FELLBACH. »Für die Zuschauer könnte es ein torreicher Samstagnachmittag werden.« So kündigten die Young Boys Reutlingen das Auswärtsspiel beim SV Fellbach in den sozialen Medien an. Und sie hatten allen Grund zur Annahme, dass der Ball das ein oder andere Mal im Netz zappeln könnte. Schließlich traf Reutlingen mit der zweitstärksten Offensive der Verbandsliga auf den Oberliga-Absteiger, der den viertbesten Angriff stellte. Doch nichts war es mit dem Torfest. Nach einer äußerst bizarren Begegnung liefen die Fußballer von Trainer Volker Grimminger nach einem 0:0-Remis bedient vom Platz. Oder vielmehr: Sie rutschten vom Rasen.
Denn was sich den 123 Zuschauern in Fellbach bot, war eines Verbandsligaspiels kaum würdig. Bei minus vier Grad Celsius Außentemperatur froren den Kickern nicht nur fast die Hände ab, auf dem mit Frost überzogenen Kunstrasen konnten sie sich spätestens in der zweiten Halbzeit kaum mehr auf den Beinen halten. So sah es zeitweise eher aus, als ob eine Schulklasse das erste Mal mit Schlittschuhen die Eishalle besuchte. Und in der dritten Minute der Nachspielzeit wäre für den Reutlinger Tabellenführer beinahe alles noch in die Hose gegangen. Beim Versuch einen Konter zu verteidigen, ruderte erst Mittelfeldmann Albert Silov heftig mit den Armen, bevor er sich schlitternd aus dem Zweikampf mit Fellbachs Rafael Terpsiadis verabschieden musste. Zwar bewegte sich der SV-Offensivspieler mit kleinen Schritten und nicht besonders schnell vorwärts - doch bei diesen Bedingungen reichte es. Auch die anderen Verteidiger fanden ihren Stand nicht, Terpsiadis mogelte sich einfach durch und zog ab.
»Das war ja gefährdend für die Gesundheit«
Glücklicherweise war Nikolay Goranov zur Stelle. Bereits fünf Zeigerumdrehungen vorher rettete der Young-Boys-Torwart in einem Eins-gegen-eins 25 Meter vor dem Kasten gerade noch. »Dir rutschen dann alle Bälle durch, weil sie einfach alle wegrutschen«, sagte Grimminger. »Jeder, der selbst mal Fußball gespielt hat, hätte das Spiel nicht angepfiffen. Das war ja gefährdend für die Gesundheit.« Und für die Trefferquote seines Teams. Ohne Torerfolg vom Platz zu gehen: Das hatte es für den ambitionierten Club in dieser Saison noch überhaupt nicht gegeben.
Und es hätte auch nicht so weit kommen müssen. Trotz angezogener Handbremse aufgrund der Glätte ging es im Prinzip nur in eine Richtung: das Tor des SV Fellbach. »Wir haben ein gutes Spiel gemacht«, befand Grimminger deshalb. »Sie haben es leidenschaftlich verteidigt, trotzdem wären wir der verdiente Sieger gewesen. Ich denke schon, dass wir das auf einem normalen Platz gewonnen hätten.«
»Eigentlich ist der bei Adil zu 1.000 Prozent drin«
Das Heimteam beschränkte sich bis auf die Konter in den letzten zehn Minuten ausschließlich aufs Verteidigen, stand mit einer Fünferkette in der letzten Reihe tief und kompakt. Bis zu den späten Chancen hatte Reutlingens Torwart Goranov frei, da es schlicht nichts zu tun für ihn gab. Die Young Boys dagegen konnten aus bekannten Gründen zwar nicht so fein und schnell kombinieren wie gewohnt, erarbeiteten sich durch ihren Ballbesitz jedoch einige gute Schusschancen. Spätestens in der 72. Minute standen die Zeichen auf Sieg. Stürmer Ante Galic wurde im Sechzehner gefoult, sein Partner Adil Iggoute trat vom Punkt an, vergab jedoch. »Eigentlich ist der bei Adil zu 1.000 Prozent drin. Er hat bisher acht Elfmeter gehabt und sie alle gemacht«, ärgerte sich Grimminger über die größte Chance der verrückten Rutschpartie.
Nicht nur die Fußballer auf dem Platz hatten mit den Temperaturen zu kämpfen. Auch die Fans. Schon während der Halbzeitpause schlugen einige von ihnen den Weg auf den Parkplatz ein. Dort setzten sie sich ins Auto und schalteten die Heizung ein. Pünktlich zum Wiederanpfiff ging es zurück ins Stadion. Belohnung in Form von Toren gab es für die Beharrlichkeit zwar nicht, aber immerhin ein warmes Getränk oder eine Stadionwurst. (GEA)

