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DM über 10.000 Meter: Ein Fest für die jungen Außenseiter

Die Topfavoriten Homiyu Tesfaye und Corinna Harrer steigen bei den deutschen 10.000-Meter-Meisterschaften frühzeitig aus.

Sebastian Hendel lief den favorisierten Florian Orth, Simon Boch und Homiyu Tesfaye (von links) davon. Foto: Uschi Pacher
Sebastian Hendel lief den favorisierten Florian Orth, Simon Boch und Homiyu Tesfaye (von links) davon.
Foto: Uschi Pacher

PLIEZHAUSEN. Überraschungen und Enttäuschungen gab’s im Pliezhäuser Schönbuchstadion bei den deutschen Meisterschaftsläufen über 10.000 Meter. Die als haushohe Favoriten gehandelten Homiyu Tesfaye und Corinna Harrer stiegen beide in ihren Rennen vorzeitig aus. Die freie Bahn nutzten junge Läufer, deren Namen man sich merken muss, weil sie schon in diesem Jahr mit der Heim-Europameisterschaft in Berlin vor Augen für sich Großes vorhaben.

»Es ging für mich darum, die EM-Norm von 28:55 Minuten zu unterbieten. Aber das Rennen war auf dem ersten Kilometer nicht schnell genug, sodass ich dann ganz allein Tempo machen und ständig alle anderen 20 Läufer überrunden musste. Das wäre bis zum Rennende ein weiter Weg für mich gewesen und mein Kopf hat mir das Gefühl gegeben, dass ich das nicht schaffe.« Er habe nicht mehr daran geglaubt, die EM-Norm zu schaffen, so erklärte der 24 Jahre alte Ausnahmeläufer Homiyu Tesfaye von der LG Eintracht Frankfurt, warum er bei Kilometer vier für sich das Rennen beendete und damit die DM um eine Attraktion ärmer machte.

Das wiederum scherte den erst 22 Jahre alten Sebastian Hendel von der LG Vogtland wenig. Kurz vor dem siebten Kilometer setzte sich der Junior in seinem ersten Meisterschaftsrennen bei den Aktiven Schritt für Schritt ab von den mitfavorisierten Florian Orth (29:29,09) und Titelverteidiger Simon Boch (29:24,95/beide LG Telis Finanz Regensburg) und hielt den so erarbeiteten Vorsprung bis ins Ziel. Er siegte mit neuer persönlicher Bestzeit von 29:13,64 Minuten. »Es war schwer, drei Kilometer alleine das Tempo zu halten, aber ich habe es geschafft«, zeigte sich das Langstreckentalent stolz. »Einwandfrei. Wir sind davon überzeugt, dass er sich für die EM qualifizieren kann. Doch in seinem ersten Jahr bei den Aktiven sind für ihn die 5.000 Meter wohl besser als die 10 000. Da greift er in zwei Wochen die Norm an«, zeigte sich auch sein Vater und Trainer Udo Hendel hochzufrieden über den Coup.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wahl-Stuttgarter Arne Gabius mit rund hundert Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren schon das Stadion verlassen, die 15 bis 30 Minuten laufend im Oval am Schönbuchrand vor rund 500 Zuschauern für eine klasse Atmosphäre gesorgt hatten. Da der Deutsche Leichtathletik-Verband seine Titelkämpfe über die 25 Stadionrunden nicht wie bei den anderen Disziplinen üblich für alle EM-Kandidaten gemeinsam als Pflichtwettkampf ausgelobt hatte, greift Gabius erst später ins Geschehen ein.

Am 7. Juni im Rahmen des Diamond League Meetings in Oslo steigt ein hochkarätig besetztes 10.000-Meter-Rennen, bei dem sich der deutsche Marathon-Rekordhalter Gabius ebenfalls für die EM-Langstrecke qualifizieren will. Nun wird er in Norwegen auch Homiyu Tesfaye als neuen Gegner aus dem eigenen Lager haben, denn dort will auch dieser seinen nächsten Angriff auf die EM-Norm starten. Falls es nicht klappt, liebäugelt »Wundertüte« Tesfaye mit der Qualifikation über 1.500 oder auch über die 5.000 Meter bei den deutschen Meisterschaften am 21./22. Juli in Nürnberg. Ob sie bis spätestens dahin wieder fit genug ist, bezweifelt für sich Corinna Harrer. Die 27-Jährige stieg wegen eines sie stärker als gedacht plagenden Bandscheibenvorfalls nach fünf Kilometern aus.

Dank von der Erstplatzierten Anna Gehring für Zugpferd Deborah Schöneborn (links). Foto: Uschi Pacher
Dank von der Erstplatzierten Anna Gehring für Zugpferd Deborah Schöneborn (links).
Foto: Uschi Pacher

»Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Doch die Gesundheit geht vor. Ich habe mich nach drei schweren Jahren mit vielen Verletzungen hart zurückgekämpft, aber ich renne mich nicht mehr kaputt«, sagte Harrer. So gewann das erst 21 Jahre alte Riesen-Lauftalent Anna Gehring aus Köln in 33:33,96 Minuten den Titel bei den Frauen wie bei den U 23-Juniorinnen, will sich aber über die 5 000 Meter für die EM qualifizieren. Zweite wurde Deborah Schöneborn aus Berlin (33:37,48). Die 24 Jahre alte Medizinstudentin ist die Schwester von Lena Schöneborn, der Olympiasiegerin von 2008 im Modernen Fünfkampf, und konzentriert sich seit einem Jahr auf die Langstrecken. Auch von ihr wird künftig noch mehr zu hören sein. (GEA)