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Aktuell Läufermeeting

Alina Reh gegen die Männer zum Rekord

Leichtathleten sind Freiluftsportler und deshalb grundsätzlich hart im Nehmen. So zeigten bei der 29. Internationalen Auflage des Pliezhäuser Laufmeetings rund 600 Athleten aus 16 Nationen trotz herber Witterungsbedingungen bei eisig-böigen Winden und nur rund 12 Grad packende Rennen und tolle Leistungen. Dabei fielen zwei Meetingrekorde: über 100 Meter der Paralympics-Frauen mit Lindy Ave aus Greifswald und über 3000 Meter der Frauen

Krönte sich über 3 000 Meter zur Königin im Schönbuchstadion: Alina Reh (links) im Männer-Rennen hinter ihrem Tempomacher Simon
Krönte sich über 3 000 Meter zur Königin im Schönbuchstadion: Alina Reh (links) im Männer-Rennen hinter ihrem Tempomacher Simon Stützel (Dritter von links). FOTO: PACHER
Krönte sich über 3 000 Meter zur Königin im Schönbuchstadion: Alina Reh (links) im Männer-Rennen hinter ihrem Tempomacher Simon Stützel (Dritter von links). FOTO: PACHER

PLIEZHAUSEN. Die einzige dunkelgraue Wolke, die sich tatsächlich am Sonntagnachmittag ausgerechnet über dem Schönbuchstadion in Pliezhausen mit kleinen, harten Hagelkörnern ergoss, erwischte Deutschlands beste 800-Meter-Läuferin. Christina Hering aus München, die seit zig Jahren immer ihren Saisonauftakt beim Meeting der krummen Strecken in Pliezhausen feiert und sich hier über die Unterdistanz 600 Meter und dann noch über die 300 Meter auspowert, nahm es gelassen, obgleich es für sie nicht so gut wie erhofft lief.

Doch nicht nur sie bewies ihre Qualität als Vorzeigesportlerin, denn wie erhofft lief es für die erst 21 Jahre alte Alina Reh aus Laichingen richtig gut. Im B-Rennen der Männer kam sie vor rund 1 500 Zuschauern über 3 000 Meter in der fantastischen Meetingrekordzeit und persönlichen Bestzeit von 8:48,05 Minuten ins Ziel. Überhaupt ließen all jene Athleten aufhorchen, die sich in der extrem langen Saison heuer sowohl bei der U 20- oder U 23-EM, bei der Universiade oder bei der WM Anfang Oktober in Doha etwas ausrechnen.

So zog auch Meeting-Direktor Thoma Jeggle »sportlich wie organisatorisch ein positives Fazit«. Er hatte mit seinem Helfer-Team fast nur glückliche Athleten gesehen und nach dem Marathon-Programm mit 80 Rennen für große und kleine Läufer nur positive Rückmeldungen erhalten.

3 000 Meter. Das mit Spannung erwartete 3 000-Meter-Rennen mit Deutschlands Ausnahme-Langstreckenläuferin Alina Reh hatte es in sich. Im Männer-Feld und im Windschatten ihres Tempomachers, dem Marathon-Läufer Simon Stützel aus Karlsruhe, rannte die junge Frau von der Alb zur Rekordmarke. Damit toppte sie die 8:55,66 Minuten aus dem Jahr 2016 von Deutschlands zweitem Fräulein-Laufwunder Konstanze Klosterhalfen. Dabei war es für Alina Reh nicht einfach, sich durch die Männer zu tanken.

»Das war super schwer, denn die Jungs waren ziemlich grob unterwegs und haben uns immer wieder blockiert«, sagte Stützel anschließend. Der 32-Jährige hatte von sich aus angeboten, unentgeltlich für Alina Reh Tempo zu machen, da auch er sich dem Meeting mit dem einzigartigen Motto »Von Athleten für Athleten« verbunden fühlt. »Er hat mir perfekt das gewünschte Tempo gemacht«, sagte Alina Reh nach ihrem Super-Saisoneinstand. »Ich habe die letzten sieben Wochen nur alleine trainiert, und das war hier wichtig für mich. Ich danke Pliezhausen, dass ich die Chance für so ein tolles Rennen bekommen habe.«

Trotzdem wunderte sie sich: »Ich dachte, die Männer nehmen etwas Rücksicht auf mich, aber da ging es genau so zickig zu wie bei den Frauen. Aber es hat mir dennoch Spaß gemacht.« Das Rennen war für sie die Generalprobe für den Angriff auf die WM-Norm von 15:22 Minuten über die 5 000 Meter am Wochenende in Karlsruhe. Bei den Männern überraschte als Sieger in persönlicher Bestzeit der Düsseldorfer Maximilian Thorwirth (8:02,28). Dazu schaffte die U 20-EM-Norm Elias Schreml aus Dortmund als Elfter mit 8:18,77 Minuten.

300 Meter Hürden. Über die krumme Strecke für die Langhürdler gab’s bei den Männern wie bei den Frauen fast so etwas wie eine hochkarätige deutsche Meisterschaft. Zwar musste wegen einer Magen-Darm-Grippe der deutsche Meister Luke Campbell kurzfristig passen, doch sein Frankfurter Vereinskollege Georg Fleischauer (36,7) bewies seine nicht versiegenden Altmeister-Qualitäten. Der Sindelfinger DM-Zweite Constatin Preis und der DM-Dritte Joshua Abuaku (Frankfurt) folgten zeitgleich mit 36,9 Sekunden auf Platz zwei. Bei den Frauen siegte Djamila Böhm (24) von der ART Düsseldorf (40,8 Sekunden). Die deutsche Meisterin experimentierte in den beiden Rennen in Pliezhausen über die acht Hürden mit 14 und 15 Schritten zwischen den Hindernissen und hofft sich nun bald für die WM zu qualifizieren.

»So etwas wie hier, den Start und gegen starke Konkurrenz zu laufen, das kann man im Training nicht simulieren«, zeigte sie sich zufrieden. Gleiches sagte Lokalmatadorin Jackie Baumann aus Tübingen, die vor zwei Jahren ihr letztes 400-Meter-Hürdenrennen gemacht hat und über die Unterdistanz im B-Lauf in 41,7 Sekunden siegte. Damit war sie in der Zeitrangfolge Drittschnellste. »Ich bin total happy. Mir fehlt hinten raus noch etwas Substanz, doch ich habe wieder Spaß, und erstmals seit zwei Jahren keine Schmerzen mehr.«

Leidenschaftlich und schnell (von links): Jackie Baumann, Christina Hering und Agnes Thurid Gers, Elena Burkard und Chiara Scher
Leidenschaftlich und schnell (von links): Jackie Baumann, Christina Hering und Agnes Thurid Gers, Elena Burkard und Chiara Scherrer.
Leidenschaftlich und schnell (von links): Jackie Baumann, Christina Hering und Agnes Thurid Gers, Elena Burkard und Chiara Scherrer.

600 Meter. Die Münchnerin Christina Hering war mit sich als Zweite in 1:28,98 Minuten hinter der Schweizerin Lore Hoffmann (1:28,65 Minuten) über 600 Meter indes nicht zufrieden. Auch die beste deutsche 800-Meter-Läuferin ist seit zig Jahren immer in Pliezhausen. »Das Meeting hier gefällt mir deshalb so gut, weil ich dafür nicht so weit reisen muss, meine Familie und Freunde dabei sind und ich mit viel Spaß meine Leistungen testen kann«, sagte die 24-Jährige, die sowohl zur Universiade im Juli will wie zur WM im Oktober. Doch ein Außenbandriss im rechten Fuß hatte sie in der Hallensaison zurückgeworfen. »Ich bin zwar bereit für Wettkämpfe, aber mir fehlt im Fuß noch die hundertprozentige Spritzigkeit«, sagte Christina Hering, die sich noch einem Härtetest über 300 Meter unterzog.

Emsige deutsche Nachwuchssprinterinnen.
Emsige deutsche Nachwuchssprinterinnen.
Emsige deutsche Nachwuchssprinterinnen.

2 000 m Hindernis. In dem packenden Rennen machte die zweitbeste deutsche Hindernisläuferin Elena Burkard von der LG farbtex Nordschwarzwald das Tempo, wurde am Ende aber von der Schweizer Meisterin Chiara Scherrer (6:24,95 Minuten) besiegt. So kam sie in 6:26,72 Minuten vor der deutschen U 23-Meisterin und dem von Ex-Geher und Langstrecken-Bundestrainer André Höhne betreuten Riesentalent Agnes Thurid Gers vom SCC Berlin ins Ziel (6:32,61). »Das war ein hartes Rennen und ja mein siebtes Rennen überhaupt erst über die Hindernisse. Mir fehlt immer noch die Technik, aber kämpfen kann ich«, sagte die in Tübingen lebende Elena Burkard anschließend.

Erschöpfte Hürdenläuferin Djamila Böhm.
Erschöpfte Hürdenläuferin Djamila Böhm.
Erschöpfte Hürdenläuferin Djamila Böhm.

4 x 100 Meter. Die vom Gomaringer Bundestrainer Alex Seeger und vom Dortmunder Thomas Kremer betreuten deutschen Nachwuchssprinterinnen sind mit beiden Staffeln in 45,31 und 45,69 Sekunden jeweils unter der Norm für die U 20-EM geblieben, doch dabei sind ihnen trotzdem noch große Wechselfehler unterlaufen. »Wir haben zurzeit sehr starke Mädels in Deutschland, aber wir müssen auch noch viel arbeiten«, sagte Seeger. Er selbst wurde dafür ausgezeichnet, dass er seit 20 Jahren treu mit den Sprinterinnen nach Pliezhausen kommt. (GEA)