Manager beim Kreuzeiche-Club, als Trainer der Reutlinger Truppe. Auf der Bank saß mit Manfred Prygiel ein weiterer Haudegen. Prygiel war viele Jahre als Betreuer die gute Seele beim SSV. Extrem prominent besetzt war die Bank beim VfB. Karlheinz Förster, der als Abwehrrecke mit Deutschland 1980 Europameister und 1982 sowie 1986 Vize-Weltmeister wurde, gab als Trainer die Kommandos. Försters »Co«: Guido Buchwald. Den in Walddorfhäslach wohnenden Weltmeister von 1990 plagen Knieprobleme. Deswegen war an ein Mitspielen nicht zu denken. »Wir haben für Spiele dieser Art einen Pool von 30 Akteuren. In diesem Jahr ist das unser erster Auftritt«, erklärte Buchwald, der mit großem Interesse das Abschneiden des SSV Reutlingen in der Oberliga verfolgt. »Ein Abstieg wäre extrem bitter«, betonte der 63-Jährige.
- Die Tore: In einer, wenn man den Altersdurchschnitt der Akteure betrachtet, durchaus temporeichen und mit vielen Tricks gespickten Partie brachte Christian Haas (23. Minute) den SSV in Führung. Nachdem Volker Joos den Ball in bravouröser Manier eroberte, setzte Sven Schipplock seinen Sturmkollegen aus der Regionalliga-Saison 2007/08 stark in Szene. Haas drosch den Ball aus 16 Metern mit links rechts oben in den Winkel. »Den habe ich gut mit dem Spann erwischt«, schmunzelte Haas. Nach Vorarbeit von Gerrit Müller erzielte Cacau (34.) das 1:1. Der 43 Jahre alte Cacau, der für Deutschland 23 Länderspiele absolvierte und im Oktober 2016 seine Laufbahn beendete, demonstrierte des Öfteren seine Klasse. Sein Können zeigte auch Gerrit Müller, der in der 40. Minute mit einem Schuss aus 14 Metern in den Winkel den VfB mit 2:1 nach vorne brachte. Linksfuß Gerrit Müller (40), der mit den VfB-A-Junioren deutscher Meister wurde und später unter anderem für Dynamo Dresden, den 1. FC Heidenheim, die Stuttgarter Kickers und den 1. FC Magdeburg auflief, gehörte zu den auffälligsten Akteuren auf dem Feld. Das 2:2 markierte Sven Schipplock (68.) nach feiner Vorarbeit von Steffen Kocholl. Der aus Honau stammende Schipplock (35), der 181 Bundesligaspiele absolvierte und vor einem Jahr beim VfB II seine Karriere beendete, war an zahlreichen guten SSV-Aktionen beteiligt.
- Chancen en masse: »Ich hätte lieber gewonnen«, berichtete Christian Haas vom noch immer großen Ehrgeiz der Altstars. Beide Teams verbuchten viele Chancen, die Torhüter glänzten mit zahlreichen Paraden. Ein abgefälschter Schuss von Nico Frommer landete auf der Latte, ein Knaller des dynamischen Thomas Scheuring klatschte an die Latte und ein Schuss von Bastian Bischoff landete am Außenpfosten. Apropos Bischoff: Der 39 Jahre alte Angreifer, für den SSV mit Unterbrechungen von 2007 bis 2015 am Ball, geht noch immer in der Verbandsliga Südbaden für den FC Auggen auf Torejagd. 15 Treffer hat er in dieser Saison bereits erzielt. Auggen liegt auf Platz zwei, könnte also in die Oberliga Baden-Württemberg aufsteigen und die Klingen nächste Runde mit dem SSV kreuzen.
- Stimmen: »Der Hattrick bei unserem 4:1-Sieg beim SC Freiburg war mein Highlight im SSV-Trikot«, sagt Nico Frommer, der von 2000 bis 2003 für die Nullfünfer in 62 Zweitliga-Begegnungen 31 Tore erzielte. Nach seiner Laufbahn, die er 2013 beim 1. FC Heidenheim beendete, schlug Frommer einen bemerkenswerten Weg ein. Er studierte in Berlin Osteopathie und arbeitet heute in diesem Bereich in der Nähe von Bern. »Mein Wunsch war immer, einmal zu studieren und einen Beruf zu finden, in dem ich einen Sinn sehe«, erzählte der 46-Jährige. »Wir standen nur zwei Mal auf einem Abstiegsplatz, dennoch wurde ich vor wenigen Wochen beim Drittligisten Hallescher FC entlassen«, sagte Sreto Ristic, der einst für den SSV und den VfB stürmte. »Das muss man im Fußball akzeptieren«, geht der in Degerloch wohnende Ristic mit dieser Situation gelassen um. »Das war ein brutal schönes Erlebnis, leider habe ich mir eine Oberschenkel-Verletzung zugezogen«, erzählte der frühere SSV-Mittelfeldlenker Manuel Waidmann, der mit seiner Familie in Mittelstadt wohnt und beim FC Mittelstadt als Bambini-Trainer im Einsatz ist. Rüdiger Rehm (45), der in der Reutlinger Zweitliga-Saison 2002/03 drei Mal des Feldes verwiesen wurde, stand als Trainer acht Jahre bei der SG Großaspach und vier Jahre beim SV Wehen Wiesbaden an der Seitenlinie und leistete bei diesen Stationen exzellente Aufbauarbeit. Mittlerweile wurde er auch schon drei Mal als Coach entlassen - bei Arminia Bielefeld, dem FC Ingolstadt und kürzlich beim SV Waldhof Mannheim. »Die Traditionsclubs haben oft ein Strukturproblem«, hat Rehm erkannt. Thomas Kies (48), früher ein giftiger und pfeilschneller Außenverteidiger, bekleidet mittlerweile bei seinem Heimatverein Spvgg Durlach-Aue den Posten des Jugendvorstands. (GEA)


