Logo
Aktuell Interview

SSV-Reutlingen-Präsident: Engagement ist Herzenssache

Holger Sigloch ist seit Ende September Vorstandsvorsitzender des SSV Reutlingen. Wie der neue Chef des Gesamtvereins über die Fußballer und das Ehrenamt denkt.

Holger Sigloch will als neuer Vorstandsvorsitzender des SSV Reutlingen die Wertschätzung der Mitglieder forcieren.
Holger Sigloch will als neuer Vorstandsvorsitzender des SSV Reutlingen die Wertschätzung der Mitglieder forcieren. Foto: Frank Wild
Holger Sigloch will als neuer Vorstandsvorsitzender des SSV Reutlingen die Wertschätzung der Mitglieder forcieren.
Foto: Frank Wild

REUTLINGEN. Holger Sigloch ist seit Ende September Vorstandsvorsitzender des SSV Reutlingen. Der 56-Jährige bezeichnet dieses Amt und die damit verbundenen Aufgaben als »Herzenssache«. Dem neuen Chef des Gesamtvereins ist dabei bewusst, dass das Geschehen bei den SSV-Fußballern alles überstrahlt, obwohl diese ein eigenständiger Verein sind. Der Diplom-Betriebswirt sieht in einigen Abteilungen eine erfreuliche Entwicklung. »Dort, wo sich eine Gruppe von Engagierten zusammenfindet, kann man nach wie vor etwas entfachen«, berichtet Sigloch im Gespräch mit GEA-Sportredakteur Frank Wild.

ZUR PERSON

Holger Sigloch wurde am 20. Februar 1969 in Reutlingen geboren. Mit seinen beiden ehemals beim TSV Betzingen Tischtennis spielenden Schwestern Christiane und Anke ist er in Degerschlacht groß geworden. Der Diplom-Betriebswirt ist glücklich verheiratet mit Tanja Kübler, einer ehemaligen Nationalkader-Synchronschwimmerin. Ihre Söhne Will und Carl spielen Football, Tochter Käthe ist Schwimmerin. Der mittlerweile passionierte Marathonläufer hat früher Tischtennis und Tennis gespielt. (wil)

Was verbindet Sie mit dem SSV?

Holger Sigloch: Ich bin Reutlinger, aufgewachsen in Degerschlacht. Der SSV war für mich immer DER große Verein – Fußball und vor allem auch Tischtennis. Ich war als kleiner Bub bei den Europapokalspielen mit Peter Stellwag. Als wir nach meinen beruflichen Auslandsaufenthalten in Reutlingen zurück waren, haben unsere Jungs Will und Carl bei den Eagles mit Football angefangen und Käthe schwimmt. So bin ich auch Mitglied geworden. Es ist eine Herzenssache.

War es schwierig, die Mitglieder von sich als Kandidat für den Vorstandsvorsitz zu überzeugen?

»Wer sich heutzutage im Ehrenamt engagieren möchte, dem stehen Tür und Tor offen«

Sigloch: Im Gegenteil (schmunzelt). Wer sich heutzutage im Ehrenamt engagieren möchte, dem stehen Tür und Tor offen. Es war klar, dass der bisherige Vorsitzende Oliver Kurz sein Amt niederlegen wird. Als Finanzvorstand war ich automatisch in der engeren Auswahl. Ich sehe mich nicht als Fürst, der an der Spitze des SSV thront, sondern vielmehr als »Primus inter pares«. Die Arbeit im Vorstand mit Martin Nussmann und Tobias Kutschal ist Teamwork.

Stimmt es, dass Sie in Sachen Ehrenamt durch Ihr Elternhaus geprägt sind?

Sigloch: Ja. Meine Eltern haben sich früher viel ehrenamtlich engagiert. Das »Dienen« im Sinne von » sich in die Gesellschaft einbringen« wurden mir und meiner Frau Tanja in die Wiege gelegt. Deshalb wollte ich mich auch beim SSV engagieren, als die Kinder angefangen hatten, dort Sport zu treiben.

» Fast jeder kennt den SSV, daher hat alles, was die Verantwortlichen machen, auch eine Außenwirkung«

Hat der SSV einen Ruf zu verlieren?

Sigloch: Fast jeder kennt den SSV, daher hat alles, was die Verantwortlichen machen, auch eine Außenwirkung. Das gilt für uns und auch für die geschätzten Kollegen beim Fußball.

Also ist der Fußball schon das alles Überstrahlende?

Sigloch: Ja. Doch die sind ein eigenständiger Verein – was den meisten in der Öffentlichkeit gar nicht so bewusst ist. Sprich: Bei allem, was im Fußball passiert, hängen wir als Gesamtverein automatisch mit drin. Umgekehrt bringen die Leute andere Bereiche, die bei uns sehr gut laufen, wie zum Beispiel die Eagles oder die Schwimmer der SSG Reutlingen-Tübingen nicht unbedingt gleich mit dem SSV in Verbindung.

Ist der SSV aufgestellt für die Entwicklung vom Verein zum Dienstleister?

Sigloch: Wir thematisieren das. Uns ist klar, dass sich die Erwartungshaltung der Mitglieder ändern kann. Die Werte des Vereins, Fairness und Respekt, sind unverrückbar, aber die Ziele sind nicht in Stein gemeißelt. Wir wollen die wirtschaftliche Entwicklung abwarten und uns den daraus resultierenden, möglicherweise neuen Gegebenheiten anpassen. Es macht aber zum Beispiel auch zukünftig keinen Sinn, mit kommerziellen Fitnessstudios zu konkurrieren. Das darf nicht unser Anspruch sein. Der Verein muss an seinem Mehrwert beziehungsweise seinen Alleinstellungsmerkmalen festhalten. Man kann sich dort einbringen in die Gemeinschaft und für wenig Geld Sport treiben. Ich sehe den Verein nicht als Ort, an dem man für Geld seine Selbstverwirklichung kriegt. Das soll auch so bleiben. Im Verein man gesellschaftlich am meisten bewirken. Das darf nicht verloren gehen.

»Der Verein ist kein Ort, an dem man für Geld seine Selbstverwirklichung kriegt«

Wie sehen Sie die Bedeutung des Sportvereins im gesellschaftlichen Wandel?

Sigloch: Ich mache mir darüber viele Gedanken. Früher war ich einige Jahre politisch engagiert. Inzwischen sehe ich den Verein und insbesondere den Sportverein als ideale Möglichkeit, um sich einzubringen in die Gesellschaft. Es ist der Ort, an dem zum Beispiel Inklusion und Integration stattfindet, ohne dass man groß darüber spricht. Beim Football gibt es kein Body-shaming, da spielt dick und dünn, alt und jung zusammen. Beim Boxen haben wir 80 Prozent Sportler mit Migrationshintergrund. Vereinsmitglieder lernen Teamgeist, und sie helfen zusammen. All das ist in der Gesellschaft nach meiner Beobachtung zuletzt verloren gegangen. Es muss nicht immer noch mehr Konsum sein.

Deshalb auch die große Bedeutung von Teamarbeit und Kontinuität?

Sigloch: Der Gesellschaft dienen hört sich vielleicht pathetisch oder altmodisch an. Aber wenn es die paar Leute nicht mehr gibt, die sich noch engagieren, dann fliegt uns irgendwann mal alles um die Ohren. Etwas bei WhatsApp oder Facebook posten in einer Bubble, bringt uns nicht weiter.

Ist das Ehrenamt in Gefahr?

Sigloch: Der allgemeine Trend sieht eindeutig danach aus. Früher war es normal, dass jeder ein »Pöstle« hatte. Wenn es darum ging, dass in Degerschlacht die Tennisplätze hergerichtet werden mussten, waren alle da und haben mitgeholfen. Im Vergleich zu vor 30 Jahren denken die Menschen heute mehr an sich. Dieser Megatrend wird sich wohl nicht so einfach umkehren lassen, weil es immer mehr Individualangebote gibt. Das Engagement im Verein ist über die Jahrzehnte zurückgegangen. Bei uns gibt es aber tatsächlich auch zum Teil einen gegenläufigen Effekt zu beobachten.

»Im Vergleich zu vor 30 Jahren denken die Menschen heute mehr an sich«

Wie sieht der aus?

Sigloch: Dort, wo sich eine Gruppe von Engagierten zusammenfindet, kann man nach wie vor etwas entfachen. Die Leute sagen: Oh, das macht mir Spaß. Man kriegt plötzlich auch wieder die kritische Masse von Menschen dazu, mitzuhelfen. Dann wird der Aufwand für alle wieder erträglicher. Das haben wir vor allem beim American Football, wo eine Handvoll engagierter Menschen vor zehn Jahren angefangen haben. Inzwischen sind es 400 Mitglieder und alles wird mit Ehrenamtlichen gestemmt. Auch beim Tischtennis bringt gerade ein engagiertes Team um Kathrin Mundry die Abteilung wieder nach vorne.

Hat der Football dem Fußball mittlerweile den Rang abgelaufen?

Sigloch: Ich sehe es gar nicht als Konkurrenz. Wir schauen aber natürlich auf die Zuschauerzahlen, und da liegt Football vorne. Reutlingen kann gut beides vertragen. Die Footballer haben ambitionierte Ziele, wollen endlich in die 2. Liga aufsteigen. Es würde mich freuen, wenn auch die Fußballer wieder höherklassiger spielen würden.

Welche Themen will der Vorstand denn in nächster Zeit angehen?

Sigloch: Wir wollen unbedingt die Wertschätzung der Mitglieder forcieren. Hans Faßnacht vom Tischtennis zum Beispiel ist 2026 seit 75 Jahren Mitglied. In solchen Fällen möchten wir künftig schon etwas Größeres machen. Es wird auch geschaut, wie man mit anderen Vereinen zusammenarbeiten kann. Ziel ist es, die Administration möglichst klein zu halten, um sich auf den eigentlichen Vereinszweck, nämlich den Sport, konzentrieren zu können. Und wir haben das Thema Schutzkonzept priorisiert, das von Barbara Mayer im Ehrenamt hervorragend vorangetrieben wird.

Inwieweit könnte Vereinen die Arbeitsgemeinschaft Reutlinger Sportvereine (ARS) bei der Zusammenarbeit helfen?

»Es wäre schön, wenn man den ARS wieder beleben könnte«

Sigloch: Ich kenne die ARS, ehrlich gesagt, nur vom Hörensagen. Die Idee, dass sich Vereine zusammentun und der Stadt gegenüber mit einer Stimme auftreten, ist eigentlich bestechend. Allerdings tut sich da leider gerade nicht viel. Es wäre schön, wenn man dieses Bündnis wieder beleben könnte. Vielleicht gelingt das schon, wenn sich zwei, drei Vereine zusammentun, Aufgaben übernehmen und diese dann formal wieder an den ARS übertragen. In der Realität gibt es natürlich immer wieder verschiedene Interessen, die teilweise sogar konkurrierend sind. Trotzdem würde ich es gut finden, wenn man sich im Vorfeld abstimmt.

Welche Wünsche oder Forderungen haben Sie und der SSV an die Stadt?

Sigloch: Wir arbeiten sehr gut und vertrauensvoll mit den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung zusammen. Forderungen zu stellen finde ich schwierig, weil ich weiß, wie die finanzielle Lage aussieht - und die wird vermutlich nicht besser. Deswegen würde ich es als Wunsch formulieren, dass die Stadt dranbleibt und immer wieder auf die Bedeutung des Ehrenamts hinweist. Vielleicht gibt es ja schlaue Instrumente - die müssen gar nichts kosten -, um das Ehrenamt zu würdigen und wieder interessanter zu machen. Auf einer etwas konkreteren Ebene wäre es unser Wunsch, trotz angespannter Haushaltslage Sportstätten nach wie vor in Schuss zu halten. Bei Schwimmbädern gibt es da mittlerweile einen Rückstau. Das trifft die Vereine in Form von eingeschränkten Schwimmbadöffnungszeiten. Ganz konkret hat mir Vorstandskollege Martin Nußmann noch den Wunsch mit auf den Weg gegeben, das Kreuzeiche-Stadion mit einer eigenen Haltestelle direkt an den ÖPNV anzuschließen. Kinder und Jugendliche müssten dann nach dem Sporttreiben nicht mehr in der Dunkelheit vor bis zum Freibadparkplatz laufen. Da könnte man mit relativ wenig Geld relativ viel bewirken.

Ist der SSV auf einem guten Weg?

Sigloch: In der Situation, in der sich unser Land derzeit befindet, liegt eine Chance für die Vereine. Wir als SSV sind gut aufgestellt. Und zwar nicht nur auf oberster Ebene. Ich bin durchaus optimistisch, weil wir starke Abteilungen haben. Letztendlich organisiert der Vorstand das große Ganze und versucht, Synergien zu schaffen. Aber die eigentliche Arbeit passiert in den Abteilungen. Dort haben wir zum Glück motivierte und fähige Leute. Boxen mit Thommy Floten oder die Schwimmer mit neuer Abteilungsleitung machen unverändert tolle Arbeit. Michael Häring ist beim Football Trainer und Herz der Abteilung. Er stellt auch im Bereich Sponsoring unheimlich viel auf die Beine. Die neue Abteilungsleitung beim Tischtennis setzt den Schwerpunkt wieder auf die Jugendarbeit. Auf diesem Niveau passiert auch in der Abteilung Freizeitsport viel, weil es eine Handvoll sehr engagierte Menschen gibt. (GEA)