REUTLINGEN. Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Seit 1953 prägen Karl und Thomas Floten die Box-Abteilung des SSV Reutlingen. Beide feierten als Athleten im Ring zahlreiche Erfolge. Seit 1970 bekleiden Vater und Sohn Floten mit einjähriger Unterbrechung das Amt des Abteilungsleiters beim SSV. Zuerst hatte Karl das Zepter in der Hand, seit 1995 ist Thomas der Chef. Seit 1968 fungieren zunächst Karl und später Thomas Floten als Box-Trainer beim Sport- und Schwimmverein Reutlingen.
Der mittlerweile 91 Jahre alte Karl Floten, den alle nur »Kalli« nennen, und der 64-jährige Thomas Floten haben beim SSV eine Ära geprägt. Sie haben das Ehrenamt quasi auf eine neue Stufe gestellt. »Der Ring als zweites Wohnzimmer«, hat der GEA im Juli 2020 bei einer Geschichte über das Wirken von Thomas Floten getitelt. Engagiert und kämpferisch: Karl und Thomas Floten haben immer vehement ihre Meinung vertreten, sind keiner Diskussion aus dem Weg gegangen, haben sich mit Leib und Seele dem Boxsport verschrieben und arbeiteten extrem akribisch mit ihren Athleten.
»Wir hoffen auf über 1.000 Zuschauer«
In diesem Jahr feiert die Box-Abteilung ihr 100-jähriges Bestehen. Grund genug für Thomas Floten, mit einem Event eine Duftmarke zu setzen. Am Samstag ist es soweit, wenn im Kreuzeiche-Stadion ein Vergleichskampf zwischen dem SSV Reutlingen und dem BC Zürich steigt. Um 14.30 Uhr geht es los. Nach Grußworten und Ehrungen gibt es einige Vorkämpfe, einen Show-Act und schließlich die ersten Kämpfe. Dann tritt die Schlagersängerin Anita Hofmann auf, ehe im vor der Tribüne aufgebauten Ring die weiteren Kämpfe stattfinden. »Wir hoffen auf über 1.000 Zuschauer«, sagt Thomas Floten.
91 Jahre - und immer noch erstaunlich fit. »Kalli« Floten beweist bei einem Besuch in den Redaktionsräumen des GEA seine enorme Schlagfertigkeit. Ihn zeichnet nach wie vor sein trockener Humor aus. Zudem spricht er über seinen Alltag. »Ich kaufe ein, koche und bin mehrmals in der Woche mit Erwin, einem Hund aus der Nachbarschaft, unterwegs«, erzählt er. Außerdem füllt er täglich Rätselhefte aus. Das Training der SSV-Boxer besucht er seit einigen Jahren nicht mehr. Ganz zurückgezogen aus dem Geschehen hat er sich aber nicht. »Wenn es Kampftage bei Traditionsvereinen wie Fürstenfeldbruck, Peißenberg oder Rottweil gibt, fahre ich manchmal mit. Dort treffe ich dann alte Weggefährten.«
»Damals wäre ich deutscher Meister geworden«
Der in Köln geborene »Kalli« Floten wechselte 1951 von Colonia Köln zum ASV Ebingen. Zwei Jahre später wurde der elegante Rechtsausleger nach einem Glanzauftritt in der Reutlinger Listhalle von Landrat Hans Kern zum SSV gelotst. 1968, mit 35 Jahren, beendete er seine aktive Laufbahn, in der er 351 Kämpfe absolvierte und lediglich 24 Mal verlor.
Vier Mal war »Kalli« Floten württembergischer Meister im Bantamgewicht. Als Jugendlicher war das 1,60 Meter große Energiebündel einmal »Vize« bei deutschen Meisterschaften, später kam er bei nationalen Titelkämpfen zwei Mal auf den dritten Platz. »1955 war mein bestes Jahr«, erinnert sich Floten, der bei der Firma Stoll als Monteur beschäftigt war. In jenem Jahr verlor er nur einen Kampf. Und zwar bei den »Deutschen« im Halbfinale. »Ich habe gegen Albrecht aus Hamburg haushoch geführt und bin dann wegen Innenhandschlags disqualifiziert worden«, ärgert er sich noch heute über den Ringrichter, der ihm den Titel geklaut habe. »Damals wäre ich deutscher Meister geworden.«
»Das dürfte bis heute deutscher Rekord sein«
Thomas Floten kam, bedingt durch das Engagement seines Vaters, früh mit der olympischen Kernsportart in Berührung. "Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr regelmäßig in der Hermann-Kurz-Schule, in der die Trainingseinheiten des SSV stattfinden", blickt er auf die Anfänge zurück. Als Zehnjähriger absolvierte er seinen ersten Kampf. Verlieren war für ihn in den ersten Jahren ein Fremdwort. In seinen ersten 52 Jugendkämpfen blieb er ungeschlagen. "Im 53. Kampf unterlag ich einem Gegner aus Bad Säckingen", erinnert er sich. »Das dürfte bis heute deutscher Rekord sein«, glaubt Thomas Floten. Der Grund: Heutzutage gibt es für Nachwuchs-Boxer wesentlich weniger Gelegenheiten, in den Ring zu steigen.
Von 1974 bis 1977 wurde Thomas Floten vier Mal in Folge württembergischer Jugendmeister. 1977 und 1978 durfte er sich mit dem Titel des internationalen Jugendmeisters von Frankreich, England und Deutschland schmücken. Damals wurde auch die Bild-Zeitung auf den vielversprechenden Nachwuchskämpfer aus Reutlingen aufmerksam. Bild-Reporter besuchten ihn und verfassten eine große Geschichte (»12 Jahre jung - aber er boxt wie ein alter Hase«). Auch eine Fernseh-Serie, in der Sport-Talente aus Baden-Württemberg porträtiert wurden, beschäftigte sich mit dem großen Talent Thomas Floten.
»Die Bundeswehr war der Knackpunkt«
Auch bei den Männer in der Eliteklasse heimste Thomas Floten zwei baden-württembergische Titel ein und kämpfte in der Bundesliga und Oberliga für den BC Singen, RF Leonberg und den BC Esslingen um Punkte. Und weshalb schrieb er nicht auch bei den Männern Geschichte? »Die Bundeswehr war der Knackpunkt«, erklärt der Diplom-Biologe. »Ich wollte zur Sportkompanie nach Warendorf.« Zwei Einsätze in der Jugend-Nationalmannschaft waren jedoch zu wenig, um in diesen elitären Kreis aufgenommen zu werden. »Wegen der Bundeswehr und wegen des Studiums habe ich schließlich einige Zeit aufgehört.«
Als Thomas Floten seine Laufbahn beendete, standen bei ihm 217 Kämpfe zu Buche. 158 gestaltete er siegreich, 17 Vergleiche endeten mit einem Remis und 42 Mal musste er sich geschlagen geben.
»Wir haben ein Talent, das in die deutsche Spitze vorstoßen kann«
In ihrer Trainer-Laufbahn feierten die Flotens zahlreiche Titel. Thomas hat in seinem umfangreichen und mit viel Liebe geführten Archiv geblättert. Für den Trainer »Kalli« Floten stehen 120 erste Plätze bei deutschen, süddeutschen und württembergischen Meisterschaften zu Buche. Der Trainer Thomas Floten heimste 70 Titel ein.
In den Übungseinheiten des SSV, so Thomas Floten, sei die Halle in der Hermann-Kurz-Schule »nach wie vor übervoll«. Seit Beginn seiner Abteilungsleiter-Zeit im Jahr 1995 schwankt die Mitglieder-Zahl beim SSV zwischen 95 und 120. Derzeit haben 20 Personen eine Box-Lizenz für eine Kampfmannschaft. Drei lizenzierte Trainer leiten die Übungseinheiten - neben Thomas Floten sind das Roland Czebeka und Joachim Deissler.
»Die Mentalität der Boxer hat sich gewandelt«
Wie groß das Engagement von Thomas Floten für das Boxen und für den SSV Reutlingen ist, verdeutlicht ein Beispiel: »Manchmal fahre ich mit einem Boxer 300 Kilometer zu einem Wettkampf, der nach zehn Minuten vorbei ist.« Floten macht das nach wie vor gerne, stellt aber fest, dass sich »die Mentalität der Boxer gewandelt hat. Ein Dankeschön gibt es selten«. Die Flinte ins Korn werfen will er allerdings nicht. Immer wieder entdeckt er ein Talent, das seinen Trainer-Ehrgeiz anstachelt. »Wir haben derzeit ein zwölf Jahre altes Talent, das in einigen Jahren in die deutsche Spitze vorstoßen kann«, berichtet Thomas Floten mit leuchtenden Augen. Boxen ist sein Leben, der Ring sein zweites Wohnzimmer. (GEA)

