REUTLINGEN. Der Ort, an dem am Montag der Startschuss für die neue Saison fällt, ist Jana Fritz immer noch in bester Erinnerung. Im schweizerischen Zinal feierte die talentierte Skifahrerin aus Eningen vor fast genau einem Jahr schließlich den größten Erfolg ihrer noch jungen Profi-Karriere. Beim Europacup-Rennen - ebenfalls zum Saisonstart - fuhr die 20-Jährige damals im Riesenslalom sensationell auf den zweiten Platz und holte damit die erste Podiumsplatzierung in der zweiten Liga des alpinen Skisports. Die Belohnung folgte prompt.
Nur drei Wochen später gab sie für den deutschen Skiverband (DSV) das Debüt im Weltcup. In Semmering/Österreich belegte Fritz kurz vor dem Jahreswechsel einen respektablen 38. Platz. Bis zum Saisonende folgten zwei weitere Weltcup-Einsätze in Kranjska Gora/Slowenien und in Italien am Kronplatz. Dort schied sie beide Male im ersten Durchgang in Riesenslaloms aus. Jetzt geht's wieder von vorne los. Die in Oberstdorf lebende und für die TSG Reutlingen startende Athletin muss sich die Einsätze im Weltcup erst wieder durch gute Leistungen im Europacup verdienen.
Dafür hat sie in den letzten Monaten hart geschuftet. »Unser Sommer ist sehr schnell vorbei«, sagt Fritz im GEA-Gespräch und schmunzelt. Nach einem dreiwöchigen Philippinen-Entspannungstrip stand die Riesenslalom-Spezialistin bereits im Juli wieder auf ihren Nordica-Skiern in den Bergen. Erst in Hintertux, dann auf der Zugspitze - allerdings noch in einem entspannten Rahmen mit »vielen Freifarten«, wie sie es nennt. Richtig los ging's kurze Zeit später im Schweizer Wintersport-Ort Saas-Fee, der aufgrund seiner Panoroma-Lage (zwei Viertausender in unmittelbarer Nähe) als die Perle der Alpen bezeichnet wird. Im einwöchigen Lehrgang unweit der italienischen Grenze wurde auch erstmals mit Rennstangen trainiert.
Mitte August flogen Fritz und das deutsche Frauen-Team dann um den halben Globus. In Argentinien holten sich die 20-Jährige und ihre Teamkolleginnen im DSV-Haupttrainingscamp den Feinschliff für die neue Rennsaison. Einen Monat lang wurde auf der Südhalbkugel in einem Vier-Tages-Rhythmus intensiv trainiert. Bedeutet: Vier Tage Training, ein Tag Pause. »Am Ende sind wir noch Rennen im South-America-Cup gefahren. Dort haben wir nach der längeren Pause wieder Rennpraxis gesammelt«, berichtet Fritz.
Mit dabei in Südamerika war auch Emma Aicher. Die gebürtige Schwedin hatte bei den Weltmeisterschaften im Februar in Saalbach-Hinterglemm mächtig aufgetrumpft und im weiteren Saisonverlauf sogar ihre ersten beiden Weltcupsiege eingefahren. Die Allrounderin ist im Rekordtempo vom verheißungsvollen Talent zum Aushängeschild und neuen Star im deutschen Team aufgestiegen. »Sie ist ein Vorbild für uns alle«, sagt Fritz.
Die Ziele von Jana Fritz für die neue Saison
Ob sie darüber nachdenkt, wie es wäre, wenn auch sie plötzlich eine solch atemberaubende Entwicklung wie Emma Aicher nehmen würde? »Klar denkt man da dran«, gibt die Eningerin ehrlich zu. Schließlich könne man sich sehr schnell verbessern, weil es auf diesem Niveau nur noch auf Kleinigkeiten ankommen würde. »Und wenn man es rausbekommt, wie und was genau man machen muss, dann kannst du plötzlich richtig, richtig gut werden und schnell ganz nach oben kommen«, betont das deutsche Talent weiter. Sie - wie soll es in diesem jungen Alter anders sein - ist aktuell noch fleißig am Tüfteln, um auf die Überholspur zu gelangen.
Was hat sich die Technik-Spezialistin, die im Europacup bislang fast nur im Riesentorlauf starten durfte, für die neue Saison vorgenommen? Im Europacup möchte Fritz unter die Top 10 in der Riesenslalom-Gesamtwertung fahren (2024: 22.). »Dann gibt es bei mir auch noch die Junioren-WM, bei der ich als älterer Jahrgang zum letzten Mal mitfahren darf.« Diese geht im März 2026 nördlich des Polarkreises im norwegischen Narvik über die Bühne. Ihr großes Ziel bleiben aber erneute Renneinsätze im Weltcup. Eigentlich ist es ganz einfach: Zeigt die 20-Jährige erneut gute Leistungen in der zweiten Liga, stehen die Chancen hoch, dass sie sich bald schon wieder auf der allerhöchsten Bühne im deutschen Trikot zeigen darf.
Das Risiko fährt immer mit, Rückschläge lassen sich nicht vermeiden
Dafür wird sie allerdings auch wieder mit Rückschlägen umgehen müssen. Das lässt sich im Ski-Zirkus nicht vermeiden. Egal, ob man auf den Namen Marco Odermatt oder Mikael Shiffrin getauft ist: Einmal die Ideallinie verlassen, unglücklich den Außen- oder Innenski verkantet und schon kann's das gewesen sein. Das Risiko fährt immer mit. Es ist eine schmale Gratwanderung für die Profis. Erst recht für eine solch junge Fahrerin wie Fritz, die sich vor wenigen Monaten im GEA-Interview mit folgenden Worten beschrieb: »Ich fahre eher mehr Risiko als andere. Im Steilen ziehe ich nicht zurück.«
Für Rückschläge scheint Fritz allerdings gut gewappnet. Sie ist extrem ehrgeizig, wirkt aber nicht verbissen. »Ich bin ein lustiger Mensch«, sagte die Wahl-Allgäuerin über sich. Wenn sie mal schlecht fahre, könne sie das oftmals auch mit Humor nehmen. Das kann helfen in diesem knallharten Zehntel-Sekunden-Geschäft. Muss es derzeit allerdings offenbar nicht. Bei zwei Fis-Rennen in Pfelders am Donnerstag und Freitag fuhr die Eningerin zweimal als Schnellste den Riesenslalom-Hang in Südtirol hinunter. Auch wenn diese Rennen auf der untersten Ebene nicht richtig stark besetzt sind, wie die Eningerin selbst sagt, zeigt es ganz klar: Jana Fritz ist gut in Form. Und nach dem Weltcup-Reinschnuppern in der Vorsaison bereit für mehr. (GEA)


