REUTLINGEN. Es ist wirklich absurd, was sich derzeit in der Reutlinger A-Liga abspielt. Die Young Boys Reutlingen II haben die zweitmeisten Treffer erzielt, blicken auf eine positive Tordifferenz (46:45) und stellen mit Eimen Zalloumi (19 Buden) zudem noch den mit Abstand besten Torjäger der Spielklasse. Dennoch steht die U 23 des Verbandsliga-Spitzenreiters nach zwölf Spieltagen mit nur zehn Punkten auf dem drittletzten Tabellenplatz. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Das ist völlig gaga«, sagt Trainer Erol Tatlici, als ihn der GEA auf diese kuriosen Statistiken seiner Mannschaft anspricht.
Zur Einordnung hilft ein Blick auf die beiden Tabellennachbarn: Die dritte Mannschaft des VfL Pfullingen auf Rang elf hat eine Tordifferenz von Minus 26, der SV Walddorf II auf Platz 13 sogar ein Torverhältnis von Minus 42. Und selbst Aufsteiger SV Wannweil hat als Neunter hinten insgesamt 13 mehr Treffer schlucken müssen, als man vorne selbst geschossen hat. Doch wie können die Young Boys II, die in gleich zwei Spielen der bisherigen Saison sage und schreibe acht (!) Tore erzielt haben, dann trotzdem so schlecht dastehen?
Viele Faktoren würden dafür eine Rolle spielen, betont der 45 Jahre alte Altenrieter (dort kommt auch St. Pauli-Coach Alexander Blessin her). Tatlici übernahm nach dem Abgang von Miguel da Silva zum Ligakonkurrenten TSV Eningen vor der Saison das Traineramt bei der U 23. Zuvor hatte er die A-Jugend beim Verein von Präsident Thorsten Bauer gecoacht. Vor allem der große Umbruch im Sommer hat wohl einen entscheidenden Anteil daran, dass manchmal selbst drei erzielte Treffer seiner Mannschaft nicht für einen Sieg reichen. Denn: Bei den vielen Wechseln im Sommer sind vor allem in der Defensive wichtige und erfahrene Stützen weggebrochen.
»Es ist definitiv nicht Qualität, sondern die Erfahrung, die einfach noch fehlt. Ein 18-Jähriger geht anders mit Druck um, wenn einen zwei oder drei Spieler auf ihn zulaufen, als ein 25- oder 30-Jähriger, der in diesen Momenten cool bleibt«, erklärt Tatlici, der einen blutjungen Kader beisammen hat. Vier Akteure seien Ü 25, »beim Rest sind wir zwischen 18 und 21 Jahren« berichtet der YB-Coach. Dadurch hätte man erstmal viele Basics und taktisches Wissen vermitteln müssen. Schließlich weht im Aktivenbereich nochmals ein anderer Wind. Klar ist: So etwas braucht Zeit. »Aber die hast du in der in diesem Jahr sehr, sehr starken Reutlinger A-Liga nicht. Du kannst dir nicht viele Fehler erlauben, ohne dass sie gleich bestraft werden.«
Der Spielfilm ist häufig der Gleiche
Davon kann Tatlici ein Lied singen. Der Spielfilm am Sonntagmittag ist häufig der Gleiche, erzählt der 45-Jährige: »Gefühlt machst du in jeder Partie vorne drei Glocken und die Zuschauer stehen teilweise draußen und sagen: Wow, super gespielt.« Doch hinten wird seine Elf aktuell eben noch deutlich öfters bestraft und geht am Ende dann doch immer wieder als Verlierer vom Feld. »Das tut mir dann auch für die Jungs Leid.« Vorwürfe macht er seinen Schützlingen allerdings keine. Tatlici, der vor seiner Zeit in Reutlingen den TSV RSK Esslingen aus der A- in die Bezirksliga führte, stellt klar: »Junge Spieler dürfen Fehler machen. Eine U 23 ist schließlich primär dafür da, um Jugendspielern den Schritt in den Männerbereich zu erleichtern.«
Was macht ihm Hoffnung, dass sein Team bald schon - spätestens aber nach der Winterpause - aus dem Tabellenkeller rausfindet? »Kein Gegner hat uns in Grund und Boden gespielt. Wir konnten fast mit jeder Mannschaft mithalten und wollen in der Rückrunde nach oben klettern.« Dabei helfen sollen auch Defensiv-Verstärkungen für das junge Team in der Winterpause. Denn von der ersten Mannschaft werden bislang nur sporadisch Spieler runtergezogen, weil der Verbandsliga-Spitzenreiter immer wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hat.
Als weiterer Hoffnungsschimmer wäre zu guter Letzt auch noch Top-Torjäger Zalloumi zu nennen, der im Sommer von den A-Junioren des SSV Reutlingen kam und vor wenigen Wochen bei den Young Boys bereits Verbandsliga-Luft schnuppern durfte. »Er ist von Anfang an steil gegangen. Er ist brutal schnell, auch mit dem Ball am Fuß und besitzt ein starkes Dribbling«, lobt der Coach seinen Goalgetter und ergänzt: »Der Witz ist ja, dass Eimen schon doppelt so viele Tore haben könnte, wenn man schaut, welche gute Chancen wir uns herausspielen.« Auch das sei wirklich gaga. (GEA)


