TÜBINGEN. Mit einem Feuerwerk an außerordentlich guten Leistungen begeisterten hochkarätige Leichtathleten aus aller Welt rund 3 000 Zuschauer beim Soundtrack-Meeting in Tübingen. Über die blaue Bahn wehte gar ein Hauch Europameisterschaft, als vor allem deutsche Athleten mit gleich sechs neuen Normen für die Heim-EM im August in Berlin und dazu mit einer Fülle an deutschen Jahresbestleistungen aufwarteten. Damit machten sie beim zweiten Meeting in der hiesigen Region nach Pliezhausen in diesem für sie so wichtigen Jahr erneut große Lust auf die olympische Kernsportart und ihre Namen sollten sich Sportfreunde merken.
Hürdensprint: Erst am vergangenen Donnerstag hatte sich Deutschlands bester Hürdensprinter Gregor Traber entschieden, beim Meeting seines Heimatvereins überhaupt zu starten, weil er wieder mit Schambeinschmerzen zu kämpfen hat. Doch bei seiner Premiere im SV 03-Stadion – »nur beim Sport-Abi 2012 bin ich bislang hier gelaufen« – ließ es der 25-Jährige, der inzwischen in Leipzig lebt, trainiert und studiert, dann krachen. In 13,35 Sekunden siegte der Blondschopf. »Das war traumhaft. Ich bin echt im Glück«, jubelte der Lokalmatador, nachdem er die drittschnellste Zeit in seiner Laufbahn erzielt und seine eigene Jahresbestleistung um drei Hundertstel verbessert hatte.
400 und 800 Meter:
Das Herzen, Küssen und Umarmen wollte kein Ende nehmen, als die Münchnerin Christina Hering nach einem packenden 800-Meter-Rennen in 2:00,48 Minuten als Erste ins Ziel gestürmt war. »Boah, was bin ich erleichtert. Das war für mich vom Kopf hier nicht einfach, weil ich im vergangenen Jahr ewig – auch hier in Tübingen – der WM-Norm hinterhergelaufen bin. Jetzt habe ich alles richtig gemacht. Ich habe den Sieg und die EM-Norm – mehr geht nicht.« Die 23-Jährige strahlte vor Glück. In einem schnellen Rennen war sie bis 120 Meter vorm Ziel hinter der Britin Adelle Tracey in Lauerstellung geblieben, ehe sie dank ihrer inzwischen doch großen internationalen Erfahrung einen klasse Schlussspurt hinlegte. Kurz vor Deutschlands bester 800-Meter-Läuferin war über die 400 Meter schon die Mannheimerin Nadine Gonska als Vierte in 52,06 Sekunden ebenfalls zu den drei möglichen nationalen Bestmarken gespurtet: EM-Norm, deutsche und persönliche Jahresbestleistung.
1 500 Meter: Mittelstrecklerin Hanna Klein aus Landau in der Pfalz setzte die Erfolgsstory der deutschen Läuferinnen fort. Die 25-Jährige, die schon über die 5 000 Meter die EM-Norm in der Tasche hat, kam hinter der überragenden Portugiesin Marta Pen Freitas (4:06,21) in 4:06,46 Minuten ins Ziel. Damit knackte sie die EM-Norm (4:09,00) klar und rechnet sich wie die den dreifachen WM-Torschützen Cristiano Ronaldo verehrende Portugiesin bei der Heim-EM einiges aus. »In diesem Rennen gab’s großes Gerangel. So was ist für mich immer noch ungewohnt, da mir noch viel internationale Erfahrung fehlt. Mein Ziel ist jetzt, weiter die Leichtigkeit zu bewahren«, sagte die WM-Neunte von 2016. Hinter der Kölner Psychologiestudentin wahrten sich die Norm-Erfüllerinnen Diana Sujew (Frankfurt/4:07,21/6.) und Caterina Granz (Berlin/4:08,12/9.) auch noch EM-Chancen. Nur 3 000-m-Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause (Frankfurt), die sich nur drei Tage nach ihrem Start in Ostrava (4:14,12) über die 1 500 m einem erneuten Härtetest unterzog, haderte mit sich nach Platz 15 (4:17,18). »Ich bin zurzeit platt und weder mit den Zeiten noch Platzierungen, die ich bislang erzielt habe, zufrieden. Ich bin noch nicht da, wo ich sein möchte«, sagte die 25-Jährige, die sich als Hindernis-Europameisterin nicht extra für die EM qualifizieren muss. Diese Chance hat Lauf-Wundertüte Homiyu Tesfaye nicht. Der Wahl-Frankfurter, der bislang erfolglos versucht hat, sich über die 10 000 oder 5 000 Meter für die EM zu qualifizieren, schrammte über die Mittelstrecke als Vierter in 3:38,09 Minuten um neun Hundertstel an der geforderten Zeit vorbei, während der 22 Jahre alte Australier Stewart McSweyn als Sieger mit der Weltklassezeit von 3:34,82 aufhorchen ließ. Tesfaye lächelte aber wie immer nur freundlich dazu: »Ich habe noch genug Zeit, mich zu qualifizieren.«
5 000 Meter:
Um 22 Uhr und unter Flutlicht sorgten die Langstreckler für einen brillanten Schlusspunkt. So faszinierte »Seehase« Richard Ringer vom VfB Friedrichshafen und besiegte mit einem atemberaubenden Schlussspurt den Afrikameister Mekonnen Gebremedhin aus Äthiopien. Mit 13:22,48 Minuten stellte der 29-Jährige, der als 10 000-m-Europacupsieger auch bereits für die längere Strecke für die EM qualifiziert ist, erneut eine neue deutsche Jahresbestzeit auf. Dazu schaffte der Freund von Hanna Klein, Marcel Fehr, als Vierter ebenfalls die Norm (13:37,28). »Auch wenn das Rennen sehr spät war und deshalb viele junge Leute zu Hause waren, so hat mich es schon gepusht, dass die Zuschauer dauernd meinen Namen gerufen haben. Aber ich hatte es heute sowieso im Gefühl, dass dieser Tag einfach gut für mich wird«, sagte der aktuelle deutsche Ausnahmeläufer Ringer nach seinem leichtfüßigen Auftritt. Kurz danach durfte er auch noch vor lauter Freude seine Freundin Nada Ina Pauer küssen, die als Achte des Frauenlaufs (15:40,61) für Österreich die EM-Norm erfüllt hatte. Richtig überraschte aber die in Tübingen lebende Elena Burkard (LG Farbtex Nordschwarzwald). Sie steigerte ihre eigene Bestleistung über die 5 000 Meter um sage und schreibe 55 Sekunden und erfüllte als Dritte mit 15:12,17 die EM-Norm (15:40,00), die sie auch schon über die 3 000 m Hindernis besitzt.
Sprungwettbewerbe:
Deutschlands beste Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch vom VfB Stuttgart musste sich im klasse besetzten Wettbewerb mit 1,90 m und Platz drei hinter der ukrainischen Vize-Weltmeisterin Julia Lewtschenko (1,92) und der Schwedin Erika Kinseg (1,92) begnügen. Ebenso im Weitsprung Talent Gianni Seeger vom TSV Gomaringen mit 7,16 m hinter dem Niederländer Ignisious Gausah (7,56) und dem Karlsruher Florian Oswald (7,25). Beide lokalen Athleten hatten mit ihrem Anlauf zu kämpfen. »Ich erwarte noch mehr von mir«, sagte deshalb Marie-Laurence Jungfleisch trefflich. (GEA)

