REUTLINGEN. »Das war eine rundum gelungene Veranstaltung«, lautete das Fazit von Abteilungsleiter und Macher Thomas Floten. Der SSV Reutlingen feierte sein 100-jähriges Bestehen der Box-Abteilung im Kreuzeiche-Stadion mit einem Vergleichskampf gegen den BC Zürich. Das Team aus der Schweiz behielt dabei mit 18:6 Punkten die Oberhand.
- Das sportliche Fazit: »Ich bin schon etwas traurig, dass im Vergleichskampf nur ein Reutlinger Boxer gewonnen hat«, gibt Floten zu. Alle seine Kämpfer hätten jedoch »alles gegeben«. Das Team des BC Zürich, in dessen Reihen auch einige schweizer Meister standen, habe »zurecht gewonnen«, so Floten. Bei einigen seiner Schützlinge habe »die Tagesform nicht gestimmt«. Zudem kam vor heimischer Kulisse die Aufregung hinzu. Von den elf Duellen im Vergleichskampf gingen acht an die Züricher. Drei Mal siegte der Boxer im SSV-Trikot. Zwei der Siege wurden jedoch von einem für den SSV in den Ring steigenden Athleten des BSV Freiburg eingefahren - Sohrab Abdul und Yann Höhler gewannen nach Punkten. Den dritten Sieg für den SSV steuerte der Reutlinger Kadir Atik bei, der sich bei den Junioren (Gewichtsklasse 63 bis 66 kg) gegen Alen Bajramowski mit 3:0 Richterstimmen durchsetzte.
- Die Gastkämpfer: Für den SSV stiegen Boxer des BSV Freiburg und des ASVG Freiburg in den Ring. Floten war dennoch stolz, viele eigene Athleten aufbieten zu können. »Das hat im letzten halben Jahr in Baden-Württemberg kein Verein geschafft, so viele eigene Leute in den Ring zu kriegen.«
- Die besten Kämpfe: Als bester Kampf des Tages wurde von einer Jury das Duell in der Gewichtsklasse 65 bis 70 kg zwischen dem SSVler Fawad Hamidi und Timm Kellenberger ausgezeichnet. Der Züricher behielt dabei nach drei Runden zu je drei Minuten mit 3:0 Richterstimmen die Oberhand. Den technisch besten Kampf lieferten sich in der Gewichtsklasse 60 bis 65 kg Ali Movahed vom SSV Reutlingen und Roni Yentar. In diesem Duell gab es eine 2:1-Entscheidung für den Züricher. Viele Zuschauer sahen in diesem Kampf den Reutlinger vorne, doch die SSV-Trainer Floten und Roland Czebeka waren der Meinung, dass das Urteil in Ordnung ging. Der relativ kleine Movahed (Floten: »Er hat seinen Boxstil umgestellt«) setzte zwar einige spektakuläre Treffer, doch Yentar landete regelmäßiger Treffer.
- Reutlinger Probleme: Bis auf Fawad Hamidi und Ali Movahed zog es sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung - die Reutlinger Boxer hatten Konditionsprobleme. Zumeist legten sie spektakulär los, ehe sie in der zweiten und dritten Runde kräftemäßig extrem nachließen. Floten kann sich darauf keinen Reim machen: »Wir trainieren drei oder vier Mal pro Woche.« In eine Übungseinheit fließen eineinhalb Stunden Wettkampf-Sparring ein. Floten: »Je nachdem, wie viele Boxer da sind, entspricht dieses Sparring 10 bis 15 Kämpfen. Die Grund-Kondition müsste eigentlich vorhanden sein.«
- Ehrung: Eingerahmt wurde die Jubiläums-Veranstaltung von einer hohen Ehrung. Karl »Kalli« Floten wurde von Verbands-Präsident Klaus Kaibach mit der Goldenen Verdienstnadel des Box-Verbands Baden-Württemberg ausgezeichnet. Er habe als junger Bursche den eleganten Techniker und deutschen Spitzenboxer »Kalli« Floten bewundert, erzählte Kaibach. »Kalli« Floten ist die erste Person überhaupt, die vom baden-württembergischen Verband die Goldene Verdienstnadel überreicht bekam. Der 91 Jahre alte Floten, der von der ersten bis zur letzten Minute der Veranstaltung beiwohnte, war nach seiner sportlichen Karriere viele Jahrzehnte als Trainer und Abteilungsleiter beim SSV tätig.
- Box-Fan: Ebenfalls von der ersten bis zur letzten Minute der über sechsstündigen Veranstaltung war Horst Walter im Kreuzeiche-Stadion. »Ich habe die großen Kämpfe in den 1950er- und 1960er-Jahren alle miterlebt«, erzählte der in Eningen wohnende Metzgermeister. Er habe damals sogar seine Frau vom Boxsport begeistern können.
- Grußworte: Zu Beginn des Events richteten Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck und der Sportkreisvorsitzende Manuel Hailfinger Grußworte an die Zuschauer. Beide überreichten Thomas Floten eine Geldspende.
- Geburtstagskind: Mert Korkmaz vom SSV musste sich an seinem 27. Geburtstag vorzeitig geschlagen geben. In der Gewichtsklasse über 90 kg durfte sich der Züricher Elias Spühler einen Abbruchsieg in der zweiten Runde auf seine Fahne heften.
- Zuschauer: »Wir haben 536 Tickets verkauft«, berichtete Thomas Floten. »Ich habe doppelt so viele Zuschauer erwartet«, gab er zu, dass ihn die Resonanz enttäuscht habe. Pfingstferien, andere Veranstaltungen, ein fast zu gutes Wetter - es gibt einige Gründe, weshalb der SSV bei diesem Fest die Tausender-Marke klar verfehlte. Ein Grund könnte auch sein, dass dem Reutlinger Boxen derzeit ein Aushängeschild fehlt, das Fans anzieht.
- Die Finanzen: »Wir dürften ganz knapp eine rote Zahl schreiben«, rechnete Thomas Floten hoch. »Für uns ging es aber nicht um Geld, sondern um eine Veranstaltung, die in unseren Annalen einen würdevollen Platz einnimmt.«
- Viele Ehemalige: »Es hat mich extrem gefreut, dass viele ehemalige Boxer im Stadion waren«, sagte Floten. »Viele sind wegen meines Vaters Kalli gekommen.« Auf der Tribüne saßen auch der ehemalige Profi-Boxer Björn Blaschke, der sich als Jugendlicher das SSV-Trikot überstreifte, und sein Vater Sigi Blaschke.
- Rahmenprogramm: Für Abwechslung in den Ringpausen sorgten Schlagersängerin Anita Hofmann sowie die Tänzerinnen des TSV Sondelfingen. Als Moderatorin des Vergleichskampfs fungierte Evelyn Wagner, die ihre Aufgabe in routinierter und gekonnter Manier löste. (GEA)

