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Wie der SSV-Pechvogel Marco Gaiser bei den Young Boys Reutlingen glücklich wurde

Drei Jahre lang konnte Marco Gaiser beim Oberligisten SSV Reutlingen sein Können nicht wirklich unter Beweis stellen. Im Sommer ging es für den Ex-Drittliga-Profi zu den Young Boys Reutlingen. Dort hat der 32-Jährige alle Skeptiker eines Besseren belehrt.

Lief in seiner Laufbahn auch schon in der 3. Liga auf: Young-Boys-Mittelfeldspieler Marco Gaiser (rechts).
Lief in seiner Laufbahn auch schon in der 3. Liga auf: Young-Boys-Mittelfeldspieler Marco Gaiser (rechts). Foto: Tobias Baur/Eibner
Lief in seiner Laufbahn auch schon in der 3. Liga auf: Young-Boys-Mittelfeldspieler Marco Gaiser (rechts).
Foto: Tobias Baur/Eibner

REUTLINGEN. Als der Verbandsligist Young Boys Reutlingen im Juni die Verpflichtung von Marco Gaiser unter Dach und Fach brachte, waren sich eigentlich alle in der Fußball-Region einig: Das kann ein Top-Transfer werden. Man hört schon, das Konjunktiv schwang in dieser Personalie unweigerlich mit. Was auch einen ganz bestimmten Grund hatte: Der ehemalige Drittliga-Spieler ist zwar ein begnadeter Kicker, konnte sein Können in den vergangenen drei Jahren beim Stadtrivalen SSV Reutlingen aber nicht wirklich unter Beweis stellen. »Vor allem die ersten beiden Jahre waren für mich eine echte Scheißzeit«, sagt Gaiser im GEA-Gespräch.

Wenn ein Spieler seiner Klasse in drei Oberliga-Spielzeiten auf nur 39 Einsätze kommt, dann muss etwas mächtig schiefgelaufen sein. Sein Körper ließ den 32-Jährigen etliche Mal im Stich. Los ging die Verletzungsseuche bereits kurz nach seinem Wechsel zum Kreuzeiche-Club im Sommer 2022. Während der Vorbereitung hatte Gaiser mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen. In den Griff bekommen hat er diese nicht wirklich, stattdessen »habe ich immer weitergemacht«, berichtet der zentrale Mittelfeldspieler und nennt das Resultat dieses Verhaltens direkt beim Namen: »Das war dann meistens zu schnell zu viel für den Körper und ich bin aus diesem Kreislauf nicht rausgekommen. Ich habe mir selber zu viel Stress gemacht.«

Der Karriereweg von Marco Gaiser

Der aus Kirchentellinsfurt stammende und mittlerweile wieder in K'furt lebende Marco Gaiser begann das Kicken bei seinem Heimatverein TBK. Über den SV Rommelsbach und SSV Reutlingen fand er den Weg in die Nachwuchsabteilung des VfB Stuttgart, bevor es für ihn zurück zurück zum SSV in die U 19 ging. Anschließend schloss sich der gebürtige Tübinger den Stuttgarter Kickers an. Für die A-Jugend der Degerlocher und das Profiteam spielte Gaiser insgesamt vier Jahre lang. Im Winter 2016 wechselte der heute 32-Jährige zum Regionalligisten FC 08 Homburg. Im Saarland blieb der Mittelfeldspieler bis 2019, ehe es ihn wieder näher in die Heimat zur TSG Balingen zog. Drei Jahre später ging es zurück nach Reutlingen. Von 2022 bis 2025 beim SSV, seit diesem Sommer nun bei den Young Boys. Insgesamt kommt Gaiser in seiner Karriere auf 16 Drittliga-, 98 Regionalliga- und 112 Oberliga-Spiele. (ott)

Nach der Achillessehnen-Thematik setzten ihn meistens muskuläre Probleme außer Gefecht. Einen Rhythmus zu finden, war so unmöglich. Kurz zusammengefasst: Es war ein unglückliches Kapitel beim SSV. Sowohl für Gaiser als auch für den Verein, der »sich sicherlich mehr erhofft hatte, als ich ihm geben konnte«, betont der Unglücksrabe. Obwohl es bereits eine mündliche Einigung gab, die Zusammenarbeit trotzdem nochmals fortzusetzen, trennten sich nach dem Saisonende die Wege zwischen Gaiser und den Nullfünfern.

Relativ schnell wurde sich der Routinier mit dem Markwasen-Nachbarn einig, weil auch zuvor bereits immer wieder loser Kontakt mit den Verantwortlichen und manchen Young-Boys-Spielern bestand. Wie gesagt: Auf dem Papier ein absoluter Top-Transfer für den ambitionierten Verbandsligisten, wäre da nur nicht seine lange Krankenakte gewesen. »Ich bin aber komplett vorurteilsfrei an die Sache rangegangen«, betont Young-Boys-Trainer Volker Grimminger, der sich intensiv um den Mittelfeldspieler bemüht hatte. Es hat sich gelohnt.

Unverzichtbarer Leistungsträger im Mittelfeld

Denn wenige Monate später hat Gaiser alle Zweifel beiseite geschoben. Der 32-Jährige ist neben Kevin Haußmann das Herz im Mittelfeldzentrum der Übermannschaft im württembergischen Oberhaus, geht als unverzichtbarer Leistungsträger voran und kam bereits in 15 Spielen (ein Tor, vier Assists) zum Einsatz. Fast genau so viele wie in seinen ersten beiden Jahren beim SSV zusammen (18). »Marco hat etwas, was man nicht lernen kann: Fußball-Intelligenz. Er ist extrem spielschlau, man merkt einfach, dass er schon höher gekickt hat«, berichtet der Reutlinger Coach über seinen Schützling, den er »Gaisinho« nennt. Er ergänzt: »Gerade in Spielen, in denen es Spitz auf Knopf steht, macht er aufgrund seiner Erfahrung häufig den Unterschied.«

Kurios: Grimminger hat »Gaisinho« auf maximal 30 geschätzt. »Ich kenne das Alter keiner meiner Spieler«, gibt der 45-Jährige zu und lacht. Ihm sei es egal, wie alt seine Spieler seien: »Wer die Leistung bringt, der spielt.« Im Januar wird der Sommerzugang 33 Jahre alt. Damit ist der Mann mit den raumgreifenden Schritten hinter Matthias Dünkel der zweitälteste Spieler im Team der Young Boys. Vielleicht ist es genau dieser Punkt, der ihn jetzt so befreit aufspielen und einfach Spaß haben lässt. »Weil ich natürlich auch weiß, dass das Ding nicht endlos und irgendwann zu Ende ist«, sagt der körperlich extrem starke und 1,87 Meter große Mittelfeldspieler.

Agreement zwischen Gaiser und Trainer Grimminger

Davor möchte Gaiser aber unbedingt mit den Young Boys in die Oberliga aufsteigen. Die Chancen sind so gut wie noch nie. Vor dem letzten Spiel im Jahr 2025 am Samstag (14 Uhr) gegen den VfR Heilbronn haben die Young Boys sechs Punkte Vorsprung vor dem Tabellenzweiten FC Holzhausen. Um das große Ziel zu erreichen, braucht es aber auch den Ex-Drittligaprofi in einer fitten Verfassung.

Dafür gibt es ein Agreement mit seinem Trainer. »Volle gibt mir aufgrund meiner Verletzungshistorie einen gewissen Freiraum. Zum Beispiel, auch mal ein Training auszusetzen. Ich versuche, so gut es geht, mich pflegen zu lassen und auch fleißig ins Gym zu gehen«, erzählt der Routinier, der inzwischen eines gelernt hat: Auch mal Nein zu sagen. »Davor hatte ich oftmals ein schlechtes Gewissen, wenn ich gesagt habe, dass ich mal eine Pause brauche. Das kann ich jetzt deutlich besser einschätzen.«

Vielleicht ist es diese Erkenntnis im gereiften Alter, die ihn wirklich zu einem Top-Transfer für die Reutlinger gemacht hat. »Ich bin gottfroh, dass das alles so gekommen ist«, betont Gaiser und strahlt mit seinem Zahnpasta-Lächeln über beide Backen, als wolle er der ganzen Fußball-Region sagen: So glücklich war ich schon lange nicht mehr. (GEA)