REUTLINGEN. Als Recep T. Gürel seine Titel aufzählt, muss er sich ganz schön konzentrieren. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind es unglaublich viele, zum anderen will der junge Reutlinger keinen vergessen. Denn auf seine Erfolge ist der 13-Jährige stolz. Also schnappt sich der Nachwuchsringer eine Tasche, die er mitgebracht hat, und zieht einen Pokal nach dem anderen heraus und führt aus: Türkischer Meister, deutscher Vizemeister, fünfmal württembergischer Meister – und noch einige mehr. Für seine Schätze, die gerade auf dem Redaktionstisch gelandet sind, hat er mit seinem Vater, der ihn zum Gespräch begleitet, zuhause bereits einen extra Schrank angeschafft. Es werden immer mehr Trophäen.
»Meine Freunde legen sich nicht mit mir an«
Sogar Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck ist aufgrund der herausragenden sportlichen Erfolge auf das Talent aufmerksam geworden und lud Gürel zum Gespräch ein. "Er war sehr nett", berichtet der Youngster, der in Deutschland geboren ist. Auf ein Duell wollte es Keck aber in keinem Fall ankommen lassen. Genauso wenig wie seine Klassenkameraden. »Meine Freunde legen sich nicht mit mir an«, scherzt Gürel und lacht. Mittlerweile wissen seine Mitschüler genau, was ihr Kumpel treibt. Das war aber nicht immer so. "Als ich in der sechsten Klasse die türkische Meisterschaft gewonnen habe, wussten die meisten gar nicht, was Ringen ist. Die Mädchen dachten erst, es wäre etwas mit Werfen von Ringen." Der Lehrer klärte sie dann auf.
In der Schule muss sich Gürel dann und wann ganz schön zusammenreißen, um aufmerksam zu bleiben. Das liegt am Pensum, das der ehrgeizige Sportler in seine Leidenschaft steckt. Training gibt es jeden Tag in der Woche, drei bis vier Mal geht es mit dem Auto über eine Stunde zu seinem Verein, dem SV Fellbach. Einmal zusätzlich zum KSV Musberg. Das sieht dann so aus: »Wir fahren um 18 Uhr los und sind dann meistens so um 23.30 Uhr wieder zu Hause. Das ist schon anstrengend, wenn man es jeden Tag macht. Aber es bringt was«, sagt Gürel. Sein Fahrer ist Vater Tayfun, der die Leidenschaft seines Sohnes mit allen Kräften unterstützt. Dass es mitunter fast Mitternacht wird, bis das Talent ins Bett kommt, liegt daran, dass der Kämpfer nach dem regulären Coaching noch Extra-Einheiten einlegt, während die meisten anderen duschen gehen. Ganz normal ist das tägliche Abendbrot während der Heimfahrt im Auto, denn zurück in Reutlingen, muss alles ganz schnell gehen, um am nächsten Tag um sechs Uhr pünktlich aufzustehen.
»Ich musste jeden Tag joggen gehen, seilspringen und habe nur wenig gegessen«
Die professionelle Einstellung Gürels zeigte auch die Vorbereitung auf die deutsche Meisterschaft in diesem Jahr, die er mit Rang zwei beendete. Kurz vor dem Wettkampf wog der Reutlinger 51 Kilogramm und musste binnen weniger Tage auf 48 Kilo runterkommen, um in seiner Klasse antreten zu können. »Ich war jeden Tag joggen, seilspringen und habe nur wenig gegessen.« Bei den Wettkämpfen »gibt es leider keine Toleranz«, was das Gewicht angeht, erklärt sein Vater. Auch während des dreitägigen Turniers war essen nur sporadisch möglich, denn täglich ging es immer wieder auf die Waage.
Über den Silberplatz freuen konnte sich Gürel erst mal auch nicht: »Ich war einen Tag sehr traurig, weil ich gewinnen wollte«, erinnert er sich. Aber immerhin konnte der bekennende Süßigkeiten-Liebhaber danach wieder etwas Ordentliches zu sich nehmen.
»Ich will die deutsche Meisterschaft gewinnen, um mich für die EM zu qualifizieren«
Der Kampfsport begeisterte ihn schon früh. Während eines Besuchs bei der Verwandtschaft in der Türkei, wo Ringen Nationalsport ist, kämpfte Gürel mit den Kindern in einem Dorf draußen vor der Haustür. »Einfach um zu schauen, wer stärker ist. Es hat mir Spaß gemacht.« Und auch, dass es nicht wie beim Boxen darauf ankam, die Gegner zu verletzen, gefiel ihm. Auf dem Rückflug fragte er seinen Vater, ob es auch in Deutschland Mannschaften gebe. Das tat es. So heuerte der Reutlinger zunächst in Holzgerlingen an, zog aber bald nach Fellbach weiter, weil er besser werden wollte.
Sein nächstes Ziel hat er klar im Blick: »Ich will die deutsche Meisterschaft gewinnen, um mich für die EM zu qualifizieren.« Möglich ist das ab dem kommenden Jahr, denn erst ab der U17-Altersklasse können die Athleten das Ticket lösen. »Nächstes Jahr werde ich 14 Jahre und dann schon in der U17 ringen«, erläutert Gürel, der an seinem Sport am meisten »das Gewinnen« liebt. Eine gute Voraussetzung für Erfolg ist das ja schon mal. (GEA)

