Logo
Aktuell Fussball

Löw als Bundestrainer noch tragbar? Trainer aus der Region äußern sich kritisch

Erlebte schon bessere Zeiten: Bundestrainer Joachim Löw. FOTO: GAMBARINI/DPA
Erlebte schon bessere Zeiten: Bundestrainer Joachim Löw. FOTO: GAMBARINI/DPA
Erlebte schon bessere Zeiten: Bundestrainer Joachim Löw. FOTO: GAMBARINI/DPA

REUTLINGEN. »Ich denke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, dass ein anderer das Ruder übernimmt.« So klar wie Sven Bahnmüller äußerten sich nur wenige bei der Blitz-Umfrage des GEA unter Fußballtrainern aus der Region. Die Fragestellung: Ist Joachim Löw als Bundestrainer noch tragbar? Der Coach des TSV Genkingen untermauerte seine Meinung mit den Eindrücken aus dem 0:6-Debakel gegen Spanien, bei dem er den langjährigen Kommandogeber der Nationalmannschaft am Dienstagabend »teilnahmslos, ratlos und ideenlos« erlebt hätte.

Weil er die höchste Pleite einer deutschen Auswahl seit dem 0:6 gegen Österreich im Jahre 1931 nicht live verfolgt hatte, wollte sich Maik Schütt nicht so dezidiert äußern. Die Entscheidung, mit jungen Spielern zu arbeiten, um eine Mannschaft zu entwickeln, die an frühere Erfolge anknüpfen kann, müsse man akzeptieren. Der Cheftrainer des SSV Reutlingen forderte aber »dass die besten deutschen Spieler in der Nationalmannschaft auflaufen sollen« und hätte es in diesem Zusammenhang gern gesehen, wenn Spieler wie Mats Hummels und Thomas Müller, »die immer noch Leistung bringen in der Bundesliga«, trotz Umbruch Teil der Mannschaft geblieben wären.

Umfrage

Heiko Lichtenberger ist der Meinung, dass Löw die Mannschaft nicht mehr erreicht. Dieses Gefühl wollte der Coach des SV Degerschlacht auch nicht nur an diesem einen desaströsen Spiel festmachen, sondern »eher an der Entwicklung in der vergangenen Zeit. Während der WM war das ja auch schon Thema«. Lichtenberger stellte – bei allen Verdiensten für die Nationalmannschaft – in den Raum, dass Löw »vielleicht den richtigen Zeitpunkt zum Absprung verpasst« hätte.

Für Markus Leuthe ist Löw »eher nicht mehr« als Bundestrainer tragbar. Eigentlich schon länger, aber spätestens nach dem jüngsten Auftritt gegen die Iberer »ist der Zeitpunkt erreicht, dass ein neuer Mann ans Ruder gehört«. Nach der enttäuschenden WM 2018 und zwölf Jahren mit Löw als Nationalcoach war aus Sicht des Nehrener Landesliga-Trainers der Zeitpunkt für einen Wechsel erreicht.

Zizino Teixeira-Rebelo sprach dem Weltmeister-Coach von 2016 das Vertrauen aus. »Er hat viel für den deutschen Fußball geleistet, und der Verband soll gefällig die EM mit ihm durchziehen«, sagte der Coach des Bezirksliga-Zweitplatzierten TuS Metzingen. Der Portugiese will das 0:6-Desaster nicht dramatisieren, ist aber auch der Meinung: »Irgendetwas fehlt schon. Es muss sich etwas ändern.« Löw war im zuletzt an der Seitenlinie »etwas zu ruhig«. Wenn Löw nicht mehr der Richtige sein sollte als Trainer, »dann müssen aber alle weg«, meinte Teixeira-Rebelo und schloss dabei nicht nur den gesamten Trainerstab, sondern auch Oliver Bierhoff als Direktor der Nationalmannschaft.

»Ich würde Löw jetzt nach dem Spiel gestern nicht entlassen«, meinte auch Michael Frick. Für den Coach des Verbandsligisten TSG Tübingen stellt sich aber die Frage, »ob er selber noch will«. Er meint, am Dienstag nach dem Spiel bei Interviews herausgehört zu haben, »dass er angegriffen wirkt und sich selbst hinterfragt«. Frick ist der Ansicht, »dass man im nächsten Jahr schon wieder einen anderen Schwung braucht«. Wenn man Löw also doch entlassen möchte, »wäre es sinnvoll, das jetzt zu tun«.

Für Daniel Güney liegt die Schmach von Sevilla an vielen Faktoren und »nicht ausschließlich am Trainer«. Dennoch müssten sich der DFB und Löw nun hinterfragen, welches Konzept man einschlagen möchte. Der neue Coach des Verbandsligisten VfL Pfullingen hatte »keinen Plan« ausgemacht. »Ich erwarte schon, dass Löw erkennt, was Spanien spielt, und stelle zur Not in der Halbzeit komplett um.« Güney forderte nun nicht den sofortigen Rücktritt, man müsse aber in die klare Analyse gehen »und sagen, was der Plan ist«. Und wenn man merken sollte, dass es nicht passt, müsse man »einen Schlussstrich ziehen«.

Ercan Acar stellte fest: »Ein Tapetenwechsel wäre jetzt mal ganz gut für die jungen Spieler.« Löw sei mit seinen 60 Jahren zu alt, um an die hoffnungsvollen deutschen Nachwuchstalente heranzukommen. Nicht erst seit der Klatsche gegen Spanien sei klar, dass es eine Veränderung im deutschen Nationalteam geben müsse, meinte der Spielertrainer des Anadolu SV Reutlingen. Der Türke fragte sich etwas ketzerisch, wie Löw zuletzt »die Mannschaft zusammengewürfelt hat«.

Giuseppe Farinella behauptete, dass Deutschland »genug qualitativ hochwertige Spieler in seinen Reihen hat, um so ein Desaster zu vermeiden«. Deshalb mutmaßte der Young-Boys-Coach: »Irgendjemand stellt den Kader falsch zusammen.« Wenn man sehe, dass Spieler wie Müller und Jerome Boateng mit den Bayern alle Titel holen und nicht mehr im DFB-Kader sind, müsse man sich fragen, ob Löw noch der Richtige ist. (GEA)