PLIEZHAUSEN. Rosina Schneider ist selbstbewusst, schlagfertig und vor allem schnell! So schnell, dass für den gerade mal 19-jährigen Shooting-Star der deutschen Leichtathletik-Szene nun sogar eine Teilnahme bei der Europameisterschaft in Rom und den Olympischen Spielen in Paris in Reichweite rückt. Wie schon im Vorjahr soll ihr Start beim Internationalen thallos Läufermeeting in Pliezhausen am Sonntag die Generalprobe vor dem Abflug in neue Sphären sein. Was nach ihrem letzten Auftritt im Schönbuchstadion folgte, war unglaublich. Dieses Jahr könnten die Weichen für die Hürdensprinterin vom TV Sulz auf Weltkarriere gestellt werden. Vor zwei Jahren war das undenkbar.
Schneider kam damals gerade aus einer schweren Verletzung zurück. Während der Corona-Pandemie zog sich die damals 16-Jährige einen elf Zentimeter langen Muskelbündelriss im Oberschenkel zu. Eineinhalb Jahre war an Wettkämpfe nicht zu denken. Was sie an Erfolgen vorzuweisen hatte? Vorlauf-Teilnahmen bei deutschen Jugendmeisterschaften. Das war's. Eine Bestzeit über 100 Meter Hürden von 14,69 Sekunden stand zu Buche. Nur ein Jahr nach der Zwangspause aber gab es Doppel-Gold bei den U20-Europameisterschaften in Jerusalem im 100-Meter-Hürden-Rennen und der 4x100-Meter-Staffel. Es folgte der DM-Titel in der Halle Anfang des Jahres über 60 Meter Hürden.
Die Großen ärgern
Keck kommentierte der Shooting-Star aus der kleinen Gemeinde Wiesenstetten bei Empfingen: »Ich wollte eigentlich nur die Großen etwas ärgern, doch jetzt bin ich die beste deutsche Hürdenläuferin.« Und tritt am Sonntag auf den krummen Strecken gegen Olympiasiegerin Malaika Mihambo an. Was sie auf den 80, 150 und 300 Metern so vorhat? »Vielleicht kann ich die große Konkurrenz wieder ein bisschen ärgern«, sagt sie und grinst verschmitzt.
Ihren Lauf will sie fortsetzen. Am besten bei den Europameisterschaften in Rom (7. bis 12. Juni) und Olympia in Paris (1. bis 20. August). Einfach wird das Unterfangen, dort an den Start zu gehen und ihren kometenhaften Aufstieg perfekt zu machen, nicht - aber die 19-Jährige wäre nicht dort, wo sie nun steht, wenn sie direkt abwinken würde. »Ich schließe Rom nicht aus«, meint sie. »Aber ich gehe ganz locker an die Sache ran.« Ganz locker müsste das Ass eine Zeit von 12,98 Sekunden über 100 Meter Hürden laufen, um die direkte Quali-Norm zu schaffen. Bei 13,06 steht ihre Bestleistung. Für Paris bräuchte es eine Zeit von 12,77 Sekunden. »Das ist noch weit entfernt«, meint Schneider. Doch unmöglich scheint nichts. Schließlich verbesserte sie ihre Top-Zeit innerhalb der letzten zwei Jahre um satte 1,5 Sekunden. »Das ging alles ganz schön schnell und ich hätte nie damit gerechnet.«
Aufstieg ist harte Arbeit
Ihren raketenhaften Aufstieg an die nationale Spitze erklärt sie mit ihrem Wechsel auf das Sport-Internat und ihrem Training am Olympiastützpunkt in Stuttgart im Jahr 2021. »Dort sind sportwissenschaftlich gesehen optimale Bedingungen. Das ist der Grund, warum ich so große Schritte gemacht habe.« Neben dem Training wurde viel an technischen Feinheiten gefeilt, analysiert und dann noch mehr trainiert. »Man darf nicht vergessen, dass in dem Erfolg sehr viel Arbeit steckt«, erzählt Schneider. Konkret bedeutet das: Zwei bis drei Einheiten pro Tag.
Und die Senkrechtstarterin zieht voll durch. Will nichts dem Zufall überlassen. Nachdem sie im letzten Jahr Abitur und Führerschein hinter sich brachte, setzt sie jetzt alles auf die Karte Leichtathletik. Möglich ist ihr das durch Sponsoren. »Davon kann ich gut leben.« Klar ist Schneider aber, dass die Leichtathletik »jetzt nicht der Sport ist, bei dem man viel Geld verdienen kann.« Deshalb möchte sie in Zukunft ein Studium nebenbei absolvieren. Was genau, weiß sie noch nicht. Nur so viel: Es soll etwas Kreatives sein und mit Sport zu tun haben. Vielleicht auch vor der Kamera. Medientermine und Interviews jedenfalls scheinen sie wenig zu beeindrucken. Ganz locker und ohne Hemmungen plaudert sie auf der Pressekonferenz vor dem Meeting in Pliezhausen drauf los, lächelt dabei und hat sichtlich Spaß. Sicher auch, weil es jetzt richtig los geht und die Saison mit zwei möglichen Höhepunkten vor der Tür steht.
Pliezhausen wieder als Sprungbrett?
Eine grandiose Geschichte wäre es auf jeden Fall, wenn erneut ausgerechnet Pliezhausen das Sprungbrett ins internationale Geschehen wäre. Möglich scheint für die Power-Frau alles. Die Devise bleibt die gleiche: Locker bleiben und zunächst einmal Mihambo und Co. ärgern. Dann geht es weiter. Am liebsten wären ihr Ausflüge nach Rom und Paris. (GEA)

