PFULLINGEN. Der Blick geht zum Boden, die Hand zum Kopf. Ratlos joggt der Kapitän des Fußball-Verbandsligisten Matthias Dünkel in der 85. Spielminute über den Platz. Auch seine Teamkollegen blicken ungläubig umher. Genau zwei Minuten vorher schoss Daniel Breuninger den Ball per Freistoß aus knapp 30 Metern ins Tor und machte den 2:1-Derbysieg für die TSG Tübingen perfekt. Nach 45 Minuten war mit diesem Ausgang nicht zu rechnen. Der VfL dominierte Tübingen zu Hause, spielte tollen Fußball und führte hochverdient mit 1:0.
Ratlos, was in der zweiten Halbzeit mit der Heimelf geschah, waren nicht nur die Spieler. »Ich kann leider nicht erklären, was passiert ist«, sagte der gefasste, aber sichtlich enttäuschte VfL-Trainer Michael Konietzny. Bereits in der sechsten Minute hatte Pfullingen die erste große Chance zur Führung. Über die rechte Seite setzte sich Außenverteidiger Simon Gorr durch und flankte scharf auf Torjäger Christian Locher, der am herausgelaufenen TSG-Keeper Luca Berisha scheiterte. Unmut gab es unter den Fans am Spielfeldrand über die vergebene Großchance durch den aus der Bezirksliga zum VfL gekommenen Angreifer: »Der braucht einfach zu viele Chancen«, hieß es.
Frick hat keinen Spaß
Besser machte es Locher mit seiner zweiten Möglichkeit und bewies den kritischen Fans damit seine Klasse. In der 14. Minute ging es erneut über die starke rechte Seite. Diesmal flankte Dünkel auf den VfL-Torjäger, der per Kopfball aus kurzer Distanz sicher verwandelte. Auch nach dem Treffer spielte nur Pfullingen. Einmal setzte sich der pfeilschnelle Lukas Klemenz durch und scheiterte am TSG-Schlussmann (23.). Ein anderes mal jagte Roman Schubmann einen Schuss aus der Drehung nur knapp übers Tor (35.). Von Tübingen ging derweil kaum Torgefahr aus.
»Wir sind gut in die gefährlichen Räume gekommen, haben Chancen kreiert«, befand auch VfL-Trainer Konietzny. Aber »dann musst du den Sack auch zumachen«, ergänzte er mit Blick auf die vergebenen Chancen. Wenig Spaß hatte TSG-Coach Michael Frick an der Seitenlinie, der einräumte, dass seine Mannschaft in der ersten Halbzeit Schwierigkeiten hatte: »Wir hatten taktisch ein Problem. Sie haben unsere rechte Seite überlagert, hatten dort immer eine Überzahl. Damit sind wir nicht klargekommen.«
Zweikampfstarker Ankele
Im Pfullinger Zentrum zog ein lauf- und zweikampfstarker Tom Ankele das Spiel an sich und ergänzte sich mit Kevin Haußmann, der später verletzt ausgewechselt werden musste, hervorragend. Die Abwehrkette bliebt durch das kompakte Mittelfeld fast beschäftigungslos und unterstützte hauptsächlich im Spielaufbau. Dass diese Partie kippen könnte, glaubten in Pfullingen wohl die wenigsten.
Doch TSG-Trainer Frick hatte einen taktischen Kniff parat, stellte seine Mannschaft auf die Überzahl auf der rechten Seite ein – und das funktionierte. Plötzlich war seine Mannschaft ballsicher, eroberte sich das Spielgerät wieder und wieder schnell. Der VfL wusste nicht weiter und musste zusehen, wie zunächst Tim Brändle einen Kopfball nach einer Flanke verwandelte (51.), bevor Breuninger den Endstand herstellte.
Pfullingen findet nicht mehr statt
Von Pfullingen kam fast nichts mehr: Ratlosigkeit pur auf dem Platz. Erst in der 80. Minute kam Roman Schubmann zu einem Abschluss, der knapp am kurzen Pfosten vorbeiging. In der Nachspielzeit hatte erneut Schubmann eine Möglichkeit. Der Ball aber flog knapp übers Tor. Im hitzigen Derby mit vielen Fouls hätte Tübingen durch Chancen in der Zwischenzeit aber auch noch höher führen können. »Ich denke, wir waren in der zweiten Halbzeit überlegener als Pfullingen in der ersten«, sagte Frick und empfand den Erfolg als verdient. Seine Mannschaft rieb es dem Kontrahenten unter die Nase und grölte im Kreis nach Abpfiff lautstark: »Derbysieger, Derbysier - hey, hey«. Es war der dritte Sieg nacheinander gegen Pfullingen. (GEA)

